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Der Israelit · 1871-01-11 · Heft 2 (11.1.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 2 (11.1.1871)
Date
1871-01-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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24 Gabriel machte seine Einkäufe und kam nach ungefähr zwei Stunden, einfach aber geschmackvoll gekleidet, zu Herrn Windsheimer zurück. „Ah," sagte dieser, „jetzt sehen Sie ganz anders aus! Der Anzug macht Ihrem Geschmacke Ehre; die Stoffe sind wohlfeil, aber kleidsam. Ich hoffe, ich werde Sie brauchen können. Jetzt Kommen Sie mit mir in die zweite Etage, wo sich meine Wohnung befindet. Au premier*) wohnt ein Gesandter. Ich habe die Hälfte des zweiten Stockes inne; Ihr Zimmer wird im fünften Stock sein; doch Sie haben junge Beine. Jetzt folgen Sie mir, ich will Sie meiner Familie vvrstellen, will sehen, ob meine Frau Sie wiedererkennt." Gabriel folgte Herrn Windsheimer in den zweilen Stock, das heißt, drei Treppen hoch; denn in Paris ist in den meisten Häusern durch die hohen Läden parterre der erste Stock derart verkürzt, daß er in der Regel nur von der Dienerschaft der au premier wohnenden Herrschaften bewohnt wird; man NMNt ihn entresol. „Hier habe ich die Ehre," sagte Herr Windsheimer, mit Gabriel ins Familienzimmer eintretend, „Euch einen jungen Freund vorzustellen, den ich soeben als Commis, oder vielmehr als Correspondenten engagirt habe." Frau Windsheimer und ihre Tochter erhoben sich, um dm neuen Commis zu bewillkommnen. „Ah," sagte Frau Windsheimer, Gabriel scharf ansehend, „der Herr kömmt mir sehr bekannt vor; ich glaube, ihn schon gesehen zu haben." Herr Windsheimer lachte aus vollem Halse. „Es ist ja", rief Philippineerfreut, „Herr Burgwald, den wir gestern." Sie erröthete und vollendete den Satz nicht. „Den Sie gestern," sagte Gabriel, „vom Tode errettet haben." „In der That," sagte Frau Windsheimer, „ich hätte Sie kaum wieder erkannt." „Ich verdanke es," entgegnete Gabriel, „der Güte Ihres Herrn Gemahls, daß ich heute als anständiger Mensch vor Ihnen erscheinen kann. Wie vermag ich Gott genug zu danken, daß Er mich am Rande des Abgrunds so edle Menschen hat finden laffeu, die sich meiner so liebevoll annehmen?" „Lassen wir das," sagte Herr Windsheimer. „AVer Rahel, es ist Zeit zum dejeuner; **) laß' auftragen, ich habe Hunger." *) Im ersten Stock. **) eigentlich: Frühstück; jedoch unferm deutschen Mittagessen entsprechend. . Man setzte sich zu Tische. Gabriel mußte von seinen Eltern, Geschwistern, von seiner Heimath und seinen Abenteuern in Paris erzählen; er fand in Allem bei seinem Principale und dessen Familie die größte Theilnahme. Nach wenigen Wochen schon hatte sich Gabriel in das Geschäft des Herrn Windsheimer iüchttg eingearbeitet, so daß er durch seinen Fleiß und feine Geschicklichkeit demselben große Dienste zu leisten vermochte. Das Verhältniß zur Familie seines Brodherrn gestaltete stch zu einem recht innigen; er durste dieselbe am Sabbat auf deren Spaziergänge begleiten, und einen Theil seiner Mußstunden benutzte er dazu, der fünfzehnjährigen Philippine, die ein französisches Institut besucht hatte und das Deutsche mangelhaft sprach und schrieb, in der deutschen Sprache zu unterrichten. Er führte sie in den Geist der deutschen Klassiker ein und hatte hiebei Gelegenheit, das tiefe Gemüth und den reichen Geist des jungen Mädchens kennen zu lernen. Philippine hingegen wurde von der hohen Bildung des jungen Burgwald mit wahrhafter Bewunderung erfüllt; überall wußte er Bescheid, über Alles wußte er Auskunft zu ertheilen. Aber auch ste wußte sich ihm nützlich zu machen, indem sie seine fremdländische Aussprache des Französischen corrigirte und ihn auf die Germanismen in seiner Redeweise aufmerksam machte. Auch Frau Windsheimer gewann den jungen Burgwald lieb und sorgte wahrhaft mütterlich für ihn; Herr Windsheimer aber war ganz entzückt von dem bescheidenen und gediegenen Wesen Gabriels, von seinen aus gebreiteten Kenntnissen, von seiner geschäftlichen Gewandtheit und namentlich von seiner ungeheuchelten, innigen Frömmigkeit. An jedem Sabbat - Nachmittag lasen die Beiden den Wochenabschnitt der Thora mit Raschi's Commentar, und da war es Gabriel, der alle schwierigen Stellen zu erklären wußte. „Rahel," sagte Herr Windsheimer häufig, wenn er allein mit seiner Frau war, „wir haben da indem jungen Burgwald einen wahren Schatz von der Straße aufgelesen. Wenn unsere Philippine herangewachsen ist, so gebe ich sie ihm und mache ihn zu meinem Compagnon." „Wenn es Gottes Wille ist," pflegte dann Frau Windsheimer zu erwidern, „ich habe nichts dagegen einzuwenden." (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.

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