Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1871)
- Date
- 1871-03-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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214 Mit Bangen sah man der Zukunft lentgegen. Wer wird den Kurhut erlangen? Da war der Domherr von Dienheim, der die. meisten Aussichten hatts; er war ein erklärter Judenfeind: , Vor einigen Jahhatte ein wohlhabender Jude sich die Erlaubniß von KursLrstlicher Kanzlei auSgewirkt, ein an die Judengaffe grenzendes Haus zu erwerben. Früh Morgens k-mw't der Frifenr zumFreiherrnvon Dienheim, um ihm die Allongenperücke aufzufetzen. : Was gibts Neues, Jean-Baptist?^ fragt der Domherr. „Nichts, Euer Gnaden, als daß wir Christen bald unser Bündel packen und über den Rhein nach Eastel ziehen können." „„Bist Du verrückt, Schambest?)?"" „Nein, Euer Gnaden; aber der Jude Moses hat daS 'Zellnersiche Haus gekauft, das an dieJudengasie stößt. Morgen wird der Jude Abraham daS Haus daneben kaufen und so fort, bis wir Christen ganz aus der Stadt gedrängt werden." „Du hast Recht, Schambest, das darf nicht sein! Ich werde zum Kurfürsten fahren und ihmVorstellungen machen'^ ' Und er fuhr zum Kurfürsten, und noch an demselben Tage wurde die dem Juden MvseS ertheilte Vergünstigung zurückgenowmey. '7 Wenn nur der Domherr von Dienheim nicht Kurfürst wird! Wer ober denn? Nächst dem Dienheimer hatte Graf Ingelheim die meisten Chancen. Dieser war früher ein Freund der Juden gewesen; aber seitdem ihn sein Bedienter bestohlen und ein Jude den Hehler gemacht hatte,, war seine Gesinnung verändert. Sollte man dem Jngelheimer wünscken, was man dem Dien- Helmer nicht gönnte? Uebrigens was half das Wünschen? Waren doch die Juden die Letzten, welche man bei der KurfütsteNwahl zu Rathe zog. Unterdeß war der Winter dahingegangen; das Peßochfest ging vcrül er, und Berg und Thal schmückten sich mit saftigem Grün, durch das die bunten Dsuwen des Frühlings durchleuchteten. Endlich kam der kangerwartete Tag, der den Bewohnern des KurfürstentbumS einen „ neuen LandeSvater geben^ sollte.. Die Domherren versymmrlten sich im Dom, um sich, im Gehrte für den wichtigen Act zu stärken. Wer wird her Erwählte fein? Die zwei Condidaten haben jeder eine gleiche Stkmmenzahl auf sich vereinigt; eS kann keine giltige Wahl zu Stande kommen; in diesem Falle besetzen Kaiser und Pabst den kurfürstlichen Stuhl. Da tritt der Freiherr von Breidenbach auf 7) Jean-Baptist. und mahnt zur Einigkeit^ aber die Anhänger des Dien heimers wollen vom Jngelheimer? nichts wiffn und ebenso umgekehrt; die gegenseitige Erbitterrmg ist zu groß. , ■ i „Meine gnädigen Herren vom Capiteh" lagt: da der Prekdenbacher, „seim wir klug! Kömmt keine gil tige Wahl zu Stande, so wird man uns einen jungen Prinzen berfetzen, wie ee jüngst in Eölni geschehen ist. Dann hat Niemand von uns, selbst hie Jüngsten nickt Aussicht, jemals den Ku'hut zu erlangen. Da sich nun einmal die Jngelheimer mit den Dienheimern nicht vereinigen können, so wählen wir einen Andern, einen alten, schwachen Ma m, der nur noch einige Jahre;u leben chat; dann ist der Streit nur vertqgt, und jede von beiden Parteien mag sich unterdesi.be streben ., das Ueb.rgewicht zu erlangen. Äher GinS muß ich hinzufügen, wählen Sie nicht mjch, ich bin zu krank und schwach und würdedie Anstrengungen und Aufregungen der Rezieruogssorgen nicht lange überleben." * 1 V -, , „Wählen wir den Breidenbächer!"^ rief Graf In gelheim, in Gedanken erwägend, daß in Nächster'Zeit einige Picebomberren von seinem Anhänge fn’e Cäpitel eintreten würden. „Ja, wählen wir den Brerderibacher!" rief Biäirijn Dienheim, wenigstens ftoh, daß sein Gegner s Graf Jngelheiyi, den Kurfürsten-Stuhl nicht'besteigen werde und in der Freude darüber auf die eigene Ständiger Höhung verzichtend. Als die Führte der beiden Parteien dem D«stn Herrn Franz Egon von Breidenboch ihre Stimmen ge geben hatten, zögerten ihre Anhänger nicht, gebenen Beispiele zu folgen. Die Kunde vom Ausfälle der stättgehäbten Wahl bereitete in Stadt und Land die größte Ueberraschung Niemand aber freute sich mehr als Herz Weisterlsels und die Seinen; fein Freund und Gönner war' der Herr des Laüdes geworden, und Herz hatte sein sürst licheö Wort — er träumte sich schon als Pärneß und reichen Monn. Als er aber denzum Kurfürsten Erwählten a«fsüchen und beglückwünschen wollte, wurde rr nicht von gelassen. - '' * „Ach," sagte Herz, „jetzt, da er Kurfürst ist will er nichts wehr von mir wissen; wie recht halt« doch David, als er sagte: Al tiwtechu Bindiwim, vertrauet nicht auf Fürsten!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Or. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.