Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1871-02-15 · Heft 7 (15.2.1871) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 7 (15.2.1871)
Date
1871-02-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447499-2447507--09095-2464774
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

126 Durch einstimmiges Urtheil wurden die Angeklagten freigesprochen. Jetzt erst konnte Burgwald seilte Freunde begrüßen. Er bekam Urlaub für diesen Tag. Unter Schluchzen und Weinen dankte, ihm die befreite Familie. „O," rief Herr Windsheimer, „jetzt erst schmerzt mich der Verlust meines Vermögens, da ich Sie nicht belohnen kann, edler, junger Freund!^ „„Herr Windsheimer,"" entgegnete Gabriel, „„die Verpflichtungen, die ich gegen Sie habe, sind so groß, daß ich längst belohnt wäre, selbst wenn ich Etwas für Sie gethan hätte. Uebrigens hat mir Gott das Vermögen gegeben, das er Ihnen genommen."" Und unter der gespanntesten Aufmerksamkeit seiner Zuhörer erzählte Gabriel die jüngsten Ereignisse in seiner Familie vor Ausbruch des Krieges. „Ich wäre nach Paris gekommen," fuhr er dann zu reden fort, „wenn mich der Krieg nicht daran gehindert hätte, und ich hätte einen Schatz von Ihnen gefordert, der mehr werth ist als alles Geld der Welt." Philippine erröthete; Herr und Frau Windsheimer sahen Gabriel fragend an. „Ja," sagte dieser, „Ihren größten Schatz, Ihre einzige Tochter, hätte ich von Ihnen gefordert. Wollen Sie mir sie geben, wenn Gott mich glücklich aus dem Kriege in die Heimath führt?" Die Scene, die nun folgte, zu schildern, ist unsere Feder zu schwach; es war fast zu viel für die Ertragungsfähigkeit des menschlichen Gemüths; der Uebergang vom tiefsten Elende bis zum höchsten Entzücken war zu rasch. Noch vor wenigen Stunden war die Familie Windsheimer vom Tode bedroht, und wären sie diesem entgangen, so war doch ihre Lage noch peinlich genug. Ohne die geringsten Mittel, ohne Heimath, Hilfe, Stütze — was hätten sie beginnen, wohin sich wenden sollen? Und nun war Alles gefunden. Gabriel hatte Geld genug bei sich, um seinen Lieben die Mittel zur Reise nach H. zu gewähren; in H. aber bot sich ihnen bei seinen reichgewordenen Eltern ein Asyl, wie die Vertriebenen es sich nicht bester wünschen konnten. Wie im Traume flogen unfern Freunden die Stunden dahin. Gabriel besorgte eine Paßkarte, und zugleich erwirkte er die Erlaubniß, daß die Familie Windsheimer mit einem Gefangenentransporte nach Deutschland reisen durfte; am darauf folgenden Sonntage schrieb er einen Brief an seine Eltern, in dem e¥ ihnen von dem Geschehenen kurze Mittheilung machst'^ ES war ein ergreifender Abschied, als die Familie Windsheimer ihre Reise antrat. „Gott beschütze Sie, theurer Sohn!" sagte Herr Windsheimer, seine Augen trocknend. „Gott führe uns gesund und glücklich wieder zusammen," sagte Frau Windsheimer schluchzend. Und Philippine sagte gar nichts; Thränen erstickten ihre Stimme, es war ihr nicht möglich, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. „Lebt wohl, meine Lieben," rief Gabriel, seine eigene Rührung verbergend. „Grüßt mir die Eltern und Geschwister! Sagt ihnen, daß ich gesund geblieben, und ich bald zn Euch zu kommen hoffe. Der Krieg ist entschieden, der Kaiser ist gefangen, seine Armee ist gefangen, Bazaine ist in Metz eingeschlossen! Was können die Franzosen noch wollen? Sie haben ja keine Armee mehr! Jetzt marschiren wir nach Paris. Aber ich glaube, ehe wir dorthin kommen, ist der Friede unterzeichnet. Also sagt den Eltern daheim, sie brauchten um mich nicht Sorge zu tragen!" Ach, so dachte damals die ganze Welt, und Niemand hatte eine Ahnung davon, wie viel Blut noch fließen, wie viel Elend noch über die Kriegführenden kommen würde. Der Wagen, der die Familie Windsheimer zur nächsten Eisenbahnstation führen sollte, rollte dahin. Die Insassen desselben wehten mit ihren Taschentüchern, während Gabriel ihnen Birchat Kohanim nachsagte. Lange stand er noch da und folgte dem Wagen mit seinen Blicken, bis dieser jenseits eines Hügels seinem Auge entzogen wurde. Eine unnennbare Sehnsucht ergriff ihn. „O," dachte er, „könnte ich jetzt mit Euch reisen der theuren Heimath, dem lieben Elternhause zu! Könnte ich den geliebten Vater, die theure Mutter, die liebenGeschwisier Wiedersehen! Könnte ich mich mit der Geliebten auch nun vereinen! Allein die Pflicht hält mich hier zurück; mein Leben gehört dem Vaterlande. Gott, mein Gott, laß mich meine Lieben gesund und freudig Wiedersehen! Doch hinweg mit den Gedanken der Wehmuth! Wie eS auch kommen mag, in Deine Hand, o Gott, befehle ich meinen Geist, Dein heiliger Wille geschehe!" Noch einen Blick sandte Gabriel nach der Richtung, in der seine Lieben verschwunden waren. Dann kehrte er in daS Bivouac zurück, welches sein Regiment bezogen hatte. (Forts, folgt.) Hin?« drei Bettage«. / Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rour'schen Hofbuchhandluna. I. Go ttsleben's Buchdruckerei in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.