Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1871)
- Date
- 1871-01-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447502--08978-2464652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
26 aber leider sehr oft ist, da, wo die Eltern durchschnittlich so wenig zur religiösen Erziehung der Kinder beitragen, wie hier, ist wenig Ersprießliches zu erwarten. Wir sind unter diesen Betrachtungen in die Schule getreten. Unter den 33 wöchentlichen Unterrichtsstunden sind 15 dem Religionsunterrichte zugemessen. Das in der Schulordnung von 1854 gesteckte Ziel ist keinesfalls ein kleines. Obgleich es nun an Zeit nicht gebricht, obgleich Hohes zu erreichen, den Lehrern Pflicht, hat doch der religiöse Sinn keine sehr große Stütze an der Schule. Diejenigen Knaben, die später als Einjährige dienen sollen, verbringen zur Erlernung der fremder Sprachen eine nicht geringe Zeit in der Rectorschule, oder wie sie sonst heißen mag. Dadurch entsteht eine solche Zersplitternng der Kräfte, bei welcher nach den obwaltenden Verhältnissen der Unterricht im Hebräischen so sehr leidet, daß Großes nur in den seltensten Fällen erzielt werden kann. Es ist dieser Uebelftand freilich erst seit 1866 in hohem Maße über uns ausgebrochen, aber auch früher war es nicht selten, daß jüdische Eltern aus bester Absicht, aber in Verkennung der wahren Sachlage, ähnlich verfuhren. Jeder Unterricht, mit Erfolg betrieben, wirkt entwickelnd auf das Kind und bringt ihm Nutzen. Sehr fraglich aber scheint's mir, ob dem jüdischen Kinde irgend welcher Vortheil daraus erwächst, wenn dasselbe, aus der Schule kommend, schreien kann: ma tr&s chere mere, j’ai faim! Es ist wohl nicht so sehr fördernd für den Knaben, wenn er, hinter dem Ladentische stehen, als 16jähriger Bursche amo conjugiren kann. Ich meine aber, ein Unterricht, in dem das Kind auf halbem Wege stehen bleibt, den es später bis zu einem gewissen Grad von Vollkommenheit nicht fortsetzt, ist nicht wichtig genug, als daß man ihm für den nimmer verdorrenden jnriN nob, den Stab der Lehre, eine rupn pjjwd geben sollte. Ein ebenfalls nicht gering anzuschlagender Nachtheil für die jüd. Schulen in H. ist der sehr häufige Wechsel der Lehrer. Gewiß giht's viele Kinder, die während ihrer Schulzeit 3—5 Lehrer gehabt haben, wohl gar ein Jahr gegangen sind. Der Einfluß des Lehrers auf die Gemeinde wird dadurch, daß er nur selten lange an einem Orte weilt, ein sehr geringer. — Die Gemeinden bringen wirklich große Opfer, der Gehalt der jüdischen Lehrer ist hier verhältnißmäßig nicht klein; die Ausgaben aber sind groß. In den kleineren Gemeinden sieht man den verheiratheten Lehrer nicht gern, und da wir hier meist junge Lehrer haben, so sind diesen bald hier, bald dort. Der schrecklichste der Schrecken jedoch ist die große Gleichgiltigkeit und fürchterliche Lauheit der Eltern in Betreff der religiösen Erziehung ihrer Kinder. Schon oft ist in diesen Blattern nachgewiesen, daß ohne Hilfe der Eltern der Lehrer nicht im Stande ist, fromme Schüler heranzubilden; ich wist mich hierüber nicht weiter aussprechen.Sie sehen also, daß wir in der Provinz ,H. grbße OH’Dn nicht sind. *) Gebe , daß recht bald zum Guten sich Alle« wenden möge. n2j/ «'nn roton rojn. Zeitungsnachrichten und Gorrespondenzen^ Deutschland. Mainz, 2. Jan. Biele Zeitungen, unter anderen auch das „Frankfurter Journal," enthielten unlängst den nachstehenden Artikel: „Eine besondere Hilfe suchten die Juden von Paris der bedrängten Hauptstadt zu bringen, da sie ein achttägiges Betfest veranstalteten, wobei der Großrabbiner von Paris, Zadoc Kahn, so wie der Großrabbiner von Frankreich, Isidore, den Fluch Gottes auf die deutschen Waffen herabflehten und dagegen die Franzosen, und speciell die Pariser, als moderne Makkabäer, so wie General Trochu als wiedererstandenen David der besondern Huld und Gnade des Himmels empfahlen, indem sie zugleich versicherten, daß mehr als 100,000 Inden in den deutschen Heeren gleiche Gebete zu Gott richteten." Wir haben darauf Folgendes im F. I. veröffentlicht : „Mainz, 2. Jan. Die 1. Beil, zu Nr. 1 Ihrer geschätzten Zeitschrift enthält der „Corr. Havas" entnommene Notizen, welche dazu angethan sind, die Israeliten von Paris lächerlich zu machen, die aber nach uns per Ballonpost zugekommenen Originalberichten durchaus ungenau, ja unwahr sind. Die Juden von Paris haben kein achttägiges Betfest angeordnet; das in Rede stehende Fest ist vielmehr die Gedenkfeier der Makkabäerkümpfe, welche vom 19. bis zum 26. Dec. überall von den Israeliten begangen wurde; die Großrabbinnen von Paris und Frankreich haben nicht den Fluch Gottes auf die deutschen Waffen herabgefleht, sie haben nicht die Pariser als moderne Makkabäer und den General Trochu als einen wiedererstandenen David der Huld des Himmels empfohlen, sie haben ferner nicht gesagt, daß 100,000 Juden in den deutschen Heeren gleiche Gebete zu Gott richteten. Das Wahre an der Sache ist, baß in der großen Synagoge in Paris am 19. Dec. bei Gelegenheit der oben *) Anm. der Red.: Es gibt jedoch auch Ausnahmen, größere und kleinere Gemeinden, auf welche die vorstehende Schilderung nicht paßt bfw (nbfr ftb.' —