Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1870)
- Date
- 1870-12-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XI* Jahrgang. Beilage z« Nr. 51 des Israelit. Leitende Artikel. ZSriefe u. Machrichten vom Kriegs f charrplatze. xxxv. Wir geben im Nachfolgenden den -Brief eines Dragoners, des Gefreiten Louis Lesser aus Berlin, an seine Verwandten, der uns von diesen gütigst zur Benutzung überlassen wurde. Bonnot, 1. December. ,.Meine innigstgeliebten Eltern und Geschwister! „Es schmerzt mich, daß Ihr Euch meinetwegen geängfiigt habt; allein es war nicht meine Schuld; ich konnte nicht früher schreiben, da ich seit 4 Wochen von der Escadron abkommandirt war und als Ordonnanz Dienste thuen mußte. „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was wir in jüngster Zeit durchgemacht haben; aber ich bete zu Gott, daß ich nach allen diesen Mühen, Qualen und Kämpfen meine geliebten Eltern und Geschwister Wiedersehen und an mein Herz drücken werde. Das ist meine Hoffnung und mein Trost. „Am 48. November wurde ich auf Patrouille geschickt und halte das Glück mit sechs Mann Franctireurs zusammenzustoßen; muthig führte ich meine Leute gegen den uns an Zahl überlegenen Feind, und der Sieg war unser; ich hatte mir den Offizier der i Franktireurs aufs Korn genommen und während meine braven Dragoner die fünf die Flucht ergreifmden Franctireurs verfolgten, standen wir zwei uns im bittersten Kampfe gegenüber. Endlich gelang es mir, den Feind am Kopfe zu verwunden und ihn dann zu entwaffnen; ich nahm ihn an meinen Halfterriemen und schleppte ihn so lange mit mir, bis ich zu den Unsrigen stieß. Das Aufsehen, das die Gefangennahme eines Fran ctireur-Offiziers machte, könnt Ihr Euch gar nicht denken; man hatte bis jetzt noch keinen bekommen, denn diese Kerle stecken in den Büschen und lassen sich nicht so leicht fangen. „Dieser Fall wurde sofort unserm Feldmarschall, dem Prinzen Friedrich Carl gemeldet. Ich hatte Befehl bekommen, den Offizier zu erschießen, bat aber für ihn und zwar mit Erfolg. „Am 46. Abends kamen wir nach Villeneuve, der Heimath des gefangenen Offiziers. Die Stadt war in der größten Aufregung. Ein Kriegsgericht wurde konstituirt und folgendes Urtheil gefällt: der gefangene Offizier wird zum Prinzen Friedrich Carl zur endlichen Aburtheilung (oder zur Begnadigung) | geführt; die Stadt zahlt eine Contribution von 40,000 Fr. und dem Gefreiten Leffer 1000 Fr. Außerdem wurden mir noch die von dem Offizier erbeuteten Gegenstände, sein prachtvolles, mit Silber ausgelegtes Gewehr, feine Uhr, sein Portemonnaie rc. zum Andenken überlassen. Es ist eine besondere Gnade Gottes, daß es mir dadurch vergönnt ist, in diesen schweren Zeiten für meine geliebten Eltern und Geschwister Etwas zu thun. „Am 29. Nov. halten wir einen heißen Tag. Wir waren zur Bedeckung der Artillerie commandirt. Das ist das Schlimmste, was man sich denken kann; mehr als 50 Granaten platzten vor und hinter uns, so daß ich in jedem Augenblicke meinte, es sei auS mit mir. Aber Gott, der Allmächtige, hat mich beschützt und daS Gebet meiner frommen Eltern erhört. Auch gestern, am 30., kämpften wir in blutiger Schlacht, und heute erwarten wir einen heftigen Angriff. „DaS Paquet, das Ihr mir geschickt, habe ich nicht erhalten; es ist das auch bei unfern raschen Bewegungen gar nicht zu verwundern; deshalb schickt mir lieber nichts mehr. Hoffentlich gibt es bald Friede und dann komme ich zu Euch. Für Dich, liebe Schwester Cäcilie, habe ich einen seidenen Umbang in meiner Packtasche. Bete nur zu Gott, daß Er mich gesund wieder zu Euch führe. „Horch, da bläst's! jetzt geht's wieder zum Kampfe! Gute Eltern, geliebte Geschwister, lebt wohl! Euer Louis, bis in den Tod. Literarisches. Mainz, 13. December. In Lemberg erscheint seit Anfang d. M. eine neue hebräische Zeitschrift nyn (die Zeit). Dieselbe ist nach Art des „Magid" und des „Jbri Anochi" eingerichtet, bringt zunächst eine politische Uebersicht, dann jüdische Nachrichten; im Feuilleton erscheinen hebräische Gedichte und Abhandlungen jüdisch - literischen Inhalts. Als Redacteur wird Herr H. Drucker genannt. Auch in Berlin wird nächstens eine hebräische Zeitschrift erscheinen. Die Herren Provinzial-Rabbiner vr. Enoch in Fulda und I>r. Holländer, Rabbinatscandidat in Berlin, werden zu der von