Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1871)
- Date
- 1871-01-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 schwierig nicht; ich will Dir gern gestatten, einmal nach M. zu reisen."" „Ohne Dich?" „«Freilich; Du weißt, daß mich mein Geschäft hier am Orte festhält; ich würde sagen, Du solltest Philippine mitnehmen, wenn ich überhaupt die Idee nicht für zu romantisch hielte. Verwandte haben wir nicht mehr zu Hause — sie sind zum Theil in Ämerika, die Andern sind in der Ewigkeit; waS wolltest Du in der Heimath?"" „Sie Wiedersehen! Philippine, wolltest Du mit mir nach Deutschland reisen?" Philippine hatte dem Gespräche der Eltern nicht zugehört. Jetzt fuhr sie empor, da die Mutter das Wort an sie richtete. „Gern, oLörv maman, antwortete sie, „doch sieh einmal, Vater, den jungen Mann, der dort am Kiosk steht! ich beobachte ihn schon eine Zeit lang; ich glaube, er ist krank." Herr Windsheimer erhob sich und schritt auf den Kiosk zu. An diesen lehnte sich ein junger Mann, desien Gesichtsmge sofort den Juden erkennen ließen. Er war ein Bild des Elends und des Jammers; seine Wangen waren eingefallen, die Augen traten aus den Höhlen. „Mein Herr," redete Windsheimer den Fremden in ftanzösischer Sprache an, „sind Sie krank, was fehlt Ihnen?" „Ich," entgegncte der Fremde mit ausländischem Accent, und die Röthe der Scham trat auf die blassen Wangen seines abgezehrten Gesichts, „ ich habe Hunger, ich bin halb verhungert." „Sie haben Hunger," rief Windsheimer erstaunt und zwar in deutscher Sprache; denn, wenn er lebhaft wurde, sprach er immer deutsch. „„Ja,"" entgegnete der Fremde ebenfalls auf Deutsch, „„ich habe heute und gestern noch nichts gegessen." " „O, kommen Sie mit mir," sagte Windsheimer, „kommen Sie mit an jenen Tisch." Und er zog ihn mit sich fort. Philippine hatte schon dem Fremden einen Stuhl hingestellt und Windsheimer ergriff die Glocke, die auf dem Tische stand und läutete mächtig, so daß der Kellner eilends herbeistürzte. „Bringen Sie rasch Brod, Butter und Thee!" befahl Windsheimer. Das Gewünschte wurde hergebracht. Frau Windsheimer schenkte den Thee ein, den der Fremde in langen Zügen schlürfte. „Warum essen Sie nicht?" fragte Windsheimer. Der Fremde stammelte verlegen: „Ich habe mich nicht gewaschen!" „Ah," sagte Windsheimer, „Sie sind ja ein zweiter Rabbi Akiba, der eher Hungers sterben als ungewaschen essen wollte." Dann schellte er noch einmal und ließ ein Glas Wasser herbeibringen. Der Fremde wusch sich die.Hände, zog dann ein Messer aus seiner Tasche, schnitt das Brod, bestrich es mit Butter und aß es mit großem Behagen, während Frau Windsheimer ihm die Theetaffe wieder füllte. Als der Fremde seinen Hunger gestillt hatte, sagte er: „Mein Herr, ich danke Ihnen. Sie haben mich für diesmal vom Hungertode gerettet." „Für diesmal und für immer, hoffe ich," entgegnete Windsheimer. „Aber erzählen Sie, wie sind Sie in diesen Zustand gekommen?" „„Das ist schnell erzählt. Ich heiße Gabriel Burgwald und bin aus H. im Königreich Preußen Mein Vater war früher ein wohlhabender Mann; aber er ist in den letzten Jahren in seinen Vermögensverhältnissen zurückgekommen; ich wollte ursprünglich studiren, mußte aber den Gedanken daran aufgeben, als mein Vater verarmte; ich trat in ein Geschäft ein. Da ich aber zu wenig verdiente, und es mein heißester Wunsch ist, meine Eltern und Geschwister zu unterstützen, so ging ich nach Paris, wo mir eine gute Stelle in Aussicht gestellt war. Da sich jedoch meine Abreise verzögerte, so fand ich die Stelle bereits vergeben; ich suchte nun nach einer andern. Unterdeß ging meine geringe Baarschaft zu Ende; ich verkaufte meine Sachen, um zu leben; ich suchte nach Arbeit, selbst nach der geringsten, vergebens. Da ich kein Geld und keine Sachen mehr hatte, und da ich unmöglich betteln kann, so hungerte ich. Die vorige Nacht habe ich im Freien zugebracht; in dieser Nacht wäre ich meinen Leiden erlegen, wenn Sie Sich nicht meiner angenommen hätten." " ,,Sie haben Unrecht gethan, junger Mann, daß Sie nicht früher die Glaubensgenossen in Anspruch genommen." „„Ich habe es versucht; allein cs war mir unmöglich. Hätten Sie mich nicht angesprochen, ich hätte den Muth nicht gesunden', Jemanden anzusprechen." " „Hier haben Sie ein Zwanzigfrancstück und meine Karte. Besuchen Sie mich morgen." (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. - Belaa der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Go ttsleben's Buchduckerei in Mainz.