Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1871-01-04 · Heft 1 (4.1.1871) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 1 (4.1.1871)
Date
1871-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447499-2447501--08954-2464627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 betrifft, so sind solche in dieser Zeitschrift bereits richtig geschildert: nur als Quelle scheint mir nicht die rechte' angegeben zu sein. Der sog. Zeitgeist hat in H.' allerdings großen Einfluß gewonnen, hat die echte Egiöse Begeisterung schwinden gemacht, hat die fromme Hingebung an den göttlichen Willen getilgt' aus dieser Gemeinde, so daß wahre Frömmigkeit, unverbrüchliches Festhalten an den ewigen Satzungen unseres geoffenbarten Heiligthums nur selten in dieser Stadt gefunden werden. Es ist das wahrlich eine traurige Erscheinung , eine Wahrnehmung, die den aufrichtigen gewiß höchst schmerzlich berührt. Daß aber, was man so den Geist der Zeiten nennt, der Herren, die an der Spitze stehen, eigener Geist sei, wenigstens in den meisten Fällen, das ist wohl nicht ganz sachgemäß. H. war eine oni i'y, aber wann? damals, als es noch eine kleine Gemeinde war, als noch die nicht übergroßen Räume des alten Gotteshauses die Andächtigen alle zu umfassen vermochten. H. hat fetzt eine große jüdische Gemeinde. Woher kommt dieser enorme Zuwachs? Aus sich heraus hat H. sich so sehr nicht entwickelt, vom Lande ist ihm ein großer Theil der fetzigen Gemeindemitglieder geworden. Diese Vermehrung aber konnte, der Situation der Landgemeinden entsprechend, kein religiöses Element in sich bergen, mithin ein solches der Hauptstadt auch nicht zuführen. Was aber den Urstamm der Israeliten der Stadt H. angeht, so ist derselbe allmählich den pan yn gegangen, und ein Geschlecht, minder vertraut mit den Lehren unserer Religion, minder bewandert in den Schriften des jüdischen Gesetzes, weniger erglüht also für den Glauben, weniger erwärmt für das Beobachten der göttlichen Gebote, ist erstanden. Aus der Amalgamirung des gezeichneten Geschlechts mit den Zuzüglern vom Lande mußte das heutige H. werden. Doch wird man fragen: Wie war's möglich, daß ein solches in heranwachsen konnte? Warum hat der Herr Landrabbiner während seiner fünfundzwanzigjährigen Amtsthätigkeit nicht dafür gesorgt, daß der Unterricht in der Religion unserer Väter ein besserer war, daß die Kinder , die jetzt Männer geworden, besser unterwiesen worden sind in den Pflichten unseres^Gesetzes? Es ist das allerdings eine gewichtige Frage, ein Vorwurf zugleich, den Herr vr. Meyer gewiß selbst schon bei sich gefühlt. Die Möglichkeit aber einer Bessergestaltung, oder auch, cs zu verhindern, daß es'nicht werden konnte, wie's leider geworden ist, das Alles ist leichter zu wünschen als zu verwirklichen. Ich habe Herrn vr. Meyer sich in den kräftigsten Worten aussprechen hören über den traurigen Zustand, in welchem die Religionsschule sich zur Zeit befand, ich habe besonders an mwn rütf und 5mi rotf vernommen, wie der Herr Landrabbiner mit der großen Kraft seiner Rede sich beklagte über die bittern Folgen der Gleichgiltigkeit, mit welcher die Eltern die religiöse Erziehung ihrer Kinder vernachlässigten; auch über die Mittel, wie diesen Uebelständen abzuhelfen, wurde Mittheilung gemacht. Hat man diese Mittel ergriffen? Haben die Gemeindemitglreder ernstlich an eine Aenderung der Dinge zum Guten gedacht? Weder das Eine noch das Andere fft geschehen. Ich weiß, daß s. Zeit Herr Dr. Meyer an bestimmten Abenden in der Woche den älteren Schülern der Religionsschule, wie auch solchen, die bereits der Schule entlassen, Unterricht in den 'plv ms# ertheilte. Daran hätte sich später selbstredend Unterweisung in anderen rabbinischen Schriften angeschlossen. Es hat nicht lange gewährt; gewiß nicht wegen Mangel an Lehrlust, gewiß nicht wegen Mangel an Begeisterung für das begonnene Werk, wahrscheinlich aber darum, weil es an Schülern gebrach, wahrscheinlich darum, weil es an warmem Interesse Seitens der Eltern fehlte. Wenn ich nicht irre, war in jüngster Zeit auch die Rede davon, die Religionsschule zu H. einer Umgestaltung zu unterzieh»; warum solches bislang nicht geschehen und ob man die Idee ganz aufgegeben, ist mir unbekannt. Es wird übrigens eine unendlich schwere Aufgabe sein, die Religionsschule zu H. zu heben. Wer die Verhältnisse in H. kennt, weiß, daß sämmtliche jüd. Kinder zur Ausbildung in den Elementarfächern oder zur Erlernung nichtjüdischeu Wissens die städtischen Schulen besuchen. (Die 8 Zöglinge des Waiserchguses, wie die geringe Zahl der Schüler einer andern milden Stiftung sind hier nicht in Betracht zu ziehen.) Wo dieses aber der Fall ist, wo in chrisU. Schulen die jüd. Kinder ihre Kenntnisse sammeln müffen, wo ferner hierzu eine so große Zeit in Anspruch genommen wird, wo die Unterrichtsgegenstände eine solche Mannigfaltigkeit umfassen, wie eö in H. nun einmal ist: da bleibt für den Religionsunterricht nur eine ganz knapp zugemessene Frist, da kommen nur ermüdete und erschlaffte Kinder zur Religionsschule, und da ist, auch mit dem besten Willen der Lehrer, nicht viel zu erzielen. Das Kind sitzt des Morgens 4 Stunden auf den Bänken des Lyceums, der Bürger- oder Töchterschule, und schaut sich erst dann ein Stündchen die Räume der hebräischen Schule an. Aehnlich ist's des Nachmittags. Da soll das Kind Tüchtiges leisten, da der Lehrer große Resultate erreichen? Er müßte mehr können als Menschen vermögen, er müßte Unmögliches möglich zu machen im Stande sein. Wenn das Kind keine Lust mitbringt, wenn h,ie Eltern nicht mit aller Liebe und Begeisterung die Jugend zur Frömmigkeit erziehen, wird unter den bereits ermähnten Umständen nimmer religiöser Sipn und umfassendes jüd. Wissen durch den Lehrer verbreitet werden können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.