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Der Israelit · 1871-03-01 · Heft 9 (1.3.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 9 (1.3.1871)
Date
1871-03-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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173 tiect. Aber wie sah eS darin aus! Die prachtvollsten, mit Golddamast überzogenen Möbel waren zerschlagen und mußten manchmal dazu dienen, um als Feuerung die grimmige Kälte zu vertreiben. Am Abend des 18. hatte sich Gabriel erinnert, daß das Chanukah- Fest herangekommen; er hatte in vorgeschriebener Weise das Licht angezündet. Wie fröhlich hätte er jetzt sein können, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, daheim zu sein bei allen seinen Lieben! „Da sitzen sie wahrscheinlich zu Hause," dachte er, „die beiden vereinigten Familien, rings um den Tisch herum, in traulicher Unterhaltung oder mit Spielen sich erlustigend! Jetzt seufzt die Mutter: Wäre Gabriel nur da! und Philippine fügt ein herzhaftes Amen dem Wunsche hinzu. Ja, wenn ich daheim wäre!" Er konnte sich heute der Sehnsucht, der Wehmuth nicht entschlagen. Der Morgen des 2l. December brach an; blutigroth färbte die Sonne das weiße Schneegefilde. Bald sollte der Schnee mit Blut geröthet werden. Es währt nicht lange, so werden die Truppen alarmirt zum heißen, bitteren Kampfe. General Ducrot hatte bereits am 20. einen Ausfall gemacht nnd mit großer Uebermacht die Deutschen aus mehreren Positionen vertrieben. Diese mußten wieder genommen werden um jeden Preis! Wie wogte der Kampf. Die Forts Jssy und Mont Valerien spien ein wahres, verderbenbringendes Feuermeer aus. Vorwärts, vorwärts drängten die tapfern deutschen Krieger, nicht achtend, daß ihre Reihen gelichtet wurden. Die verlorenen Positionen wurden wieder genommen, die Franzosen zurückgedrängt. Da drang der Feind mit großer Stärke aus den Forts St. Denis und Aubervitliers hervor, gerade aus die Garden los, um einen Durchbruch zu erzwingen. Das Regiment, in welchem Gabriel diente, war für heute den Garden attachirt worden. Vierfach war der Feind den deutschen Truppen überlegen, aber diese standen wie die Mauern, während die Garde-Artillerie, vom Terrain begünstigt, ihre ganze Macht entfaltet und den von Trochu neuformirten Linienregimentern den empfindlichsten Schaden zufügt. Bei Le Bourget entbrannte der Kampf am heißesten, der 31/2 Studen lang mit unnennbarer Wuth geführt wird. Während dieses Artilleriegefechtes erreichte das Getöse des Kampfes seinen Höhepunkt; nahe an 100 Feldgeschütze feuerten wüthend und ununterbrochen, so rasch die Artilleristen nur laden und zielen konnten, aufeinander los; von allen Seiten blitzte und donnerte es aus finstern, drohenden Dampfwolken und dazwischen hörte man das eigenthümliche Pfeifen der schweren Granaten und das unheimliche Geknatter der Mitrailleusen. Endlich wankt der Feind. Drauf los, drauf los, um ihn in die Flucht zu schlagen! Gabriel dringt mit tapferem Muthe vor, eine Chassepot-Kugel streift ihm den Arm. „Sie sind verwundet, Burgwald," ruft sein Hauptmann, „ziehen Sie Sich nach dem Verbandplätze zurück!" In diesem Augenblicke platzt eine feindliche Granate und zerschmetterte dem Hauptmann den Kopf. Schon vorher war der Oberlieutenant kampfunfähig geworden; Burgwald übernimmt die Führung der Compagnie ohne seiner Wunde zu achten. Aber eine zweite feindliche Kugel trifft seine Brust; er sinkt leblos nieder. Zwei Soldaten ergreifen den geliebten Lieutenant, der immer so mild und gut gegen sie gewesen, und tragen ihn nach dem Verbandplatz. Die Franzosen müffen zurück in ihre Forts, der Sieg ist auf Seiten der Deutschen, ein glorreicher, gegen vierfache Uebermacht errungener Sieg! Aber Gabriel erfährt nichts davon; bewußtlos liegt er auf dem Verbandplätze. Ms Burgwald wieder zu sich kam, war die Kugel bereits aus der einen Wunde entfernt worden, beide Wunden verbunden. „Ihre Wunden, Herr Lieutenant," sagte der behandelnde Arzt, „sind an sich nicht gefährlich. Der Streifschuß am Arm wird in wenigen Tagen gut sein; die Kugel in die Brust hätte „eklig" werden können, aber sie stieß auf ein Beutelchen mit harten Lederkapseln, und dadurch wurde ihre Gewalt gebrochen." Er reichte ihm das Beutelchen, das Gabriels Tephillin, die er in der Brusttasche getragen, enthielt; die Tephillin hatten ihn vor dem Tode bewahrt — die Tephillah schel Rosch war von der Kugel zerfetzt. „Wie lange, Herr Doctor," fragte Gabriel, „werde ich kampfunfähig sein?" „„Mindestens sechs Wochen!"" „Und so lange soll ich im Lazareth liegen?" „„Sicherlich."" „O, schicken Sie mich nach Hause, damit mich die Meinigen pflegen können." „„Wir müssen erst abwarten, welchen Verlauf die Heilung der Wunden nimmt."" Er wurde nach Versailles in's Lazareth geschafft. Nach wenigen Tagen nahm die Wunde wirklich einen sehr günstigen Verlauf, und der Arzt gestattete ihm, mit dem nächsten Lazarethzuge die Heimreise anzutreten. Per Wagen wurde Gabriel nach Boissy geschafft, wo ihn der Lazarethzug der Hessischen Ludwigsbahn ausnahm, um ihn über Mainz der Heimath zuzuführen. Während die Männer des Krieges darauf sinnen, die Vernichtungswerkzeuge immer mehr zu vervollkommnen, damit den Mitmenschen desto sicherer Haus und Habe, Gesundheit und Leben geraubt werde, suchen die Männer des Friedens, da es ihnen einmal nicht möglich ist, der Uebel größtes, den Krieg aus der Welt zu schaffen, die Wunden, die dieser schlägt, zn lindern unv zu heilen. Ach, welch ein entsetzlicher

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