Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1871)
- Date
- 1871-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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170 sich hier nicht um das Verlassen der chr. Kirche überhaupt, sondern um drn Zutritt zu einer Gemeinschaft handle, die nicht allein den Stifter der christl. Religion vor 1800 Zähren verworfen habe, sondern auch noch heute im gleichen Haß und der nämlichen Feindschaft verharre. Danken wir Gott, daß diese Herren nicht mehr den Einfluß auf die Gemüther besitzen, der in den Zeiten des Mitttelalters die deutsche Erde so vielfach mit unschuldigem Blute gedüngt hat. Schließen wir das Referat über diese unerquicklichen Dinge, dem Purimfeste zu Ehren mit einer heitern Erzählung, die auf daS Gebühren so mancher im Namen des Christenthums predigenden Herren e'n eigenthümliches Licht wirft. In der Stadt V. im ehemaligen Königreich Hannover dursten vor der französischen Zeit keine Juden wohnen. Als Kaiser Napoleon I. das deutsche Vaterland „knechtete" fielen jene mittelalterlichen Gesetzen hinweg und auch in D. siedelte sich eine Anzahl jüdischer Familien an. Nach den „Freiheitskriegen" wurden mehrfach Versuche gemacht, di: Juden wieder zu vertreiben, wie es im benachbarten Bremen und in Lübeck wirklich geschehen (in beiden Städten wohnen erst seit 48 wieder Juden); aber die Hann. Regierung schützte ihre isr. Unterthanen. Uebrigens waren die Juden zu V-, lauter strengrechtliche Ehrenmänner, beim Volke beliebt und standen bei ihren Mitbürgern in hoher Achtung. Bald aber wurde ein Umschwung in der Stimmung der Bürger bemerkbar und es verlautete, daß der erste Geistliche am Dome, Consistorialra h I, in entsetzlicher Weise den Judenhaß predige. Einer der isr Bürger von V. ging darauf zu dem Geistlichen und stellte ihn zu Rede. „Ja, sehen Sie, mein Herr," sagte der Herr Consistorialrath, „Biele Juden wohnen in zum Dome eingepfarrten Häusern. Von diesen Allen bekomme ich keine Stolgebühren, habe keine Kindtaufen, keine Begräbnissen bei ihnen — wenn man also die Juden vertriebe und Christen die Häuser bezögen, so wäre das für mich von großem Vortheile." „Wenn es weiter nichts ist als das," entgegnete der Israelit, „so kann ich meine Collegen vielleicht veranlassen, Ihnen Ersatz für diese Gebühren zu geben. Zu diesem Zwecke müßten Sie mir aber das schriftlich bezeugen; die ander - hiesigen Israeliten würden mir sonst nicht glauben." Und der Herr Consistorialrath verpflichtete sich schriftlich) daß, wenn sich die Juden dazu verstehen würde,, ihm Sto'gebühren rc. zu ersetzen, er nicht mehr gegen sie predi.en würde. Der isr. Bürger von D. nahm die Bescheinigung und verwahrte sie in seiner Brieftasche. Dann sagte er: „Ich danke Ihnen, Herr Consistorialrath, daß Sie mir das Mittel in die Hand gegeben, Ihren judenfeindlichen Predigten ein Ziel zu setzen. Wie, Sie wollen ein Priester der Religion sein, die sich eine Religion der Liebe nennt, und um ein Paar elender Groschen willen, wollen Sie so und so viel Familien unglücklich machen, die Ihnen nie ein Leid zugefügt haben, wollen diese Männer, Frauen und Kinder dem Haß und der Wuth des Pöbels preisgeben? Keinen Heller bekommen Sie von uns! Lieber würde ich mein Geld in die Aller werfen, ehe ich es Ihnen gäbe! Aber, wagen Sie es nicht, noch einmal gegen die Juden zu predigen! Es gibt noch Behörden in Hannover, die Ihr Benehmen nicht billigen werden!" Der erschreckte Geistliche bat und flehte um Zurückgabe des compromittirenden Schriftstückes; der Andere blieb unerbittlich. „Ich werde," sagte er, „keinen Gebrauch davon machen, so lange Sie nicht feindlich gegen die Juden austreten werden." Herr Consistorialrath I hat keine judenfeindlichen Predigten wieder gehalten. Vielleicht offenbart die Geschichte später einmal die Motive der Herren Kleist Rezow, Senft Pilsach und des Consistorialpräsidenten Hegel. Wir aber woten uns mit dem Prophetenworte trösten, das Mordechai einst dem Haman zurief. v-r uoy o ,oip' tö', 121 roi ,-ieiro nsy nny „Sie rathen Rath, und er wird gestört werden, sie reden Wort, und es wird nicht Bestand haben, denn mit uns ist Gott. Zeitungsnachrichten und Correfpon denzen. Deutschland Oberdollendorf, 24. Jan. Die Wittwe I. N. Leubsdorf hatte durch Testament der hiesigen Synagogengemeinde einen Bettag von 3000 Thaler zum Neubau einer Synagoge vermacht. Von diesem Legate wurde die Gemeinde vom Königlichen Steueramte angehalten, einen Erbschaftsstempel von 240 Thaler zu bezahlen, worüber der Vorstand der Synagogen-Gemeinde sich bei dem Abgeordnetenhause beschwerte. Die Sache kam am 20. d. M. zur Verhandlung und berichtet hierüber die „Post": Ueber den Antrag des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Siegburg nur Stempelsreiheit und Rückerstat-