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Der Israelit · 1871-03-01 · Heft 9 (1.3.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 9 (1.3.1871)
Date
1871-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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174 Anblick war es, als im Anfänge deS Krieges die armen Verwundeten und Kranken in Packwagen, auf Stroh gebettet, den Bahnhof pafstrten! Jetzt haben die verschiedenen WohlthätigkeitSgesellschaften Lazarejhzüge eingerichtet, die in der That unserer Zeit zum Ruhme gereichen. Viele Wagen sind aneinandergereiht und miteinander in Verbindung gebracht, so daß man selbst während der Fahrt durch den ganzen Zug hindurchgehen kann. An den Seiten der Wagen sind Betten nach Art der Schiffshängematten übereinander angebracht, und zwischen den Betten befinden sich Lehnstühle für Leichtverwundete. Eine Küche, eine DorrathSkammer enthält der Zug und eine Apotheke, ebenso besondere Wagen für die Aerzte und Krankenpfieger, so daß für alle Bedürfnisse der Kranken während der Fahrt gesorgt werden kann. Gabriel genoß die sorgfältigste Pflege; nichtsdestoweniger verschlimmerte sich sein Zustand durch die Bewegung der Fahrt ganz außerordentlich; er fiel in ein heftiges Wundfieber und fing an zu phantasiren. Als der Zug in Mainz ankam, hatte die Krankheit Gabriels einen höchst bedenklichen Grad erreicht. Die Aerzte widersetzten sich seiner Weiterbeförderung, und so wurde denn der verwundete Offizier in das Hospital „Prinz Carl" verbracht. In der Eile und Verwirrung jedoch wurde vergessen, nach Name und Heimath zu fragen; der Verwundete selbst aber lag in Fieberphantasien und vermochte keine Auskunft zu geben. Zn H. wartete man vergeblich auf Brief von Gabriel. Endlich kam ein an ihn gerichtetes Feld- Post-Paquet mit dem Bemerken zurück, daß der Adressat verwundet und in’8 Hospital nach Versailles verbracht sei. Trotz der rauhen Jahreszeit ließ sich der alte Herr Burgwald nicht zurückhalten. Er fuhr, sobald die nöthigsten Reisevorbereitungen getroffen waren, nach Frankreich. War das eine schwierige Fahrt! Bis Cöln kam fr rasch über Weg; aber um nur von da nach Aachen zu kommen, mußte er Stunden lang warten. Und erst in Frankreich selbst, welche ungeheure, nicht geahnte Schwierigkeiten stellten sich seiner Weiterreise entgegen! Endlich, endlich kam er in Versailles an; da wandelte er von Hospital zu Hospital, doch nirgends war eine Spur vo i Lieutenant Burgwald zu finden. Der alte Mann verzweifelte schier; aber unverdroffen begann er das mühevolle Suchen aufls Neue. Als er in einem der Lazarethe einen Lazarethgehilfen um deffen Beihilfe im Aussuchen seines Sohnes in Anspruch nehmen wollte, fragte dieser: „Sind Sie Jude?" „„Ja,"" antwortete Herr Burgwalb. „Und Sie suchen Ihren Sohn, einen Offizier?" »»Ja, ja, helfen Sie mir ihn suchen, ich will Sie gut belohnen."" „War Ihr Sohn ein frommer Jude, hatte er Tephillin bei sich?" „„Aber, lieber Mann, kann Ihnen das nicht gleichgiltig sein?"" Da zog der Lazarethgehilfe einen von einer Kugel durchbohrten Tephillinbeutel aus der Tasche. Herr Burgwald stieß einen Schrei aus, als er das Beutelchen erblickte. „Ja," rief er, „das ist der Tephillinbeutel meines Sohnes! meine Tochter Emma hat ihn gestickt!" „„Dieser Tephillinbeutel,"" sagte der Lazarethgehilfe, „„oder vielmehr die zerschossenen Tephillin darin haben ihren Sehn vor dem Tode bewahrt. Als er fortgebracht wurde, habe ich — auch ich bin Jude — das Beutelchen an mich genommen."" „So lebt mein Sohn und ist fortgebracht worden?" „„Er lebt, und da es besser mit ihm ging, hat er sich nach H. zu seiner Familie tranSportiren lasten." " „Aber er ist in H. nicht angekommen!" „„Vielleicht ist er während der Zeit angekommen, daß Sie hierhergereist sind."" Burgwald belohnte den Lazarethgehilfen und nahm den Tephillinbeutel an sich; dann eilte er auf's Telegrapfenbüreau, um bei den Seinen anzufragen, ob Gabriel unterdeß angekommen sei. Erst am andern Tage kam die Rückantwort, daß der Vermißte noch nicht da sei. So entschloß sich denn Burgwald zur Rückreise, auf jeder Station, an der sich Lazarethe befanden, Halt machend und nach seinem Sohne fragend — allein, alles Suchen war vergeblich. Burgwald kehrte endlich nach H. zurück, den ungeduldig seiner Harrenden nichts von dem Vermißten als den durchschossenen Tephillinbeutel und deffen Inhalt heimbringend. Zu Hause angekommen, versuchte Herr Burgwald noch ein Mittel; er ließ einen Aufruf in den Zeitungen ergehen, in welchem er nach dem Verbleiben seines Sohnes forschte. Es war eine traurige Zeit, welche die Familien Burgwald und Windsheimer verlebten, wechselnd zwischen Trauer, Schmerz und — Hoffnung. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.

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