Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1871)
- Date
- 1871-01-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I 41 Umfahrt in Rom die Stadttheile des Ghetto und von Trastevere unbesucht gelassen, erfährt vielen Tadel. Es entspricht dies wenig seiner Versicherung, er sei gekommen, um die Noth der Überschwemmten zu lindern; dort gerade hätte er am meisten Elend und Bedürftigkeit gefunden. Ungefähr zweitausend Familien sind dort in den feuchten, ^ungesunden Wohnungen geblieben, in welche das Wasser eindrang, arm, ohne Mittel, eng zusammengedrängt; und schon vielfach hörte man die Befürchtung aussprechen, wenn man diese unglücklichen Leute nicht anderswo unterbrächte, wozu in '.den vielen, größtentheils unbewohnten Häusern reichlich Raum vorhanden sei, so würden schlimme Krankheiten nicht auöbleiben. Auch sind im Ghetto und in Trastevere Häuser eingestürzt und andere bedroht. Der König hat offenbar an jene Armen nicht gedacht, aber auch der Munizipaljunta und dem General Lamarmora wird es zum Vorwurf gemacht, daß sie dm König nicht an dieselben erinnerten. Frankreich. Paris. Ueber den von unS bereits gemeldeten Tod des jCommandanten Franchetti berichtet Iew. Ree. folgendes: „Durch Ballonbrief haben wir die Nachricht von dem Tode deS Franchetti in Paris, eines reichen Glaubensgenossen, erhalten. Er hatte vor der Belagerung ein Corps irregulärer Reiterei zusammengebracht und keine Gelegenheit sich auszuzeichnen versäumt. Als er dem General Ducrot eine Ordre überbringen wollte, wurde er schwer verwundet und starb im Grand Hotel, um-eben von seinen Freunden. — Der „Figaro" gibt uns folgende Erzählung über feinen Heldenmuth: „In Erfüllung seiner Pflicht wurde er durch ein Sprengstück getroffen, welches sein Pferd verwundete und ihm selbst den Schenkel nahe unter der Hüfte zerbrach. Er fiel jedoch nicht. Mit dem Stolze eines verwundeten Löwen bekämpfte er den Schmerz, blieb zu Pferde und versuchte sogar Ducrot's Hauptquartier zu erreichen, aber das Leiden war zu groß." — Seine leichte Schwadron und die Cavallerie der Rationalgarde geleiteten ihn zu Grabe. Jules Favre folgte der Leiche zu Fuß und sah sehr traurig aus. Commandant Franchetti war erst 36 Jahr alt; seine junge Frau mit ihrem Kinde hatte Paris vor der Einschließung verlassen. Paris. Aus einem Pariser Ballonbrief, der von einem noch dort lebenden angesehenen Deutschen am 23. December v. Z. an seine Eltern gerichtet ist, wird uns folgende Stelle mitgetheilt: „Die Lage ist noch immer dieselbe, die Misere fängt indeß jetzt schon a». Die schweizerische Gesandtschaft, welche noch die deutschen Interessen vertritt, wird buchstäblich belagert von armen Schweizern und, was größeres Interefie für mich hat, von Bayern und Badensern, namentlich aber von Frauen ausgewiesener Deutschen, die nun ohne Stütze sind. Da letztere von der französischen Verwaltung nichts bekommen, so theilt die schweizerische Gesandtschaft für die bayrischen und badischen, die amerikanische für di: übrigen deutschm Angehörigen täglich Hilfsgelder und Brodkarten aus. WaS mich persönlich anbelangt, so befinde ich mich, Gott sei Dank, wohl und bin ich wegen meiner Stellung und da ich mich sehr exquisit verproviantirt habe, in der Lage, in der sich jetzt hier nur Millionäre befinden : bis heute habe ich noch jeden Tag mein Fleisch, meine Suppe, mein Gemüse und Zubehör oder Confituren gehabt, und heute Abend habe ich mir “nasb rpun natp sogar ein fettes Huhn schlachten lassen, und wird dasselbe am Freitag Abend mit einigen Gläsern Rheinwein, der mir auch noch nicht abgeht, auf Euer Aller Gesundheit verspeist werden. Heute Abend ist mein Speisezettel: Suppe, Rindfleisch, Reis ä l’italienne, Huhn mit Aprikosen - Compot; von letzterem habe ich noch zwei Dutzend Gläser von dem Hausmeister des Grasen Q. — empfangen, der dergleichen Vorrath noch bei Zeiten anlegen ließ." Aus Paris geht uns per Ballonpost ein lettre pastorale (Hirtenbrief) des dortigen Oberrabbinen Zadok Cahn zu, in welchem er an die Mackabäerkämpfe erinnert und die Israeliten zu Muth und Ausdauer aneifert. Wir haben hiegegen nichts einzuwenden; die Israeliten Frankreichs sind Franzosen und müssen für ihr Vaterland einstehen. Wenn aber Herr Cahn meint, die Situation des heutigen Frankreich sei dieselbe wie damals in Judäa und deßhalb müsse der Ausgang ein ähnlicher sein, so ist er vollständig im Irrthum Hat etwa das damalige Judäa dem Könige Antiochus Epiphanes den Kri?g erklärt und eine halbe Million Soldaten an die Grenze geschickt, um in Syrien einzufallen? Will etwa der König von Preußen den Franzosen ihre Religion rauben? Jeder wahrhafte Freund Frankreichs muß die Verblendung bedauern, welche sich der Gemüther bemächtigt hat und die diesen traurigen Krieg in so entsetzlicher Weise in die Länge zieht. Frankreich kämpft nicht für die höchsten Güter der Menschheit wie einst die Mackabäer; es kämpft nicht für seine Religion, nicht für seine Freiheit, nicht für seine Selbstständigkeit — denn alles Das will ihm Niemand rauben. O, wer doch in diesem einst so schönen, nun zu Boden geworfenen Frankreich den Muth hätte, die Wahrheit zu sagen! — Es ist genug des Bluts vergossen, genug des Elends, und jeder edeldenkende Mensch sollte mit allen Kräften dahin streben, daß wieder Friede herrsche auf Erden.