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Der Israelit · 1871-01-25 · Heft 4 (25.1.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 4 (25.1.1871)
Date
1871-01-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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63 klingt," von Gumbinnen bis Saarlouis, von Schleswig bis Pafsau! Wie ein Blitz aus heiterm Himmel ist plötzlich die KriegSfmie losgebrochen. Während der greise Schirmherr Deutschlands in Bad Ems der Pflege seiner Gesundheit lebt, während Europa sich im tieften Frieden wähnt und sich des schönen Sommers freut, wird plötzlich die Gelegenheit vom Zaune gerisien, um Hunderttausende in Tod und Verderben zu führen. Verblendet hat Gott den Gewalthaber an der Seine, um ihn von seiner durch Blut und Treubruch errungenen Höhe zu stürzen, und des Vaterlands Gefahr ergreift mächtig das deutsche Volk, das sich in bewunderungswürdiger Begeisterung erhebt wie ein Mann. Vergessen ist der alte Parteihader, vergessen das Vorurtheil, welches den Norden vom Süden trennte, und wie der Main sich in den Rhein ergießt, so strömen auch die Völker von beiden Seiten der Mainlinie an des Rheines Ufer, um das theure Vaterland zu schützen, das von dem eroberungsluftigen gallischen Cäsar bedroht wird. Gabriel Burgwald hat seine Geschäfte in B. beendet, das Geld gut angelegt, und nur die politischen Wirren haben ihn noch von der Reife nach Paris zuräckgehalten. Da trifft ihn die Einberufungs-Ordre; er tritt als Vice-Feldwebel in H. in sein Regiment ein und nimmt Abschied von seinen Lieben. „Hoffentlich wird uns Gott den Sieg verleihen," sagt er zu seinen Eltern, „und dann komme ich doch nach Paris zu meinen dortigen Freunden. Freilich wird es jetzt etwas länger währen, als ich vermuthet hatte, denn so rasch, wie in Friedenszeiten mit dem Courierzuge, werden unsere Heere wohl Paris nicht erreichen." Gabriels Regiment wurde der dritten Armee zugetheilt und schritt unter der Führung des heldenmüthigcn Kronprinzen von Preußen von Sieg zu Sieg. Das waren schöne Tage, als bei Weißenburg der erste Erfolg errungen war und bei Wörth die Armee Mac Mahon's in die Flucht geschlagen wurde! Schon in der Schlacht bei Wörth avancirte Gabriel zum Lieutenant, denn fast alle Offiziere seines Regiments waren getödtet oder verwundet worden. Nun wurde der schwierige Zug durch die Vogesen angetreten und während um Metz die furchtbaren Kämpfe gegen die Armee Bazaine's wütheten, deckte das kronprinzliche Heer die Flanke gegen eine etwaige Rückkehr der flüchtigen Schaaren Mac Mahon'S. Als dann Bazaine nach dem blutigen Tage von Gravelotte in Metz eingeschloffen war, setzte die dritte Armee ihren Vormarsch nach Paris fort. Die Furcht und Angst vor den Deutschen hatte sich wie ein Leichentuch über ganz Frankreich gelegt; das Erscheinen von einigen Husaren genügte, um große Städte in Schrecken zu setzen. Hinterher schrie dann Alles: „Verrath!" und suchte sich nur zu häufig Unschuldige zum Opfer der gegen den Feind ohnmächtigen Wuth aus. i Beim Vormarsche der dritten Armee nach Südwesten hatte sich die am Wege derselben liegende kleine Festung Vitry le Francois ergeben; sie war nicht armirt, hatte keine Außenwerke und hätte demnach einer Belagerung keinen Widerstand entgegenftellen können. Ein israelitischer Bürger von 'Vrtr^, der zufällig außerhalb der Stadt war, wurde von den Preußen gefangen genonimen und als Geißel für den in die Festung gesandten preußischen Parlamentär festgehalten. Als der Parlamentär wohlbehalten zurückkehrte, wurde jener entlassen. Als er aber in die Stadt tarn , wurde er von einem wüthenden Pöbelbaufen empfangen. .Der Jude hat die Stadt verkauft," schrieen hundert Stimmen. „Ich habe schon vor längerer Zeit verdächtige Kerle, verkleidete Preußen bei ihm gesehen!" rief ein Bürger. — „Der Jude ist eia Spion, nieder mit ihm!" schrien Viele. Beinahe wäre der Unglückliche, Sommer hieß er, gesteinigt worden. Allerdings hatte er Männer in blauen Blousen vor einigen Wochen bei sich beherbergt; es waren aber Glaubensgennffen, Franzosen, gewesen, junge Männer aus Elsaß und Lothringen, die in blinder Furcht vor den Deutschen geflohen waren; es hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, alle jrmgen Leute würden von den Preußen gewaltsam in die Armee gesteckt, und dieses aberwitzige Gerücht hatte Glauben gefunden! Sommer hatte sich der Flüchtlinge angenommen; jetzt beschuldigte man ihn, verkleidete Preußen bei sich beherbergt und ihnen die Stadt verkauft zu haben. Wie und in welcher Weise dieses möglich gewesen, darüber dachte die thörichtej, aufgeregte Menge nicht nach. „Nieder mit dem Verräther, dem Juden!" schrie man von allen Seiten, und schon flogen einige Steine dem Unglücklichen an den Kopf. Um ihn zu schützen, ließ ihn der Commandant verhaften und ins Gefängniß führen. Als dann der Commandant eine strenge Untersuchung und Bestrafung versprach, legte sich die Aufregung der Menge; am andern Tage erfolgte die Capitulation. Es war ungefähr eine Woche nach der Capitulation von Vitry als das Regiment Gabriels die Festung berührte und dort einen Rasttag hatte. Gabriel ließ sich, wo es immer nur anging, bei Glaubensgenoffen eittquartiren. Die trüben Gesichter in seinem Quartiere fielen ihm auf; die Hausftau weinte immer; der Mann war nicht zu sehen. „Was fehlt Ihnen, liebe Frau," ftagte Gabriel die Weinende, „Und wo ist Ihr Gatte?"

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