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Der Israelit · 1871-02-15 · Heft 7 (15.2.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 7 (15.2.1871)
Date
1871-02-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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125 Feuilleton. KLöriel. VII. Die Befreiung. Es war an einem Sabbat, am 3. September, an demselben Tage, an welchem Kanonendonner und Glockengeläute in ganz Deutschland vom Rhein bis zur Oder, von der Elbe bis zur Donau den wundervollen Sieg bei Sedan verkündeten, als die Famil'e Windsheimer mit bangem Herzen vor dem Kriegsgerichte erschien. Sie halten Burgwald am Abend zuvor nicht mehr sprechen dürfen. „Herr Lieutenant," hatte der schon erwähnte Hauptmann gesagt, „wenn Sie haben wollen, daß Ihr Zeugniß von Werth sei, so verlassen Sie jetzt die Gefangenen und reden Sie kein Wort mehr mit ihnen." Gabriel hatte den Rath befolgt, so schwer es ihm auch geworden war. An der Spitze des Kriegsgerichts stand ein Landwehroffizier, der in der Heimath als Kreisrichter fungirte. Der Regiments-Auditeur brachte die Anklage vor. Da die Einwohner des Dorfes schaarenweis bewaffnet und meuchlerisch über die deutschen Truppen hergefallen waren, so hatte man sie Alle dem Tode geweiht; nur die Gefangenen hatte man bis jetzt verschont, da sie behaupteten, herzugewanderte, aus Paris vertriebene Deutsche und vollkommen unschuldig zu sein. „Meine Herren," sagte der öffentliche Ankläger, „diese Angabe klingt höchst unwahrscheinlich; wir sind bis jetzt auf keine aus Paris vertriebene Deutsche gestoßen. Wie sollen die Gefangenen gerade in jenes Dorf gerathen sein? Nun gut, können die Angeklagten ihre Angabe beweisen, so mögen sie ungehindert von hinnen ziehen; wo nicht, so beantrage ich ihre Veurtheilung zum Strang." Bei diesen Worten siel Frau Windsheimer ohnmächtig nieder, während Herr Windsheimer einen furchtbaren Schrei ausstieß. Nur Philippine blieb ruhig; sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß Gabriel sie und die Ihrigen retten würde. Als Frau Windsheimer wieder zu sich kam, wurden sie und ihre Tochter abgeführt; auch der als Zeuge anwesende Lieutenant Burgwald mußte das Zimmer, das als Gerichtshof diente, — eS war in einem Landhause in der Nähe von Sedan — verlassen. Die Angeklagten sollten einzeln, zunächst Herr Windsheimer, vernommen werden. Unter Jammern und Wehklagen erzählte derselbe seine traurige Geschichte; er setzte auseinander, warum er gerade Sedan zu feinem Zufluchtsorte gewählt habe; er berief sich auf seinen Freund, Mr. David; man schickte zu diesem; derselbe war jedoch vor dem Hereinbruche der jüngsten Ereignisse mit vielen Andern von Sedan entflohen. Die Aussagen von Frau Windsheimer und deren Tochter, die einzeln vernommen wurden, stimmten mit denen ihres Gatten und Vaters überein. Zuletzt wurde Lieutenant Burgwald als Zeuge vernommen. „Sie heißen?" fragte der Präsident. „„Gabriel Burgwald! ich bin in H. geboren, bin als Vicefeldwebel beim Ausbruche des Krieges in die Armee getreten und bin am Tage von Wörth zum Seconde-Lieutenant befördert."" „Sie kennen diese Leute?" „„Sehr genau; ich war ein Jahr lang Commis im Geschäfte des Herrn Windsheimer, der in der Rue Rivoli in Paris ein Seidenwaarenmagazin besaß."" „Das stimmt mit den Aussagen der Gefangenen überein. Ist der Angeklagte ein geborener Franzose?" „„Herr Windsheimer und seine Frau sind Beide zu M. in Bayern geboren und haben sich, wiewohl sie seit länger als zwanzig Jahren in Frankreich wohnen, dort nicht naturalistren lassen."" „Auch das stimmt zu. Sagen Sie, Herr Lieutenant, wie war die Gesinnung Ibres ehemaligen Prinzipals? Hatte er sich Liebe und Anhänglichkeit für das deutsche Vaterland bewahrt, oder war er, wie so mancher ausgewanderte Deutsche, ein Anhänger und Bewunderer des fremden Landes geworden?" Gabriel wurde blaß; er fühlte, daß seine Antwort für seine Freunde verhängnißvoll werden konnte; doch faßte er sich rasch. „Herr Präsident," sagte er, „als Antwort möge eine kleine Erzählung dienen. Vor einem Kaffee- Hause in Paris war ein junger Mann in Gefahr, Hungers zu sterben; der junge Mann, ein Deutscher, war in der fremden großen Stadt aller Hilfsmittel beraubt. Da nahm sich Herr Windsheimer des deutschen Landsmannes an, sättigte ihn, kleidete ihn und nahm ihn in sein Geschäft, ja gewährte ihm später die nöthigen Mittel, um als Freiwilliger in die deutsche Armee eintreten zu können. Meine Herren, jener durch den Angeklagten vom Tode errettete Jüngling war ich." Die Richter sahen sich einander an. Der Präsident zerdrückte eine Thräne, die unwillkürlich sei« Auge netzte. „Ich nehme meinen Strafantrag zurück," sagte der Auditeur, „und trage auf Freisprechung an."

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