Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1870)
- Date
- 1870-12-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XL Jahrgang. Krilage zu Rr. 52 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen, Deutschland. Verlin, 21. Dec. Als die „VofsisLe Zeitung" vor einigen Wochen mehrere, von Ludwig Pietsch angefertigte sogenannte „Kriegsbilder" brachte, in welchen die Bekenner deS JudenthumS in der lächerlichsten Weise gezeichnet wurden, da waren wir eS, die sofort bei dem Redakteur genannter Zeitung, Dr. Klette, in kräftigster Weise remvnstrirten und gleichzeitig auseinandersetzten, wie wenig derartige Berichte mit der Tendenz der „Vofsischen Zeitung," welche von Tansenden jüdischen Lesern gehalten, und welcher von so vielen Israeliten unzählige Inserate zugewendet würden, übereinstimmen, wie durch solche Ausarbeitungen Hatz und Verachtung gegen das Judenthum in die Massen hineingeschlendert werden, wie ein derartiges Treiben um so verwerflicher in einer Zeit, wo jüdische Krieger ihr Leben dem Vaterlande weihen, und wo jüdische Männer die größten materiellen Opfer bringen. — Die Antwort, welche wir empfingen, war höchst nnbesriedigend. Die Schilderungen des Pietsch wurden als vom übersprudelnden Humor eingegrben bezeichnet, und die Toleranz der „Vofiischen Zeitung" damit gerechtfertigt, daß alle den verschiedensten Vaterlands-Vereinen von Juden gewidmeten Gelder in genannter Zeitung aufgeführt seien. Letzteres können wir nur als Pflicht und Schuldigkeit verlangen, da andere Zeitungen, die weniger jüdische Leser wie die „Voss. Zen." haben, dem ohne alle Ostentation Nachkommen. — In Berlin sind es mindestens 15C0 jüdische Leser, welche die erwähnte Zeitung selbstständig halten; das Exemplar ä 8 Thaler gerechnet, ergibt eine Summe von 12/00 Thlr.; die verschiedenen Inserate, von jüdischen Persönlichkeiten ausgehend, belaufen sich per Tag mindestens auf 20 Thlr., per Jahr 7,300 Thlr., repräsentirt in summa per Jahr ein Kapital von 19,000 Thlr. — Nun, diese 19,000 jüdische Thaler, welche in dem Säckel der „Voss. Zeitung" verschwinden, sollten doch einige Berücksichtigung beanspruchen dürfen.— Wenn derartige Jnvectivrn fernerhin in der „Voss. Zeitung" noch möglich sein dürsten, würde es eine Ehrensache für die Bekenner des Judenthums sein, dieser Zeitung ein herzliches Fare well for ever zuzurufen, eben so ihr sümmtl che Inserate zu entziehen, damit die jüdische Leser nicht mehr gezwungen sind, das Gnadenbrod der religiösen Toleranz zu genießen, wie eS Herr Ludwig Pietsch fabricirt. Berlin hat Mittel sowohl, wie auch befähigte Persönlichkeiten, eine selbstständige politische Zeitung ins Leben zu rnfen, welche auch für jüdische Weltanschauungen Propaganda machen kann. Die „Wespen" haben obiges Gebühren trefflich geschildert : Bom Schlachtenbilder-Maler. Bor'm Feinde steht und thnt seine Pflicht Der Deutsche mit fröhlichem Muth, Und kommt die Kugel, so fragt sie nicht: Bist du ein Christ oder Jud'? Und wenn die Schlacht vorüber ist, Und ruht der Schnitter Tod, So liegen im „Biwack" Jud' und Christ, Und schlafen auf Stroh im Koth. Bist Christ du, schläfst du ruhig ein; Doch bist du israelitsch, Bewirft mit Koth dich obendrein Der tapfere Ludwig Pietsch. Beim Beginn des jetzigen Krieges gaben wir uns der Hoffnung hin, daß das RischuS bei dieser gemeinsamen Opserwilligkeit im Laufe der Zeit einst dahinschwinden werde; aber leider müsien wir zu unserm Bedauern unsere Hoffnung als einen Jrrthum anerkennen und unsere gründliche Enttäuschung bekennen, wenigstens was Berlin betrifft; es gibt hier so viele Verhältniffe, welche sich der Oeffentlichkeit entziehen, und in denen das Rischus die schönsten Blüthen treibt. Um so angenehmer ist es uns aber, einer Anerkennung da gewürdigt zu werden, wo wir solche am wenigsten erwartet hätten. In jüngster Zeit ist hier eine Statistik über den hiesigen confeffionellen Schulbesuch erschienen, der wir folgendes wörtlich entnehmen: (Betrachtungen über die Volksseele, von Dr. H. Schwabe.) „Von 100 katholischen Knaben Berlins besuchen 14, von 100 evangel. 26, von 100 kathol. Mädchen 10, von 100 evangel. 21 die höheren Lehranstalten. Zu den anregendsten Betrachtungen gibt in psychologischer Hinsicht die jüdische Confession Veranlassung. Berlin hat 630,000 (90 p. Et.) Protestanten, 41,000 (6 p. Ct.) Katholiken und 27,000 (4 p. Ct.) Juden. Trotz ihrer geringen Zahl ist es den Juden gelungen, sich in respektabler Weise Geltung zu verschaffen. Der staatliche Druck, unter welchem sie zu leiden hatten und noch leiden, treibt sie zum Kampf und zur Opposition, folglich verschmilzt das Judenthum mit dem politischen und socialen Liberalismus. Die Juden sind unabläffig bemüht, so-