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Der Israelit · 1870-12-28 · Heft 52 (28.12.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 52 (28.12.1870)
Date
1870-12-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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960 Ruhdorf in Gegenwart der Seinen nannte; er hatte Wilhelmine noch nicht nach ihrem Gatten und Moritz nicht nach seiner Braut gefragt. Die Ruhdorf'S aber hatten sich fern gehalten, um den Kranken nicht aufzuregen. Als Simon Ruhdorf in's Zimmer trat, fing WolfSeck heftig an zu weinen. Die Krankheit hatte feine Nerven erschüttert, und namentlich lag der Reiz zum Weinen nahe. «Sie haben mich rufen lasien, Herr von Wolfseck?" fragte Simon. „,,3ö, ich habe viel mit Ihnen zu reden. Ach, Ruhdorf, wie lange ist es her, daß Sie bei mir um das Wienerische Legat anhielten?"" „Es sind jetzt zwölf Jahre." wie Vieles hat sich seitdem geändert! Nun, Gott hat eö so gewollt; Sein heiliger Name sei gepriesen."" Auch Ruhdorf traten die Thranen in die Augen. Welche Erschütterungen mußte dieser stolze, selbstbewußte Mann erfahren haben, um so zu sprechen! «Ruhdorf," sagte Wolfseck, „ich habe Sie rufen lassen,"weil Sie ein in der jüdischen Religion bewanderter Mann sind und weil ich Vertrauen zu Ihnen habe. Uebrigens sind wir ja auch verwandt." Bei diesen Worten reichte er seinem Besucher die Hand. Ruhdorf drückte sie herzlich. «Ich wollte," sagte Wvlsseck dann, «eine Frage an Sie richten. Sie wissen, was ich gethan habe. Ist Rückkehr möglich?" «„Gewiß-"" entgegnete Ruhdorf. „«Sie brauchen nur Ihren Austritt aus der Landeskirche und Ihren Wiedereintritt in das Judenthum bei der betreffenden Behörde anzuzeigcn."" «Das weiß ich. Allein das Judenthum, wirb es mich wieder aufnehmen ohne vorhergegangene, unerträgliche Bußübungen." „„Mein lieber Herr von Wvlsseck, die Reue und der feste Entschluß, von nun an und weiter Gott zu dienen — das ist die best.' Buße."" „Wird es aber nothwendig sein, daß ich all die Ceremonien beobachte, denen ich seit früher Jugend entfremdet bin?" „„Wenn Sie aufrichtig und ganz zu Gott wieder zurückkehren wollen, so wird das allerdings nothwendig sein."" „Und weßhalb?" „„DaS Judenthum ist vorzugsweise eine Religion der That, es ist vor Allem Gesetz. Das war der verderbliche Jrrthum der jüngstverflossenen Jahrzehnte, daß man meinte, den Lehrinhalt des Judenthums festhalten und sich vom Gesetze lossagen zu können. Der Jude, welcher den Sabbat heiligt, wird es nie vergessen, daß Gott der Schöpfer des Weltalls ijjt; er wird sein Thun danach einrichten, während den Andern dies Bewußtsein abhanden kommt. Der Jude, welcher am Peßachfeste den Genuß des gesäuerten Brodes meidet, — ihn wird die wunderbare Geschichte Israels mit dem Gedanken erfüllen, daß er schuldig sei, dem hohen Berufe seines Volkes zu leben. Und so geht es mit Allem, Allem; nur durch Thaten bleibt der Gedanke lebendig, wirksam."" „Sie haben Recht. Ich bin in meiner Jugend auf eine falsche Fährte gerathen. Sie wissen, ich bin bei einem Onkel in Hamburg erzogen, der ein Anhänger des neuen Tempels war. Die hinreißenden Predigten Kley's und Salomon's brachten mir die Ueberzeugung bei, daß das Ceremonial überflüssig und nur der Geist des Judenthums zu cultivkren sei; ich schwärmte für ein gelautertes Judenthum solange, bis mir die ganze Religion gleichgiltig wurde. Hier, nehmen Sie meine Hand, ich kehre zurück." Noch an demselben Tage ließ Wolfsohn die nöthigen Schritte thun; er wurde wieder Jude und verband sich mit der gerichtlich von ihm geschiedenen Gattin durch den Civilact auf's Neue. Nicht lange nachher feierten Moritz und Adelheid ihr Hochzeitsfest. Diesmal war die Freude vollkommen, da bei der Feier der Vater des Bräutigams nicht fehlte. Moritz gründete in Verbindung mit seinem Pflegevater ein Banquier-Geschäft, das sich bald des besten Rufes erfreute. Der wiedergenesene, aber noch immer kränkliche Herr von WolfSeck arbeitete nach Kräften im Geschäfte mit; v'it größter Sorgfalt suchte er das jüdische Gesetz zu beobachten, was ihm allerdings manchmal schwer wurde. Als bald darauf Naphtali und Wilhelmine durch die Geburt eines Sohnes erfreut wurden, verzichtete Simon Ruhdorf zu Gunsten des Herrn von Wolfseck und seiner Gattin auf „das Gevatterschaft". Diese zarte Aufmerksamkeit that dem außerordentlich empfindlichen Manne unendlich wohl. Ueberhaupt bestrebten sich die Seinen, ihn stets als das Haupt der ganzen Familie zu behandeln und ihn durch verdoppelte Ehrerbietung vergessen zu lassen, daß er durch eigene Schuld sein ungeheures Vermögen verloren hatte. Seinem frühem Umgänge entsagte er vollständig. Die Gräfin Hohenlinden und ihre Tochter blieben verschollen. (Siehe den Schluß in der Beilage.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx,'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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