Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1871)
- Date
- 1871-01-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 Soll ausreichende Hilfe geboten werden, so scheint mir das nur dadurch erlangbar, daß man in H. eine jüd. Schule errichtet wie die T. T. in Hamburg oder die jüd. Schulen zu Mainz und Frankfurt. So innig ich das auch wünsche, so unwahrscheinlich scheint mir die Realistrung dieses Wunsches; denn von den jetzigen Juden in H. ist wenig Unterstützung zu erwarten; auch ist die Gemeinde zu diesem Zwecke wohl noch zu klein (?). Ferner wirkt in dieser Hinsicht die Annexion von 66 sehr nachtheilig, indem alle vermögenden Eltern ihren Kindern gern den Genuß des einjährigen Dienstes zu verschaffen suchen. Um unserer Betrachtung über H. einen freundlichen Schluß zu geben, sei erwähnt, daß H. noch immer seinen Ruf in Bezug auf n"J wahrt, sowohl in Betreff der npis wie auch des ncK bv nwJ.*) Die öffentlichen Anstalten, als nB'riP u. dergl. werden zur Zufriedenheit gewiß selbst des strengsten mir überwacht und gehandhabt. Möge das Gute sich immer mehr entfalten, das Ueble aber recht bald schwinden! Ehe wir nun speciell aus die übrigen Gemeinden unser Augenmerk richten, wollen wir den Juden des ehemaligen Königreichs im Allgemeinen kurz unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Der Zahlenvergleich zwischen den jüd. Einwohnern der Provinz H. mit denen anderer Länder zeigt, daß H. verhältnißmäßig nur wenig Juden hat. In der Nheinprovinz wohnen auf 491 OM. 33,500, in Westphalen auf 368 OM. 16,500, Bayern zählt auf 1400 OM. 60,000 Juden; H. hingegen hat auf 700 OM. kaum mehr als 4000 Juden.**) Die Juden H.'s sind im vollsten Sinne des Wortes echte Hannoveraner, d. h. sie kennzeichnen sich durch Feinheit im Umgänge, im geselligen Verkehre durch den sog. feinen Ton. Im Allgemeinen herrscht unter den Juden H.'S große Wohlhabenheit. Ein unternehmender Geist ist ihnen zumeist eigen, erstreckt sich jedoch gewöhnlich nur auf das Manufacturgeschäft, auf Speculation in Produkten und dergl. Das Handwerk wird von den jüd. Bewohnern der Provinz Hannover weniger gepflegt. Bezeichnend hierfür ist, daß der bereits erwähnte Handwerkerverein weniger um Geldmittel als um Leute verlegen ist, die denselben in Anspruch nehmen wollen. Als fernere *) Das Anführen der bestehenden Wohlthätigkcitsanstalten mag solches beweisen: 1) Frauenverein, 2) Krankenpflege- Verein, 3) Simon'sches Waisenhaus für Knaben, 4) Stiftung des Kriegsagenten Sal. L. Cohen, 5) Legat von Moritz Cohn, 6) Wohlthätigkeiisverein, 7) Verein für freie Feuerung, 8) Verein zur Unterstützung von Handwerkern oder solcher Leute, die ein Handwerk erlernen wollen, 9) Fideicomiß des Krieasagenten Salomon Michel David. Dazu kommt noch ein Waisenhaus für Mädchen, das Herr Coppel zu stiften beabsichtigt. **) Das ist viel zu niedrig gegriffen. Im Jahre 1645 ergab eine statistische Aufnahme eine Gesammtzahl von mehr als 11,000 jüdischen Seelen. — Red. Bekräftigung meiner Behauptung führe ich an, daß vor ungefähr 5 Jahren in der Stadt H. nur 1 Schuhmacher und 1 Schneider jüd. Confesston wohnten, und diese waren oder sind vermuthlich nicht in der Provinz Hannover geboren. Die allgemein unter den Juden verbreitete Wohlhabenheit veranlaßt dieselben, mit gewisser Geringschätzung auf den jüd. Handwerker zu schauen. Auch das Lehrfach findet nur sehr schwache Vertretung unter der Jugend der jüd. Einwohner der Provinz H. Unter den 24 Schülern, die am Anfänge dieses Jahrzehnts das jüd. Seminar zu H. besuchten, waren nur 8 Hannoveraner und von diesen verließen 3 die Anstalt, ohne ihr Examen zu machen. Dafür hat das vormalige Königreich großen Reichthum an jüd. Schächtern und Leuten, die von einem Markte zum andern ziehen, ihre Waaren umzusetzen. Im häuslichen Leben zeigt sich eine angenehme Behaglichkeit; die Glieder der Familie hangen, wie dies beim Juden fast immer der Fall ist, mit heißer Liebe an einander und suchen durch Feiern von Familienfesten und sonstige Aufmerksamkeiten ihre gegenseitige Neigung zu bekunden. Leider artet dieses löbliche Streben nicht selten aus und eö kommt vor, daß man, um den Kindern einen vergnügten Abend zu bereiten und wohl auch noch aus anderen, unsinnigen Gründen, das Weihnachtsfest durch Tannenbäume u. s. w. feiert. O tempora, o mores, sagt mit tiefer Betrübniß der Jude; der Christ aber weiß nicht, was er zu solcher Verkehrtheit, zu solchem Wahne sagen soll. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß die Tugenden, die überall bei den Juden gefunden werden, auch in H. zu Hause sind, daß das noryo im schönsten Flore steht; man kann hier dem Juden bald anmerken, daß er Nachkomme unserer Erzväter ist. Um aber der Wahrheit die Ehre zu zollen, um weder in Lob noch Tadel zu übertreiben, muß bemerkt werden, daß von dthin die Landgemeinden nur wenig aufgesucht werden, besonders die nördlich von H. gelegenen Districte. Ich habe in meinem Geburtsorte, einem Dorfe in Kurhessen, in einer Woche mehr Leute gesehen, die um Almosen baten, als hier, einem Städtchen in der Haide allerdings, in mehreren Monaten. Es ist also kein Wunder, daß man hier im Allgemeinen größere Spenden ertheilen kann. Es sei jedoch nun genug hiervon, wir gehen zur Betrachtung der Landgemeinden über. Was man bei uns eine Gemeinde nmnt, das würde anderswo kaum den Namen eines beanspruchen dürfen. Wenige Ausnahmen abgerechnet, findet man nur Gemeinden von höchstens 20 Familien, jedoch ist diese Zahl schon sehr hoch gegriffen, meistens dürfte sich die Anzahl der Familien zwischen 4—12 bewegen. Diese bestehen nun aus solchen, die