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Der Israelit · 1871-02-08 · Heft 6 (8.2.1871) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 6 (8.2.1871)
Date
1871-02-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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97 mittags des Versöhnungstages sei unanständig (sonderbar, am nn« rot? ist sie anständig, am :>n"' nicht), ist es gleichgiltig, daß man decretirt, Tal und Geschem sollen trotz des entgegenbestehenden Beschusses der Leipziger Synode in Wien tolerirt werden! Ueber die Einführung der Orgel entspinnt sich eine lebhafte Debatte. Herr B r a n d e i s meint, die Orgel würde die Synagogen in Wien so leer machen wie die Tempel in Hamburg und in Frankfurt a. M. Herr Simon meint, die Orgel erwecke den Juden nur traurige Reminiscenzen. Herr Siegmund Pollak ist gegen die Orgel im Interesse des Gemeindefriedens. Herrn K u r a n d a widerstrebt es, daß ein Nichtjude (als Organist) beim jüdischen Gottesdienst Mitwirken soll. *) Herr Schiff meint, man begehe durch Einführung der Orgel ein Unrecht gegen die bereits verstorbenen Gründer der Synagogen. Das sind die Redner, welche gegen die Orgel sprechen. Wie schüchtern, wie reservirt treten sie hervor! Keiner wagt es, andere als Nützlichkeitsgründe vorzubringen, Keiner wagt es, sich auf den Standpunkt der Religion Israels zu stellen und zu sagen: Wir dürfen keine Orgel in die Synagoge bringen, weil unser Gott es verboten hat. Dagegen treten die Fürsprecher der Orgel weit entschiedener auf. Herr Moritz Pollak, der vorhin das Wort unseres Gottes für unanständig erklärte , meint, der Anstand erfordere die Einführung einer Orgel; Herr Hirsch! er fürchtet die Orthodoxen nicht; Herr W i l he l m Frankl macht darauf aufmerksam, daß ja die Synode es ist, welche die Orgel empfohlen hat, und diese habe ja aus gelehrten, gottesfürchtigen, und als orthodox anerkannten Rabbinen rc. bestanden!!!**) Herr Gutmann trifft den Nagel auf den Kopf. „Die Wiener Synagogen - Sessel-Inhaber," sagt er, „gehen gor nicht in die Synagoge; es sind nur Fremde, welche die Wiener Synagogen besuchen. Was kümmert uns also, wenn nach Einführung der Orgel die Fremden unsere Synagogen nicht besuchen? Haben wir für die Fremden zu sorgen? Also nur immer her mit der Orgel!" Die Versammlung beschließt dann, die Orgelfrage noch offen zu halten und dieselbe an die Cnltussection *) Wir erinnern an eine bekannte Anecdote; ein christl. Organist beklagt unter Anrufung des Stifters seiner Religion, daß das Schma Jisroel so schlecht gehe!!! **) Herr Wilhelm Frankl hält gewiß auch Strauß und Renan für „als orthodox anerkannte" Rabbinen. Jedenfalls können diese beiden chrisllichen Theologen mit demselben Rechte für orthodoxe Rabbinen gelten wie Geiger, Wechsler rc. zurückzuweisen, damit diese darüber ein Gutachten abgebe, ob bei den einzelnen Gemeindegliedern in Bezug auf die Entscheidung dieser Angelegenheit Umfrage gehalten werden solle. Wie nun auch die Orgelfrage entschieden werden wird, so viel steht fest, daß der Vorstand der israel. Gemeinde zu Wien durch seinen unheilvollen Beschluß in Bezug auf die Gebete um Erlösung und Wiederherstellung des Opferdienstes sich vom positiven Judenthum losgesagt hat. Was haben die in Wien G. s. D. noch zahlreichen orthodoxen Glaubensgenossen dem gegenüber zu thun? Während wir dieses schreiben und im Begriffe sind, die eben aufgeworfene Frage zu beantworten, bringt uns der Briefträger die „Neue freie Presse" vom gestrigen Tage (3Januar), aus der wir z u unserer größten Freude ersehen, daß die orthodoxen Jsraeliien Wiens diese Frage bereits beantwortet haben. Unter dem Vorsitze des Kaufmanns Herrn I. L. Freistadtl, berichtet das genannte Blatt, versammelten sich am Samstag (28. Januar) , Abends, in der Synagoge der großen Schiffgasse an zwölfhundert conservative Glaubensgenossen. Der Präses ergreift zuerst das Wort und fordert zu einem Proteste gegen die Beschlüsse der Cultusgemeinde aus. Dem von dem Redner vorgelegten Proteste entnehmen wir folgende Stellen: „Welchen Parteistandpunkt wir auch immer einnehmen, so erachten wir es als eine statutenwidrige Ueberschreitung der Competen; der hiesigen Vertretung der Gemeinde, daß ohne Zuziehung von Fachmännern und ohne Beziehung auf Beschlüffe von gesetzlich im Jnlande constituirten Synoden durch die bloße Abstimmung von 25 Männern die im jüdischen CultuS von altersher eingeführten öffentlichen Gebete einfach weggestrichen und wegdecretirt werden können". Die Schlußsätze des Protestes drohen mit Steuerverweigerung, falls die Cultusgemeinde auf ihrem Beschlüsse beharren würde. Kaufmann und Kammcrrath Tre-- b i t s ch ermahnt zur Einigkeit, die dem Judenthume stets trotz aller Verfolgungen Bestand gab. Der rabbinische Jude, sagt Redner, vertrage sich ganz gut mit dem jüdischen Staatsbürger. Di. Friede nthal sucht den Vorwurf, der den Juden häufig gemacht wird, zu entkräften, daß ihre Gebete um Erlösung und Rückkehr nach dem gelobten Lande ein Verrath am Vaterlande seien. An dem Tage, wo alle Juden von Gotteserkenntniß beseelt sein werden, sei Jerusalem wieder zum Centrum der Nation bestimmt. (Stürmischer Jubel.) Dr. Friedenthal beantragt im Falle der Nichtbeachtung des Protestes Lossagung von der Cultusgemeinde. P u l tz e r, der Vorstand der Josephstädter Juden, will den Protest vorläufig vertagt wissen,

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