Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1871)
- Date
- 1871-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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96 scher Sprache verlesen werden sollen, wird ohne Debatte angenommen. Auch in Bezug auf die Ausdehnung des Gottesdienstes — die Leipziger Synode wollte Alles bis nach Jischtabach streichen — wird der bisherige Usus beibehalten. Von nun an und weiter scheint die Versammlung plötzlich von einem Geiste sündhaften Abfalles durchdrungen zu sein; wir wollen davon schweigen, daß beschlossen wird, Schemoneh Eßreh nur einmal zu recitiren; denn was will das heißen im Vergleiche mit dem, was nachfolgte! Der nächste Antrag der Commission lautete: „TexteSveranderungen in denStellen, i wo die Bitte um Wiederherstellung der Thieropser und die persönliche Rückkehr*) nach Jerusalem ausgesprochen wird, sind vorzunehmen." Die Versammlung, die offenbar nickt die bla ss L.st e Idee davon hat, daß sie sich mit Annahme dieses Paragraphen vom Judevthume lossagt, daß sie sich dadurch von der großen Vergangenheit Israels lostrennt und dessen erhabene Zukunft leugnet, daß dadurch die Wiener Synagogen aufhören werden, j üd i s ch e Gotteshäuser zu fein, ergeht sich in abgeschmackten Tiraden gegen blutige Thieropfer und persönliche (8io!) Rückkehr. Herr Arminio Cohn nimmt den Mund voll: Lüge.' Lüge! Er kann dies sein Lieblingswort nicht oft genug wiederholen. Herr H i r s ch l e r glaubt ein gutes Werk zu thun, wenn er Herrn A. Cohn's alten Kohl noch einmal aüfwärmt. Herr K u r a n d a, der bekannte Reichstagsabgeordnete , fördert die tausendmal widerlegte, von Judenfeinden oftmals vorgebrachte Beschuldigung zu Tage, unsere Gebete um Erlösung brächten uns mit unfern staatsbürgerlichen Pflichten in Conflict. Welch eine thörichte, durch nichts begründete Behauptung! Herr Kuranda scheint es nicht zu wissen, daß die heilige Religion Israels ihren Bekennern die größte Vaterlandsliebe zur Pflicht macht und daß wir die messianische Zeit nicht nur für uns, sondern für die gesammte Menschheit erflehen. Auch der bekannte Dichter, Herr Dr. Leopold Kompert, ereifert sich gegen die in Rede stehenden Gebetstücke; denn dieselben haben ja in dem „Kompert'schen Preßprocesse" seine Verurteilung verursacht. Herr Vr. Hoffman n s t h a l wendet sich in hochklingenden Phrasen gegen die „blutigen Opfer", von deren Werth und Bedeutung er natürlich nicht die geringste Ahnung hat. Nur Herr B r a n d e i S wagt einen schüchternen Einwand; er meint, man soll erst einmal neue, bessere Gebete vorlegen, ehe man die alten abschaffe. *) Kann man auch „unpersönlich" zurückkehren? Der Antrag auf Eliminirung aller auf Thieropfer*) und persönliche (!) Rü ckke h r nachJerusalem sich bezieh enden Gebet st ücke, wird mit großerMajorität angenommen. Bemerkenswerth ist hierbei, daß sich alle Anträge nur auf den Sabbat - Morgen - Gottesdienst beziehen. Was kümmert die Herren der Gottesdienst an Wochentagen, den sie wohl nur dann besuchen, wenn sie „Jahrgedächtmß" haben? Es erinnert uns das an eine Anecdote, die wir einmal gelesen. In einer Gemeinde-Vorstands-Sitzung wird der Antraa aus die Abschaffung des □Tttcs':* gestellt; der Präses stimmt dafür mit Leib und Seele; andere Vorsteher machen darauf aufmerksam, daß der Gottesdienst an den Wochentagen nur von orthodoxen Gemeinde-Gliedern besucht werde, welche diese Aenderung verdrießen würde. „ Nunnahm der Präses eifrig das Wort, „ so mag denn das an Wochentagen gesagt werden; aber an Sabbat und Festtagen unter keiner Bedingung! " Ein allgemeines Gelachter folgt natürlich diesen Worten, und der Herr Präses kann an sich ermessen, wie befähigt die großen Reformatoren des Judenthums zu diesem Reformwerke sind! In Wien übernahm eö Herr Branders, die Gemeinde - Repräsentanz darauf aufmerksam zu machen, daß auch an Wochentagen Gottesdienst stattfindet, und man beschloß, eine gleiche Revision der Liturgie des Wochengottesdienstes (oio!) angedühen zu lassen. Herr Ritter v. G o l d s ch m i d t schlägt vor, die vorzunehmenden Aenderungen nur in Gemeinschaft mit andern Gemeinden vorzunehmen; allein er wird von Herrn Gemeinderath Moritz Pollak aä absuräum geführt. „Wien," ruft dieser Herr, „ist die Residenz." „Es gibt nur a Kaiserstadt, es gibt nur a Wien." Wien ist die Gottesgelehrtheit selbst; die jüdischen Millionäre in Wien sind die größten Theologen; wenn man im Reichsrath**) sitzt, so ist man unmittelbar vom Geiste Gottes erleuchtet, wenn man Ghetto - Geschichten über „Leah und Christian" schreibt, ***) so hat man damit das Recht errungen, das Judeuthum aus Rand und Band zu reißen, und Wien, die Residenz, sollte nicht thun, was es wollte? Lächerlich! Was nun noch folgt, ist von geringer Bedeutung. Nachdem man einmal mit dem Judenthume gebrochen, ist es g'eichgiltig, daß man behauptet, die Vorlesung des Thora-Abschnittes amRach- *) Mchlopfer, Weinopfer, Räucherwerk rc. — davon scheinen die Herren nichts zu wissen. **) Kuranda. ***j Kompert.