Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1871)
- Date
- 1871-01-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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10 daß die, welche an den jüdischen Gesetzen und Vorschriften sesthielten, nur eine geringe Schaar bildeten, und .es brachte dann auch die Majorität der Gemeinde die Richtung, der sie huldigte, im Vorstande zur Herrschaft; eS blieb in demselben nur ein muthiger und kraftvoller Vertheidiger der Sache der Religion. Dagegen entbehrte diese der Unterstützung ihres natürlichsten Beschützers: der Rabbiner zeigte im entscheidenden Moment, daß er nicht für das Judenthum eintreten wolle, da die Mehrheit der Gemeindeg-'nossen dawider kämpfte. Es gab unter den trostlosen Verhältnissen nur einen glücklichen Umstand, daß nämlich die Partei der Irreligiösen zugleich an bedeutendem Indifferentismus litt. Der innere Trieb zum „Reformiren" war nicht allzustark; aber es traten äußere Umstände ein, ihn anzufachen. In der jüngsten Industrieausstellung, die überhaupt den Bewohnern Cassel's ein größeres Selbstbewußtsein verlieh, fand der Gemeindevorstand eine schöne, aus Hamburg eingetroffene Orgel seiner Aufmerksamkeit werth; es erschien ihm als ein hochverdienstliches Werk, -ine solche stolze Zier dem Gotteshaus zu erwerben. Jetzt wurde eine Gemeindeversammlung berufen , zu der sich jedoch nicht die erforderliche Anzahl Mitglieder einfanden. Sie berieth dessenungeachtet, und zwar neben der Oraelfrage noch über eine andere Angelegenheit. Die Scharre nämlich, in der in wohlgeordneter Weise das Fleisch unter Aufsicht bisher verkauft wurde, war baufällig geworden und mußte auf polizeilichen Befehl abgetragen werden. Es handelte sich darum, einen Ersatz dafür zu schaffen. Jene beschlußunfähige Versammlung nun nahm eine Abstimmungauch darüber vor, und es ergab sich denn, daß die Wünsche der überwiegenden Mehrheit der Anwesenden für die Einführung einer Or el und gegen die Erbauunr Äner neuen Fleischscharre waren. Der Vorstand hätte gern dieses erwünschte Resultat der Abstimmung in einen rechtsgiltigen Beschluß verwandelt. Er veranlagte eine besondere Versammlung der in j ner ersten Versammlung nicht erschienenen Gemeindeangehörigen; aber das erscheint ja nach allgemeinen Grundsätzen als bedeutungslös, und so wurde auch das ganze Verfahren von Staatswegen als statutenwidrig cassirt. Augenblicklich also befinden sich die Angelegenheiten noch in der Schwebe; aber es sind keine günstigen Aussichten, die sich für die Zukunft eröffnen. Möchten sich doch die Billigdenkenden unter den Irreligiösen fragen, ob sie bei ihrer bisherigen Haltung beharren wollen. Wir finden es begreiflich, wenn sie sich nicht beeilen, für die Beftiedkguug religiöser Bedürfnisse zu sorgen, welche sie selber nicht empfinden; aber das sollte man von ihnen verlangen, daß sie ihr numerisches Uebergewicht nicht mißbrauchten, um die Gewissen der Minorität, von der die religiösen Institute fast ausschließlich benutzt werden, zu kn-chten. Besucht ja selbst der Vorstand (daS orthodoxe Mitglied natürlich ausgenommen) nicht einmal am Sabbat regelmäßig die Synagoge; wozu will man den Gottesdienst ändern, der durchaus einen würdigen Eindruck macht und keinen gegründeten Vorwurf erfahren kann? Würde man doch da Lwige Zwietracht in der Gemeinde heranfbeschwören? Möchte eine ruhige Erwägun > dieser Sachlage in allen Gemüthern Platz greifen.' Die orthodoxen Gemeindemitglieder aber mögen sich durch den Gedanken stärken/ daß daS reine Streben, ihrem Gotte zu dienen, sie beseelt; wenn ste sich nur nicht selber verlassen, werden ihnen die Mittel, ihr Wollen zu verwirklichen, sicherlich nicht fehle». Hamburg, 16. Dkcbr. Hirsch Oppenheimer, vormals Mitinhaber der früheren Firma H. und B. Ovpenheiwer, ist gestern Morgen plötzlich in seinem 78. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene hat in Gemeinschaft mit seinem Bruder Behrend Oppenheimer die Oppenheimersche Stiftung errichtet und somit sich ein Angedenken in Hamburg bewahrt. Altona. Unser Glaubensgenosse, Herr Obergerichtsadvokat M. M. Marburg, wurde bei der jüngsten Wahl wieder zum Mitglied des Abgeordnetenhauses gewählt. Derselbe hatte anfänglich die Erklärung abgegeben, daß er keine Wahl anrwhmen werde, jedoch auf die wiederholten Bitten seiner jüdischen wie christlichen Freunde entschloß er sich endlich dazu. (Hamafid.) Leipzig, im Deeember. Wie sich draußen im Feindeslande Tausende unserer Glaubensgenossen mit ihren andersgläubigen Waffenbrüdern schaaren zu gemeinsamem Kampfe gegen den Erbfeind deutschen Geistes, ihn zwingen, vor den hohen Zielen unseres sittlichen Ringens und Strebens die Waffen zu strecken, so hat sich auch — wenn es gestattet ist, Kleines mit Großem zu vergleichen - der intelligentere Theil unserer Gemeinde an die Seite der einsichtigen, gerechten christlichen Mitbürger zur Bekämpfung des inneren Feindes gestellt, der es immer noch nicht über sich gewinnen kann, dem Juden neben seinen Pflichten für Staat und Stadt auch die gebührenden Rechte in denselben einzuräumen, auch die Befugniß mitzurathen und mitzuthaten zuzugestehen. Bereits hat diese Vereinigung einen nicht gering anzuschlagenden Sieg zu verzeichnen. Während in den letzten Jahren, in Folge der Machinationen einer sich vorzugsweise patriotisch nennenden Partei, das Stadtverordneten-Collegium nur zwei oder drei jüdische Mitglieder zählte, sind ans der Wahlurne bei der jüngst stattgehabten Wahl die Namen von steben unserer Gemeindemitglieder hervorgegangen, Namen von gutem Klange, deren Träger durch geistige Befähigung, durch geachtete Stellung im bürgerlichen Leben unzweifÄhaft die Zuversicht