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Der Israelit · 1871-01-11 · Heft 2 (11.1.1871) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 2 (11.1.1871)
Date
1871-01-11
Page
– (sequence 19)
Language
German
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35 die Töchter-Jnstitute, bei d-ren Wahl die Eltern weniger scrupulös find, denn bei Töchtern brauche man eS ja in religiösen Dingen nicht so genau zu nehmen! — Wenn man aber bedenkt, daß in Israel gerade die Frauen vorzugsweise berufen sind, die treuen Wächterinnen häuslicher Tugend n zu sein, unsere' frommen Mütter nachahmend, welche die Säulen des religiösen Familienlebens bildeten und zu frommem Glauben und innigem Gottvertrauen die Söhne und Töchter erzogen: so sollte uns nichts mehr am Herzen liegen, als die Sorge, daß auch in Zukunft solche ehrwürdigen Frauengestalten in unserm häuslichen Kreise wieder gefunden werden und walten mö en, und, unberührt von allen verbildenden Einflüssen, in Einfachheit wahres Familienglück begründen und dem Genius jüdischer Sitte die heilige Stätte bereiten! In Gefahren wachsen unsere Söhne auf; selbst der orthodoxeste Vater kann sie vor den schädlichen Einflüssen nicht schützen, denen sie mit dem Eintritt in die große Welt ausgesetzt sind. Wehe aber, wenn wir sorglos, muthwillig solchen Gefahren unsere Töchter preisgeben mögen, die, jung und unerfahren, in Kreise gebracht werden, wo der Leichtsinn blüht, wo Modeflitter Bildung heißt, wo Genuß und Vergnügen Lebensweisheit ist und äußerer Glanz so leicht die dem Geschlechte angeborne Eitelkeit rege macht und Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, diese Zierden des weiblichen Characters, nimmer heimisch sind! Wie kann da von jüdischem Sinne, von jüdischer Erziehung noch die Rede sein? Und nachtheiliger noch in ihren Wirkungen, als die ausgeprägte neologische Richtung solcher Pensionate, ist die Halbheit, die sogenannte „richtige Mitte," welche dieselben als officiöse Devise an ihrer Spitze tragen. Ihr schmiegt sich das jugendliche Gemüth williger an, denn sie ist ein süßes, und daher sicherer wirkendes Gift, dem fromm erzogene Kinder nicht widerstehen und darum erliegen, während sie dem entschieden unjüdischen Leben nicht selten einen gewissen energischen Widerstand entgegensetzen. Wir brauchen den inneren Organismus solcher Institute nicht zu schildern, dem gesunden Menschenverstände des Publikums liegt er klar vor Augen. Wenn die treuen Anhänger des Judenthums darum sich nicht bestreben, sei es in Instituten, sei es in Schulen, für gründliche Bildung und gewissenhafte religiöse Erziehung unserer Töchter zu sorgen, dann wird es vergebens die Sorge ernster Männer der Gegenwart sein, vermittelst Stiftung von Lehranstalten, durch unsere Söhne das Judenthum auf künftige Geschlechter fortzupflanzen. Denn in den neubegründeten Familien werden die frommen Hausftauen fehlen, denen an gesetzlicher Reinheit des Herdes aufrichtig gelegen ist, und die frommen Mütter, welche durch ihr Beispiel die Herzen der Kinder für die heilige Wahrheit erwärmen und gewinnen! (Nachbemerkung d. Red. — Der Einsender dieses, uns unter Poststempel „Cöln" anonym zugegangenen Schreibens berührt ein so wichtiges Thema, daß wir nicht umhin konnten, in diesem Falle von unserm Princip, anonyme Zuschriften nicht zu veröffentlichen, abzusehen. Es ist durch viele Fälle erwiesen, daß viele unserer Pensionäre, namentlich Mädchenpenstonate, mehr dem Scheine als dem Wesentlichen huldigen, so daß viele Mädchen nur äußere Politur und daher Oberflächlichkeit, Flatterhaftigkeit, Mangel an häuslichem Sinn u. s. w. aus dem Pensionat heimtragen. Soiröes, kostspielige Ausflüge, die als Zugmittel dienen müssen, nähren oft den Vergnügungssinn des Kindes in schädlicher Weise, und die Eltern erkennen in der aus dem Pensionat zurückgekehrten Tochter nicht mehr das im Hause sich heimisch fühlende Kind, sondern die anspruchsvolle Dame, der die häuslichen Einrichtungen und Verhältnisse zu beschränkt, schlicht, bürgerlich, „philisterhaft" sind. Daß dergleichen schädliche Einwirkungen bei Instituten, die auf streng altjüdischer Basis ruhen, nicht zu befürchten sind, versteht sich von selbst: der Ernst der altjüdischen Erziehung schließt Leichtsinn, Flatterhaftigkeit und Vergnügungssucht aus. Doch wollen wir wiederum nicht behaupten, daß, wie es der Verfaffer zu meinen scheint, Erziehungsinstitute neologer Richtung nothwendigerweise jene erwähnten moralisch schädlichen Einflüsse üben müßten, — das darf keineswegs behauptet werden, da es Beispiele vom Gegentheit gibt. Doch, wie cs scheint, ist Einsender dieses selbst Vater, der in dieser Beziehung traurige Erfahrungen gemacht hat, besten Kind wahrscheinlich mit einer unjüdischen Lebensanschauung eine gute Portion leichtsinnigen Wesens aus dem Pensionat mitgebracht hat; in diesem Falle kann man dem Vater gewiß den Unmuth nicht verdenken. Wir freuen uns aber doppelt, durch Herausgabe dieser Blätter auch Eltern den Weg zur öffentlichen Besprechung mißlicher Schul- und Erziehungszustande geebnet, ihnen eine Stätte bereitet zu haben, auf welcher Schule und Haus ohne Rücksicht öffentlich conferiren können, was gewiß nur gute und heilfame Früchte zeitigen wird. Doch mag der Einsender durch uns die Beruhigung erhalten, daß seit den letzten Jahren in Beziehung des von ihm Angere sten, der Gründung streng religiöser Mädchenpensionate, Viel gethan worden if^ Lesen wir den Jnseratentheil jüdischer Zeitschriften durch, so treffen wir auch manche von bewährter Seite als streng fromm empfohlene Mädchenpenstonate, so daß es scheint, daß es denn doch mehr gibt, als man wohl gewöhnlich glaubt; doch kennen wir dieselben nicht aus eigener Anschauung und könne« daher auch kein endgiltiges Urtheil über sie avgeben.

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