Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1871)
- Date
- 1871-03-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447511--09185-2464868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
212 Soldaten, und schließlich das Wussaphgebet. Um 5 Uhr versammelte uns das Minchagebet zum dritten Male. Mach -Beendigung desselben hielt ich an die versammelten Soldaten eine auf den Endversen der nn» moen basirende Anrede, der dann dos Z^rt-Gebet folgte. Auch Sonntag früh versammelten wir uns zu gemeinschaftlichem Gebete; aber schon am Montag Morgen setzte eine rmerbittlicke Marschordre ganze IX. Armeecorps gegen Tours und die DemarcationSltnie in Bewegung. Auf diese Weise war ek mir zu meinem, großen Bedauern unmöglich, die z-hlreichen Lazarethe in Orleans zu frequentiren. Von den 950 dort befindlichen Lazarethen besuchte ich fünf, ftznd. aber in keinxm derse'ben Glaubensgenossen vor. In Orleans selbst herrschte unter der jüdischen Gemeinde eine Gleichgiltigkeit für das Jüdische; und ln Folge dgvon eine Zerfahrenheit aller diesbezüglichen .Verhältnisse,. wie man sie , Gott sei's gedankt, Bei unS in.Deutschland doch nicht kennt. Die Gemeinde besieht auS ca. 20-meistens dem Mittelstände angehörigcn. Familien. Herr B. Flaschner, ein mit seiner Familie aus Ungarn hier ein gewanderter 23'.«* Hermann, der als ministre du culte israelite sunirt, hat mir das ganze Elend.geschildert, in welchem ier 'das Judenthum tagtäglich mrhr verkömmt.' Die Kinder wachsen ohne jeglichen religiösen Unterricht heran, und ein schon Mehrere Wochen alte- Kind ist noch heute nicht in den Abrahamsbund ausgenommen, weil eS durch die Belagerung von Paris an einem bmo fehlte. Die Synagoge war seit dem zweiten Tage de- Laubhüttensestrs geschlossen und wurde erst durch unseren Gottesdienst nach langer Zeit wieder geöffnet. Der Sabbat wird öffentlich entweiht, und nur die Sckechitah ist hier in guten Händen. Herr Flaschner '"j ist Verfasser eines 1.850 in Wien erschienenen Schechitahbuäes: nnstcra rat. Nichts erinnert an die große jüdische V rgangenheit, die hier in Orleans zur Zeit ber rt.SJDin blühte; keine schriftliche oder sonstige Nachricht. Eine dunkle und sehr unzuverlässige Sage bezeichnet ein Haus — wenn ich nicht irre, in der rue Bourgogne, — als ein früheres amen rva; und außerdem soll eine auf der Präfektur befindliche Urkunde die Nachricht enthalten, daß eine der größten Kirchen Orleans früher eine Synagoge;war. Sonst hat man für die Blüthe, welcher sich hier im. Mittelalter das Judenthum erfreute, keinen Beleg, als den traurigen Verfall, in dem es sich heute befindet; der das Wort unserer Weisen bewahrheitet: -inio 3->mo nnvo enpon Palästina. Jernsaler», 19. Schebat. Die deutsch-jüdische Colonie in der heiligen Stadt Jerusalem hat am 31. Januar 4 Uhr Nachmittageinen feierlichen Dankgottesdienst für den Deutschen Kaiser und für den Erfolg seiner Waffen abgehalten. Zur. bestimmten Zeit versammelten sich die deutsch-jüdischen Schutzgenossen im Beihause p'L nana. Die Flagge des deutschen. Reiches wurde am Bethause aufgezogen; das Innere des Bet- Hauses war vom Vorstand der Gemeinde herrlich decorirt , Hunderte von Lampen, silberne Leuchter mit Kerzen brannten vor dem vnpn ynn; im Hofraum des Bethauses war ein Musikcorps von jüdische« Musikanten aufgestellt. i/2^ Uhr wurde das nd'vn nrucn gebetet; um 4 Uhr erschien der General-Consul, Herr Baron von Alten in Galla-Uniform in Begtestund Herrn Kanzler Dr. C. Kersten mit sämmtftchem Consulatspersonale. Dieselben würden vom Vorstande am Eingänge deS Hofes empfangen, das Musikcorps spielte die deutsche Volkshymne, bis die Herren in das Bethaus hineingeführt wurden. Hierauf hielt Herr S. H ausd yr ff eine kurze aber ergreifende Rede, in welcher er den Zweck der. Versammlung^ die Bedeutung dieser erhabenen, seltenen Feierlichkeit , auseinandersetzte. Dann trug der berühmte Cantor Zallel Schulsinger in Begleitung von 8 Sängern Psah, men in passender Auswahl vor, denen das Gebet für S. Maj. den Kaiser Wilhelm NMLN in deutscher Sprache folgte. .7 Schließlich wurde b»orn t&D dsr für die gefallenen jüdischen^Krieger gebetet. Dxr General-Consul bankte herzlichst, ließ sich den 75jährigen Kantor borstellen und drückte ihm dankend die Hand, und üher^ reichte d^m Vorstände ein Schr.-iben, enthaltend die Genehmigung des BuvdeS - Kanzlers für den Schütz des jüdischen deutschen Hospitals zu Jerusalem. S e n il I e t o it. Zur rechten Zeit. i. Der neue Kurfürst. Es war ein ausnahmsweise kalter Winter; schon im November war eS kalt geworden und war mit kurzen Unterbrechungen kalt, sehr kalt geblieben bis in die Mitte des Februar. „Wann wird dieser schreckliche Winter einmal zu Ende gehen?" seufzte Herz Weißenfelö, sich vor Frost schüttelnd. „Ach, wenn man nichts gegessen hat, da tbut die Kälte doppelt weh." „Und wenn man," sagte Leah, sein Weib seufzend „nicht Aussicht hat, Feuerung und Nahrung zu erhalten!" „Uud keine Kleider, sich ordentlich anzuziehen!" jammerte Mirjam, die einzige Tochter des Ehepaars