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Der Israelit · 1871-02-22 · Heft 8 (22.2.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 8 (22.2.1871)
Date
1871-02-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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150 Ihre Herzensfreude an den Tag zu legen, daß eS ihnen vergönnt fei, die Freunde Gabriels persönlich kennen zu lernen. Das gab ein Fragen, ein Erzählen, und mit Erstaunen hörten die Burgwald's von den Begebenheiten der jüngsten Vergangenheit. Es war selbstverständlich, daß die Familie Windsheimer zu ihren Freunden in'sHaus zog. Herr Burgwald hatte erst unlängst ein neues HauS gekauft und bezogen. Der erste Stock war noch nicht vermiethet. Schon am andern Tage wurden Anstalten getroffen, die Wohnung zu möbliren, und bald darauf konnte Windöheimer nebst Familie einziehen. Daß der Briefwechsel zwischen Gabriel und den Seinen in der Heimath nun ein noch viel lebhafterer wurde, bedarf wohl der Erwähnung nicht erst. Freilich mußte Gabriel in feinen Mittheilungen sich sehr kurz fassen, da der Vormarsch der kronprinzlichen Armee auf Paris sehr forcirt wurde und der anstrengende Dienst in Folge dessen dem Lieutenant Burgwald sehr wenig Muße gönnte. Welche Freude, welche Wonne herrschte in ganz Deutschland, als nach den Triumphen von Sedan die Friedenstaube herbeiflog! Einen glorreicheren Feldzug rennt die Geschichte nicht, und wie rasch ward die Sache beendet! Iuleö Favre geht in's Hauptquartier und beendet den Krieg, welchen Kaiser Napoleon übermüthiger Weise begonnen hatte. Der alte Burgwald läuft die Treppe hinauf, das Extrablatt in der Hand, um Herrn Windsheimer die Freudenbotschaft zu' bringen. „Die Republik macht Friede!" ruft Herr Burgwald, „Elsaß und Lothringen werden deutsch und mein Gabriel kehrt nach Hause zurück!" Herr Windsheimer schüttelt bedenklich das Haupt. „Ich kenne die Franzosen," sagte er, „lieber vertheidigen sie sich bis auf's Aeußerste, ehe sie Frankreich verkleinern lassen!" „„Aber was wollen sie machen?"" „Sie werden es sehen, lieber Freund!" Nach wenigen Tagen war es aus mit den FriedenShoffnungen. Paris wurde belagert. „Zn vierzehn Tagen," schrieb Gabriel, „hoffen wir in Paris zu sein!" Aus den Tagen wurden Wochen und Monate; neue Armeen erstanden an der Loire und im Norden, und Paris ergab sich nicht. Nach den hohen Feiertagen berieth sich Herr Windsheimer mit seinen neuen Freunden. „Ich bin nicht gewohnt," »sagte er, „müssig zu gehen. Der Krieg zieht sich in die Länge, und wer weiß, ob ich überhaupt nach Paris werde zurückkehren können." Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. I. Gottsleben's „Etabliren Sie hier ein Geschäft!" sagte Herr Burgwald, „ich werde Ihnen die Mittel dazu geben." Und so geschah es. Herr Windöheimer miethete einen Laden und beganu.^eir^Geschäft, freilich in kleinerem Moßstabe, in H. zu errichten. Als ehemaligem Pariser traute das Publikum von H. ihm den besten Geschmack zu, und das Geschäft kam bald in Schwung. „Wie wunderbar sind doch die Wege der Vorsehung," sagte Herr Windöheimer zu seiner Frau. „Wer hätte damals, als wir vor mehr als 5 Jahren vor dem Cafe de la terasse saßen, daran gedacht, daß der junge Mensch, den wir damals vom Hungerlode erretteten, uns selber das Leben retten, daß wir bei seinen Eltern ein Asyl suchen und finden würden! Was wäre aus uns ohne diese wunderbare Fügung Gottes geworden? Wenn wir auch in Sedan dem Tode entgangen wären, so hätten wir in Deuschland mit unserer Tochter betteln gehen können!" Frau Windsheimer erzitterte bei dem bloßen Gedanken, den ihr Mann soeben aussprach. „Ja," sagte sie, „wir können Gott nicht genug danken für Seinen heiligen Schutz, den Er uns hat angedeihen, für Seine besondere Fürsorge, die Er uns hat zu Theil werden lassen! Wir wollen eö Ihm danken unser ganzes Leben hindurch! Wenn nur d^ gute Gabriel erst wieder gesund dahier wäre!" Jedesmal, wenn ein Brief von Gabriel kam, war ein Festtag in den beiden Familien. Er lag noch vor Paris, und Paris wollte sich noch immer nicht ergeben. Auf'S Neue zogen im November Friedensgerüchte durch die Welt. Diesmal war ThierS der Friedensbote. Ach, auch diesmal zerschlug sich die Hoffnung der sehnsuchtsvoll harrenden Welt. Noch sollten viel Blut und Thräncn stießen! Gabriel schrieb recht vergnügte Briefe. Oftmals dabei betheiligt, die Ausfälle Trochu's zurückzuweisen, hatten ihn bis zum Anfänge des Monats December die feindlichen Geschosse verschont. Es war keine kleine Freude im elterlichen Hause, als er meldete, daß er ob seiner Tapferkeit, Umsicht und Besonnenheit daS eiserne Kreuz erhalten habe. Nichtsdestoweniger sagte Frau Burgwald: „Es wäre mir lieber, er hätte seinen Abschied bekommen!" Wer kann dem geängstigten Mutterherzen diese so wenig heldenhafte Gesinnnng verargen? (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung, hdruckerei in Mainz.

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