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Der Israelit · 1871-02-01 · Heft 5 (1.2.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 5 (1.2.1871)
Date
1871-02-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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84 das so plötzlich und unerwartet durch diesen Krieg hereingebrochen, die Schlafenden wecken, die Wahnbetkörten zur Besinnung bringen? Gott weiß es! Doch kehren wir zu unserer Erzählung zurück. Leim Beginne des Krieges kamen nur Siegesgerückte nach Paris; man jubelte, siaggte, illuminirte; aber bald erfolgte die schrecklichste Ernüchterung, und diese ward zur ohnmächtigen Wuth, die pch gegen die zu Hunderttausenden sin Paris angesiedelten Deutschen kehrte. „Nieder mit den Preußen!" „Fort mit den Preußen!" hieß eS, und Preuße war Zeder, der Deutsch sprach. Viele mußten eilends hinweg, mußten ihre Habe zurücklassen, mußten fliehen, wenn sie nicht der Wuth des Pöbels zum Opfer fallen wollten. Wie viele Geschäfte und Läden mußten da für immer geschlossen werden, die der Besitzer am Sabbat nicht schließen zu können vermeint hatte! Freilich mußte auch der Unschuldige mit dem Schuldigen leiden denn wenn einmal dem Verderber es frei steht zu verderben, da unterscheidet er nickt. Herr Windsheimer war noch bayrischer Staatsbürger; er hatte eö verschmäht, sich in Frankreich naturalisiren zu lassen, trotzdem er für Frankreich schwärmte und stets behauptete, durch und durch Franzose zu sein. „Warum," hatte er stets gesagt, „soll ich um die Naturalisation einkommen? Fehlt mir hier etwas, bin ich in etwas behindert? Und meine Philippine, die braucht weder hier noch dort Soldat zu werden!" Als die Deutschen anfingen, Paris zu verlassen, da meinte er, ungehindert da bleiben zu können, weil seine Gesinnung eine durchaus französische war. Anfangs wurde er auch nicht belästigt. Die ihn kannten, wußten von seiner Gesinnung, und die ihn nicht kannten, kümmerte» sich nicht um ihn. Da kam ein Befehl, daß alle Deutschen sich in der Mairie um einen Erlaubnißschein, der zum Aufenthalte in Paris berechtigte, bewerben müßten. Herr Windsheimer folgte diesem Befehle nicht; er hielt ibn für seine Person für überflüssig. In der That war jener Befehl nur eine Falle; Alle, die sich gemeldet hatten, wurden unbarmherzig ausgetrieben. Herr Windsheimer blieb unbehelligt, und er freute sich, daß er nicht in die Falle gegangen. Aber eines Tages wurde es dennoch bekannt, daß Windsheimer ein Deutscher sei; ein Pöbelhaufe rottete sich vor seinem Hause zusammen und rief: „Nieder mit dem Preußen!" Schon wollte man damit beginnen, in das Seidenlager einzufallen und alles zudemoliren, > als sich die bewaffnete Macht ins Mittel legte und Herrn Windsheimer nebst Frau und Tochter verhaftete. Sie waren auf die Äairiv geführt und erhielten die Weisung, Paris sofort zu verlassen. Rur mit Mühe erlangten sie die Erlaubniß, nach Hause zurückzukehren, um sich mit Geld und den nothwendigsten Reiseeffecten zu versehen. Nunmehr galt es, einen Entschluß zu fassen, und den Ort zu wählen, wohin man sich degeben wolle. „Laß uns in die Heimath zurückkebren," bat Frau Windsheimer, „wir reisen mit dem chemin de fer d’Orleans und fahren durch die Schweiz nach Deutschland, nach Bayern." „WaS sollen wir in Bayern?" fragte Herr Windsheimer, , wir haben weder Freunde noch Verwandte dort, und die Reise ist schwierig und kostspielig." , Laßt uns," bat Philippine, „nach H. zu Burgwalds Eltern reisen!" „Gabriel ist nicht zu Hause," entgegnete Frau Windsheimer, „der ist sicherlich zum Heere einberufen, und seine Eltern sind arme Leute, die uns nicht beistehen können. Nein, wir wollen uns nicht so weit entfernen. Wir wollen uns zu unfern Freunden in Sedan begeben; mein Freund Mr. David in Sedan wird uns gern eine Zeitlang Obdach in seinem Hause gewähren, bis dieser traurige Krieg beendet sein wird; sollte es längere Zeit währen und wir auch dort nicht sicher sein, so haben wir von da nicht weit bis an die belgische Gränze; dann gehen wir nach Brüssel." Frau und jTochter waren nicht gewohnt, ihren Willen Herrn Windsheimer gegenüber durchzusetzen, und so wurde der unheilvolle Beschluß gefaßt, nach Sedan zu reisen. Noch war Alles ruhig im Norden Frankreichs; die kronprinzliche Armee rückte in gerader Linie von Osten nach Westen, auf Paris zu. Man glaubte allgemein, Mac Mahon würde das Lager von Chalons beziehen, um Paris zu decken und hier der Armee des Kronprinzen eine Schlacht zu liefern. Da wandte sich Mac Mahon nördlich, um durch einen kühnen Flankenmarsch Metz auf Umwegen zu erreichen und Bazaine zu Hilfe zu kommen und zu befreien. Aber auch der Kronprinz unterbrach seinen Vormarsch auf Paris und verfolgte Mac Mahon, während der König mit der neugebildeten vierten Armee unter dem Kronprinzen von Sachsen nach Norden Mac Mahon entgegen zog. Die Familie Windsheimer hatte Sedan noch nicht erreicht als der Eisenbahn-Verkehr unterbrochen wurde und sie mitten in das Kriegsgetümmel hineingerieth. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redactton: Vr. Seemann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.

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