Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1871)
- Date
- 1871-01-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447504--09034-2464710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
64 „„Ach/" sagte sie, „„mein unglücklicher Mann, man hat ihn gefangen genommen, und er ist doch unschuldig!"" „ Wer hat ihn gefangen genommen? Die Deutschen? Und weßhalb?" „„O, nicht doch, unsereigenen Landsleute."" Und die Frau erzählte unter Schluchzen Alles, was sich zugetragen hatte. Sie war seitdem von Einem zum Andern gelaufen, und Niemand war ihr zu Hilfe gekommen. Die französische Behörden zuckten mit den Achseln oder ergingen sich in Schimpfreden gegen den angeblichen Verräther, und die Preußen, die immerfort kamen und wieder abzogen, hörten die jammernde Frau nicht einmal an. Gabriel eilte zum preußischen Commandanten. Dieser schickte eine Patrouille ab, um den Gefangenen holen zu laste». Sie kam mit dem Bescheide zurück, daß Sommer bereits nach einem andern Orte abgeführt sei; der Commandant wollte sich dabei beruhigen, aber Gabriel, der durch Frau Sommer wußte, daß ihr Mann sicherlich noch in Vitry sei, erbat sich vom Commandanten die Erlaubniß, noch einmal und zwar in Begleitung einer größeren Abtheilung von Soldaten nach dem Gefangenen zu fragen. Der Commandant gestattete es, und Gabriel zog mit 30 Mann vor das Gefängniß. Dasselbe war verschlossen; Gabriel ließ die Glocke ziehen; da öffnete der Kerkermeister einen Schieber in der Mauer und fragte nach dem Begehren der Soldaten. „Führen Sie uns den Gefangenen Sommer heraus!" befahl Gabriel in französischer Sprache. „„Ich habe bereits gesagt, daß er nicht mehr hier ist!"" „So öffnen Sie das Thor; wir werden uns selbst davon überzeugen." „„Ich öffne das Thor nicht."" „So werden wir °s sprengen." Da trat der Kerkermeister zurück und kam nach wenigen Minuten mit einem schwach und elend auSsehenden Manne heraus. „Sie sind der Gefangene Sommer?" fragte Gabriel diesen. „„Jawohl, Herr Lieutenant."" „Wir kommen, um Sie zu befreien. Folgen Sie uns." „„Nein, mein Herr; ich will den Feinden meines Vaterlandes nicht meine Freiheit verdanken; ich habe nie in Verkehr mit ihnen gestanden; die französische Behörde, die mich gefangen gesetzt, sie soll mich wieder befreien." " „Ich ehre und achte Ihre Bedenken; allein, hat man eine Untersuchung gegen Sie eingeleitet?" „ „Man hat mich nicht einmal verhört." " „Nun wohl, man wird Sie hier vermodern lassen; deßhalb seien Sie klug und gehen Sie mit uns." Der Gefangene folgte dem wohlgemeinten Rathe. Als man zum Commandanten kam, ordnete dieser eine Untersuchung an. Man forderte Jedweden auf, seine Anklagen gegen Sommer furchtlos vorzubringen. Die Untersuchung ergab, daß auch nicht der geringste Anhaltspunkt von Verrath gefunden werden konnte. Nichtsdestoweniger blieb die Volksstimmung eine durchaus feindliche gegen den unglücklichen Sommer, und Burgwald rieih ihm, sofort mit Frau und Kindern Frankreich zu verlassen. Unter preußischer Bedeckung wurde die Familie nach dem Bahnhofe geführt; sie hat in Mannheim ein Asyl gefunden , wo Sommer am Nervensieber erkrankte und Wochen lang zwischen Tod und Leben schwebte; er ist zwar jetzt vom Nervenfieber genesen, aber seine Gesundheit hat er noch nicht wieder erlangt; es scheint ihm eine Brustkrankheit zurückgeblieben zu sein; mögen sich die Mannheimer Glaubensgenossen der unglücklichen Familie annehmen. Noch heute behaupten die Bewohner von Vitry, daß Sommer schuldig sei; als vor einigen Wochen ein kriegsgefangener Sergeant durch Vitry kam und sich nach dem ihm von der Zeit her, da er in Vitry in Garnison gelegen, bekannten Sommer erkundigte, gab man ihm zur Antwort: „O, dieser elende Jude! er hat sein Vaterland verrathen, er hat die Festung den Preußen verkauft und ist zu den Preußen entflohen, die ihm den Verrath bezahlt haben." So bilden sich Fabeln, die nachher den Vorurtheilen zur Grundlage dienen. Wer weiß, ob nicht ein späterer Geschichtschreiber dreist die Behauptung aufstellt: „Die Juden haben Vitry dem Feinde verkauft." Wie viele Anklagen gegen die Juden mögen sich von jeher auf solche unwahre Behauptungen gestützt haben! Gabriel war hocherfreut, daß es ihm gelungen war, einen unschuldigen Glaubensgenossen zu befreien. Gleich nach der Abreise der Familie Sommer, erhielt sein Regiment Befehl nach Norden auszurücken', denn die kronprinzliche Armee durfte ihren Vormarsch nach Paris nicht fortsetzen; sie mußte die Vereinigung Mac Mahon'S mit Bazaine verhindern helfen; sie mußten den Flankenmarsch Mac Mahons aufhalten, der bei Sedan zu einer so verhängnißvollen Katastrophe führte. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz. *