Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1871)
- Date
- 1871-03-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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191 lurrg der nationalen Selbstständigkeit durch Gewaltacte herbeizuführen versuchen würden oder, wenn wir. durch unerlaubte Mitel die Rückkehr nach dem Lande unserer Väter befördern wollten; wenn dies überhaupt uns nur beikommen könnte: dann wären wir allerdings ungerecht und strafbar. Aber es hat die Vorsehung auch dafür gesorgt, daß wtr einem solchen Gedanken niemals Raum geben können: „nm ddhn 'nyaffn 'Di oPffii'" Beschworen wurden wir, jene Zeit nicht durch Verrath und nicht durch Empörung gegen die Fürsten und Völker, unter denen wir leben, herbeizuführen. Die Ehrfurcht vor dem LandeSfürften ist bei uns nicht bloS Landesgesetz, sondern auch heiliges Gebot: „"pai '33 'n nx 83’" wurde uns eingeprägt, „Ehrfürchte Gott, mein Sohn, und den König". Eine andere, würdigere und höhere Idee ist es, die uns beseelt. Wenn wir den Worten unserer Propheten lauschen und an der Göttlichkeit derselben nicht zweifelnd eine Idee erfassen, daß einst alle Menschen, Fürsten und Völker, durch den göttlichen Geist erleuchtet uns zurufen werden: N3v3i 13b 3py n’3" „n 3183 „Haus Jakob auf! Wir wollen wandeln im Lichte des Herrn;" „daß sie selbst Opfer und Geschenke zur Verherrlichung des einig einzigen Gottes spenden werden; jeder Streit und jeder Krieg aufhören, und kein Volk gegen das andere, kein Mensch gegen den andern das Schwert ziehen wird; daß wir ein Volk im Priesterstande, ein „ffiap 'Ui ll'3.33 ro^DD' der Verehrung und dem Dienste Gottes geweiht sein werden und der König Messias aus dem Hause David, weiser als Salomo, ein Prophet, beinahe wie Moscheh, durch seinen schiedsrichterlichen Ausspruch den Frieden in der ganzen Welt Herstellen wird"; wenn wir diesen Verheißungen lauschen, ist das etwa Verrath? Ist die Hoffnung auf eine vollkommene Erlösung — nicht blos der Juden allein, sondern der ganzen Menschheit von ihren Lastern und Jrrthümern, - und allgemeine Anerkennung der Wahrheit, wie wir eö am Schluffe eines jeden Gebetes aussprechen, Verrath? Wir sprechen nämlich: ,,'di -fr mpj p vy". „Wir hoffen zu Dir, Ewiger unser Gott, bald „zu schauen die Herrlichkeit Deiner Macht, daß „alle Menschen Deinen Namen anrufen, alle „Frevler sich Dir zuwenden und alle Weltbe- „wohner erkennen und begreifen werden, daß „nur Dir jedes Knie sich beugen, jede Zunge „schwören muß." u. s. w. Ist nun die Hoffnung auf eine solche Zeit der allgemeinen Veredlung und sittlichen Erhebung der Menschheit Verrath? Nein, meine Herren, der Jude kennt keinen Gewaltakt, kennt auch keinen Verrath. Aber traurig, ja betrübend ist es, wenn aus unserer Mitte Stimmen laut werden, welche uns einen Vorwurf darüber machen, daß wir wegen der Gebete um Rückkehr nach Jerusalem einer Illoyalität geziehen werden könnten. (Stürmischer Beifall.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 5. März. Bei der vorgestern stattgehavten Wahl xum ersten Reichstag wurde im neunten hessischen Wahlbezirk unser Glaubensgenosse, der als geistvoller politischer Schriftsteller bekannte Herr Ludwig Bamberger von hier zum Abgeordneten ernannt; er vereinigte auf sich fast 1600 Stimmen mehr als der ihm am nächsten kommende Gegenkandidat, Domkapitular Moufang. Das Ergebnis ist für Herrn Bamberaer um so ehrenvoller, da er unter einer zum größten Theil katholischen Bevölkerung als Bewerber austrat gegenüber einem hochgestellten und als Volksredner besonders beliebten Würdenträger der Kirche, der von der gesammten Geistlichkeit empfohlen war. Der Erwählte bekannte sich in seiner Kandidatenrede öffentlich als Jude, indem er daran die Mahnung schloß, alle Vorurtheile der Konfession gegen einander schwinden zu lassen. Keine Stelle des überaus glänzenden Vortrags fand eine günstigere Aufnahme; donnernder Beifall verkündete die Uebereinftimmung der nach Tausenden zählenden Versammlung mit den Ausführungen des Redners. Welchen Ruhm verdient doch diese erleuchtete Gesinnung unserer Mitbürger! Mainz, 7. März. Die Friedensfeier in der Synagoge der isr. Religionsgesellschast machte dadurch einen ganz besonders erhebenden Eindruck, daß circa 100 deutsche Soldaten jüdischen Glaubens, darunter viele mit dem eisernen Kreuze geschmückt, und ungefähr 50 französische Soldaten dem Gottesdienste anwohnten. Herr Rabbiner vr. Lehmann wies in der Festpredigt besonders darauf hin, daß die Juden in Deutschland als Deutsche, in Frankreich als Franzosen mit großer Hingebung ihre Pflichten erfüllt und gern und fteudig für ihr Vaterland ihr Leben eingesetzt haben. Als der Redner die Schrecken des Krieges schilderte, vor denen Gott Deutschland gnädiglich bewahrt hat, als er das Wort an die tapferen Krieger richtete und sie zum Danke gegen Gott, der sie von so vielen Gefahren errettet, aufforderte, als er die Väter und Mütter anredete, die jetzt nicht mehr für das Leben ihrer noch auf dem Kriegsschauplatz befindlichen Söhne zu sorgen und zu bangen haben, blieb kein Auge thrä-- nenleer. Herr Cantor Marx und der von Herrn Wolf