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Der Israelit · 1871-03-15 · Heft 11 (15.3.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 11 (15.3.1871)
Date
1871-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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£13 „Was soll ich euch thun?^ fragte der Vater, „eS ist eben schlechte Zeit, und wir müssen uns durchhun» gern und durchfrieren, bis es besser wird! Da bin ich heute den ganzen Tag herumgelaufen und Hab« keinen Kreuzer verdient. Niemand will Neues Lausen oder seine alten Lstmpen verkaufen. Die Kälte, der Krieg und die Krankheiten — Gott, Gott, hilf unS, ehe eS zu spät wird!" „Und dein Freund," fragte Leah, „der Domherr von Breidenbach?" „Ich war heute bei ihm und klagte ihm meine Noth. Herz, sagte er. gedulde dich, bis ich Kurfürst bin. Wenn ich Kurfürst werde, dann so sollst Du Parneß *) werden. Auf parole d’honneur!" Faule Fische! Wird er jemals Kurfürst werden? Und wenn, werde ich bis dahin nicht erfroren oder verhungert sein? Der Kurfürst Max Wilhelm ist frisch und gesund, sieht jünger und besser aus als der Domherr von Brekdenbach. Und gesetzt, er stürbe heute würde das Capitel gerade den Breidenbacher wählen?" Unterdeß war eS dunkel geworden und Leah zündete eine Thranlampe an. Es war eiu düsteres, kaltes, feuchtes Loch, in das unS unsere Geschichte führt.,. Die Wände waren von Rauch geschwärzt; ein großer Kachelofen nahm einen nicht unbedeutenden Theil heS kleinen Zimmers ein; nichtsdestoweniger verbreitete er nur wenig Wärme, denn das Feuer darin war schon seit Stunden erloschen. Zn der Mitte des länglichen Zimmers stand ein Tisch, der nebst einer Bank, zwei Holzstühlen und einem großen Schrank das ganze Mobiliar ausmachte, wenn wir dir eichene Bettstelle nicht mitrechnen, die in der Nähe des Ofens stand. Im Hintergrund des Zimmers befand sich ein Alkoven, in den ebenfallsein Bett aufgefchlagen war. DaS Zimmer und der Alkoven und eine kleine, rußige, dunkle Küche mit wenigem irdenen Kochgeschirr — daS war die gan^ Einrichtung der Familie Weißenfels. Wenn man heute durch bie Judengafse zu M. geht und die Keinen elenden Häuschen betrachtet, so begreift man kaum, wo die Proletarier-Familien, die dort wohnen, darin Platz finden; und zur Zeit unserer Erzählung mußten in diesen ärmlichen, engen, feuchte» Baracken drei oder vier jüdische Familien Raum genug haben. Waren doch die Bekenner des emsigen Gottes, mochte sich die Gemeinde derselben auch noch so sehr vermehren, auf den engen Raum der zwei Iudengassen angewiesen, außerhalb welcher kein Jude. WohNLU. dürste.. Freilich gibt eS auch grüße,e Häuser in der Judengasse, in denen heute ehrsame Handwerker wohnendiese gehörten damals den Matadoren der Gemeinde, den Reichen. 1) Vorsteher. Während Herz und die Seinen in dampfet Verzweiflung da. saßen, öffnete sich die Thüre, und ein schöner Knabe trat herein. ^Gulen Abend, Herz," sagte er, „mein Vater läßt Euch grüße» und Euch sagest, daß meine Schwester Buhle beute Abend Knaß legt2) mit Rabbi Meyer Zelemmokem 2) seinem Joseph." Dabei legte der Knabe ein in Papier gewickelte« Geldstück auf den Tisch. „Maseltow, maseltow *)," rief Herz, ich laste deinem Vater Maseltow wünschen und Zejascher Koach.^) sagen. Ein seiner Schidduch«)". Der Knabe ging und Herz ergriff eillg d-aS Geldstück, es aus seiner Papierhülle lösend. E< war em blanker ® .Iben. „ Lauf. Leah," rief er, das Geld feiner Frau reichend, „hole eilig Holz und Brod und Kaffee, daß wir uns erwärmen und sättigen können." „Komm, Mirjamchen, mein Herz!" Jagte die Mutter, sich in ein Tuch hüllend, „geh mit mir, ich kann's aüein nicht tragen." Bald kamen sie wieder mit allem bepackt, wqS zu einem Feuer und einem Abendbrod nöthig war. , Leah warf die Sachen aus den Tisch und rief ganz außer sich: „WaS meinst Dü, Herz, was der rothe Konrab, der Ladendiener „ins Zulehners" eben erzählt hat?" „„Wie soll ich wissen?"" „Wenn's wahr wäre und wenn...." „„Nun sag' doch erst, was!" „Der Kurfürst ist vor einer Stunde plötzlich storben st. „Boruch Dajvu Emmeß f Gelobt fei der wahrhafte Richter! Wer hätte das gedacht? Heüte Nachmittag ist er nvch ausgefahreii k O, wenn Brekdenbach Kurfürst würde — dann wäre uns geholfen."" DaS Abendessen schmeckte der Familie noch einmal so gut; die Hoffnung war wieder eingekehrt in die verzweifelnden Herzen. Er war ein guter Herr gewesen, der alte Max Wilhelm; wenn er den ZUden auch nichts Gutes erwiesen hatte, so hatte er auch nicht, wie so Mancher seiner Vorgänger, sie bedrückt oder unerschwingliche Lasten aufgelegt; er hatte sie oftmals in Schutz genommen gegen Unrecht und Gewalt, und der Jude ist dankbar. So wurde er den» allgemein betrauert; auch in der Synagoge wurde ein Trauer-Gottesdienst abgehalten und für das ewige Heil des verstorbenen Landesherrn gebetet. 2) das Verlobungsfest feiert. 3) Kreuznach. 4) aut Glück! 5) Dank! 6) eine gute Partie.

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