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Der Israelit · 1871-02-22 · Heft 8 (22.2.1871) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 8 (22.2.1871)
Date
1871-02-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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jeder Gemeinde einen oder mehrere prsposö particulier, die über die Ausführung der kgl. Befehle zu wachen unk jene Steuern einzutreibcn hatten; diese hatten auch das Recht, erforderlichen Falls eine Gemeindeversammlung zu berufen; sie hatten den Unordnungen vorzubeugen und durften zu diesem Zwecke mit Strafen Vorgehen bis zum Betrag von 3 Livres. Somit hätten wir mit einigen Zügen das Verhältniß der Juden zum Staate und ihre Gemeinde- Verfassung geschildert, wie sich dies in der ersten Zeit die Vereinigung des Elsaß mit Frankreich gestaltet hatte. Wir gehen nun auf ihre Privatverhältnisse über, um zu zeigen, wie sich diese an sich und zu ihren Glaubensgenossen und den christlichen Mitbürgern auSgebildet haben. (Fortsetzung folgt.) MMärische Ariefe von einem jüdischen Freiwilligen. UI. Nancy, im Schebat. Seit wenigen Tagen bin ich aus meiner bisherigen liebgewonnenen Ga^nisonstadt hinweg zur mobilen Armee beordert worden. Die in dem benachbarten k'outeii<>i8 gesprengte Elsenbahnbrücke nöthige uns, hier aus einige Tage Quartiere zu beziehen; und ich benütze die mir hieraus erwachsene Muße, um dem „Jsr." meine jüngsten Erlebnisse mitzutheilen; indem ich mir Vorbehalte, in einem späteren Briese aus die in meinen bisherigen Berichten besprochenen Verhältnisse zurückzukommen. Am verflossenen Donnerstag Abends habe ich meine Reise angetreten. Eingedenk des wahren Wortes, daß man das Unmögliche verlangen müsse, um das Mögliche wenigstens zu erreichen, faßte ich den festen Entschluß, mich wo möglich noch inniger als je an Gott und seine heilige min anzuschließen und ihren Anforderungen, in welcher Lage ich mich auch inn mer befinden möge, möglichst gerecht zu werden, und dieser bloße Entschluß ließ mich das npina oonn ruuD ließ mich die unübersteiglichen Hindernisse vergessen, die sich der Realisirung dieses Vorsatzes in prax! entgegenstellen. In der fröhlichsten Stimmung verabschiedete ich mich von meinen Freunden, die mir das Geleite gaben, und „dampfte" nach Frankreich. Ich lernte, las und schlief bis gegen 6 Uhr Morgens, ohne mich von der Ungebundenheit meiner weinbeschwerten Commilitonen stören zu lassen. Wir hatten eben Landau pafsirt, als der Tag zu grauen anfing, und wo ich das Morgengebet verrichtete. So erreichten wir Weißenburg, Hagenau und Zabern. An jeder Bahnstation fand ich Glaubensgenossen, die Lebensmittel verkauften, und besonders an letztgenanntem Orte. Alles ist nach Aussage der Verkäufer streng nrn. Es war Freitag Nachmittag um 4 Uhr; die Verkäuferin schickte sich schon an, wegen des ihre Bude zu schließen, waS mein Zutrauen zum nnao ihrer Speisen erhöhte. Nun ging es fort in die Vogesen und in den lieben mar hinein; ich konnt'S nicht än-I dern. Freitag Nacht um 2 Uhr kamen wir in Ranzig I an, und mußten wir bis 11 Uhr zu meinem großen Leidwesen auf dem Bahnhose liegen bleiben, da unsere Weiterreise noch unbestimmt war. Erst dann erhiel-> ten wir unsere QuartierbilletS, und das meinige lautete auf einen Advokaten. Mein erster Weg jedoch war zum Grand-Rabbin de Nancy. Ich präfentirte mich demselben, und auf seine Frage, wer ich sei, antwortete ich ihm: iarn mn md. Derselbe empfahl mir die Restauration des Herrn Weille in der rue St. Jean als und bedauerte, daß er durch die zahlreiche Einquartirung, die er selber habe, mich nicht einladen könne. Mit meinem Quartierwirthe wurde ich bald einig, obwohl er Vertreter des Rechts ist und ich als Vertreter der Gewalt in sein Haus kam. Ich sagte ihm, daß ich als Israelit durch die Gesetze meiner Religion verhindert fei, bei ihm zu speisen, worauf er sich sofort bereit erklärte, alle meine Kosten in einem jüdischen Gasthause zu übernehmen. Im Gasthause des Herrn Weille fand ich sehr viele Deutsche, unter ihnen mehrere alte Freunde und Bekannte. Es herrschte dort ein sehr geselliger Verkehr, und die zahlreichen Fremden, die sich hier täglich auS aller Herren Länder zusammenfinden, bilden ein sehr buntes, aber ebenso gemüthliches Ensemble. Sodann ging ich zu nrw in die herrliche Synagoge, die aber durch eine Orgel entstellt ist Nach dem Gottesdienst sprach ich dem Herrn Grand-Rabbin mein Erstaunen über diese Verchristlichung des Gottesdienstes aus. Dieser erwiderte mir, daß die Orgel schon vor ihm da gewesen sei und er die Sache leider nicht ändern könne. Der Herr Grand-Rabbin Liebermann ist ein Mann, ganz wie ihn sein Name charakterisirt. Er ist, wie ich in mehreren Unterredungen mich zu überzeugen Gelegenheit hatte, ein tüchtiger und ein D’piv fiO\ Ich war zufällig bei der Prüfung des zu seinem Bezirk gehörigen ömt? von Meziöres zugegen, und wünschte vielen unserer deutschen Rabbinen eine ähnliche Gewissenhaftigkeit bei Ausübung dieser Funktion. Man muß eS aber ängstlich vermeiden — und das ist kaum möglich — mit dem Herrn Grand- Rabbin über Politik zu reden. Er weiß jedes Gespräch auf die Politik zu lenken, und dann ist's geschehen. Es ist übrigens den Leuten zu verzeihen, wenn sie unter dem schweren Drucke, mit welchem die gegenwärtigen Verhältnisse auf ihnen lasten, die Objectivität verlieren, welche die erste Prämisse für ein richtiges Urtheil ist; aber diese Verblendung, in der die sämmtlichen hiesigen Einwohner leben, ist kaum begreiflich. Ich beschränke mich darauf, folgendes Diktum mitzutheilen. Auf meine Bemerkung hin, daß ich das Unglück Frankreichs tief bedaure, mich aber mit der Erhebung Deutschlands ebenso aus ganzem Herzen freue, wunderte sich der Herr Grand-Rabbin, wie ich die Dreistigkeit haben könne, ihm dies in seiner Wohnung zu sagen!', nps osm din |’n.

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