Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1871)
- Date
- 1871-02-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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145 inungen gegenüber und unbeirrt durch dieselben in seiner Pflichterfüllung nach bester Ueberzeugung auszuharren. Aus Launen für moderne Ideen darf denr Kinde das Recht der Aufnahme in die christliche Gemeinschaft nicht entzogen werden. Der Staat als die erweiterte Familie hat das einer höheren Pflicht entsprechende Recht, ein Kind der nur im Chriftenthum zu findenden Wahrheit zuzuführen, ihm die objective Kraft des Sakramentes der Taufe gesichert zu erhalten. Aus Rücksicht auf die Mutter werde auf dies Recht am wenigsten verzichtet werden dürfen, da sie in dein betreffenden Falle nicht verdiene bedauert zu werden. So viel von unseren christlichen Herrenhäuslern, an deren Spitze natürlich Kleist-Retzow, außerdem aber der erste Präsident des preußischen Obertribunals, Herr Uhden, steht. B(8- Z>) Berlin, 10. Februar. Mit diesen Zeilen will ich mein Versprechen: „über Dr. Geigers geschichtlichen Vorlesungen zu referiren," einlösen. Als ich Ihnen mein Wort dazu gab, glaubte ich es ausführlich thun zu können, weil ich annahm, daß Dr, G. wirklich „Geschichte" vortragen würde. Aber — weit gefehlt! Wir müssen Moritz Carriere's Wort, das \ er bei der Beurtheilung: „Das Judenthum und seine von^Geiger," aussprach: „Ich vermisse die Geschichte,- . hier wiederholen. Da rein subjective Aeußerungc. eines Geiger sich unserer Beurtheilung entziehen, <o begnügen wir uns, einige Bemerkungen über die ' seiner Forschungen, die dem berliner Publikum zu >u Besten gegeben werden, hierher zu setzen. Geiger geht , seinen eigenen Weg. Er will die Schicksale unseres Volkes in den traurig ernsten Zeiten des Mittelalters nicht schildern, das darf der Reformer par excellence ja nicht! Da müßte er ja erzählen, wie die Juden litten und stritten für das „geoffenbarte" Gesetz, wie trotz Noth und Pein, trotz Druck und Knechtung von Außen, sie frei blieben nach Innen, wie sie sich in tiefster Zurückgezogenheit eine ideale Welt schufen, wie sie sich versenkten in den lebendigen Born der Thora, die sie reichlich entschädigte gegenüber der Verkennung und Schmähung jeder Art. Die Ausdauer und Kraft, die die Wahrheit den Verfolgten verleiht, darf G. nicht erwähnen aus Furcht, |i sein freier Standpunkt könnte durch eigene Hand wankend gemacht, erschüttert werden. Dieses Leben gibt seinen Bestrebungen den Todesstoß. Geiger sucht viel lieber die theologischen Streitigkeiten auf, plaudert gern von dem Fortschritt und verbreitet sich mit ungeheurer Vorliebe über das Ringen des geknechteten Geistes nach Freiheit, was jedoch bei ihm so viel bedeutet als das Abwerfen der Thora und der Tradition. Muß er das nicht? Dem Ertrinkenden ist ja ein Strohhalm ein willkommener Rettungsanker. G., der sich so gern als den „tiefgelehrten Forscher" von seinen Satrapen auSposaunen läßt, begeht aber den unverzeihlichen Fehler, den ein Forscher überhaupt begehen kann. Forschen? Lächerlich! Wozu? DaS Resultat steht — wie leider bei so manchem unserer heutigen Geschichtenmacher — vor der Untersuchung fest; also ist ihm die Untersuchung selbst ein überflüssiges Beiwerk. Dagegen weiß fv Mancher auszuführen, was seiner Tendenz entspricht. Die Mittelchen, die Reform populär zu machen, läßt er sich nicht entgehen. Wie hübsch weiß er die Gedanken zu errathen, sich in den Geist der Alten zu versetzen, und wie dramatisch läßt er sie reden! Daß hie und da aus einem £ ein 3) gemacht wird, schadet nicht. Findet eS sich, daß irgendwo pp'sm n’S’if vernachlässigt, der mtff entweiht wurde — flugs kommt der Schluß: Wir sehen also, daß die Reform (zu deutsch der Abfall) uralt, sanctionirt ist. Ist mein Standpunkt also ein novum? Geiger ist ergo kein Neologe. „Alles schon dagewesen." Wie sehr er sich dadurch blamirt, ermißt er wol im Feuer der Rede nicht. Vielleicht hat ihn schon einer seiner Freunde darauf aufmerksam gemacht. Wie behandelt er denn die Orthodoxen? DaS sind bald finstere Stocktalmudisten, bald Naivgläubige, bald Verfolgungssüchtige, Dominikaner u. dgl. m. — Errichtet einen Scheiterhaufen für sie, zündet rasch ihn an. — Ha, wie das flackert und brennt! — Die Reform triumphirt und feiert ihre Orgien! — DaS ist der neue Opfercultus, den Dr. G. einführen möchte, während der im Tempel bloS ein Zugeständnis war für die am Heidenthum hängenden Israeliten. Hat dies doch schon der große Maimvni ausgesprochen! Abgesehen davon (wir greifen hier blos ein Beispiel auf), daß M/s Ansicht von jeher bekämpft wurde, hätte Herr Dr. G., wenn er gewissenhaft vortragen würde, hervorheben müssen, daß Maimon selber den Ausspruch im More total aushebt, dadurch, daß er in seinem Codex npin i' die Opfernormen für statutarische Gesetze erklärte (H. Me'ila Ende). Abarbanel hat schon in diesem Sinne eine Lanze für ihn eingelegt und sein Sohn Abraham ist deshalb für dm Vater in die Schranken getreten. Wir könnten eine hübsche Sammlung von Beispielen aufbringen, in denen Herr Dr. G. gerade das Gegentheil von dem beweist, was gewesen. Ueberall wittert er den Kamps der Orthodoxie gegen die Neologie. Es ist eine Schande für unsere Zeit, daß sie das Alterthum stets mit dev Brille des Parteistandpunktes betrachtet. Wen will denn Herr Geiger bekehren? Mag er thun und denken, was er will; aber mit Achtung und Ehrerbietung trete er hin zu den Alten und lese ohne Vorurtheil, was sie uns hinterlassen. Kann er daS nicht mehr, nun, so bekenne er ehrlich sein Gebrechen; aber er hüte sich zu sagen, daß er Anspruch auf objective Darstellung mache.