Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1870)
- Date
- 1870-12-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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940 Drei Monate waren seitdem vergangen; für f»errn von Wolfseck drei schreckliche Monate. Die olze Gräfin und ihre Tochter hatten sich trotz flehentlichen Bittens nicht mehr im Gefängnisse sehen lasten. Das schmerzte den unglücklichen Gefangen tief. Sein ganzes vergangenes Leben zog an seinem geistigen Auge vorüber und erfüllte ihn mit der traurigen Gewißheit, daß eS ein nichtiges gewesen. Und die Zukunft? Was wird sie ihm bringen? Wird er zum Tode oder zu langer Kerkerhaft verurtheilt werden? Und wenn er freikommen sollte, was dann? Wie wird dann das Verhältniß zu Aurora sein? Das Eine stand fest bei ihm: sobald er die Freiheit erlangt, mußten Himmel und Erde in Bewegung gesetzt werden, um die Schenkungsurkunde zu widerrufen. Endlich war der Tag der Entscheidung gekommen. Wolfseck saß auf der Anklagebank, um 20 Jahre gealtert, ein gebrochener Greis. Die Verhandlung begann. Die Anklageacte wurde verlesen. Die Zeugen wurden vernommen. Der Staatsanwalt formulirte die Anklage. Er erkannte an, daß Wolfseck war schwer gereizt worden und daß er den Mord im Affecte begangen. Allein der Mord bleibe nichtsdestoweniger ein Mord. Der Getödtete habe seine Waffe weggeworfen gehabt. Der Angeklagte habe den Schutz und die Rache der Gerichte anrufen, nicht aber sich selbst rächen müssen. Zudem sei er ja kein geborner Edelmann, und in Folge besten die Beleidigung keine so tödtliche gewesen. Der Staatsanwalt beantragte eine Zuchthausstrafe von zehn Jahren. Da erhob sich der Vertheidiger. In meisterhafter Rede zeichnete er des Angeklagten Lage, dem wilden Grasen gegenüber, der sich erfrecht hatte, das höchste Gut des Mannes, seine Hausehre zu comprowittiren,der dann dieser furchtbaren Beleidigung noch eine persönliche Mißhandlung hinzufügte; der sich gerühmt hatte, den Mann zwingen zu wollen, daß er um sein Leben bitte, um den betrogenen Galten hinterher in Gemeinschaft mit seinem pflichtvergessenen Weibe zu verhöhnen. „Meine Herren Geschworenen," schloß er, „denken Sie Sich in die Lage eines so schwergekränkten Mannes, der durch seinen König in den Adelstand erhoben, nur um so mehr die Pflicht zu haben vermeint, über seine Standesehre zu wachen — denken Sie Sich in die Lage eines so schwer mißhandelten Ehrenmannes und fragen Sie Sich: Wer von Ihnen hätte anders gehandelt? Wer in einem solchen Momente an den Schutz und die Rache der Gerichte denkt, wer des Beleidigers Reitpeitsche im Gesichte fühlt, besten Schmähungen hört, hört, daß ihm jede Genugthuung verweigert, aber seine Hausehre gefährdet wird — wer all das empfindet und anders handelt als der Angeklagte: der ist ein Feigling! Wenn der Angeklagte all das ruhig über sich hätte ergehen lassen und nachher den Grafen verklagt hätte, so säße er zwar nicht auf der Anklagebank, aber er hätte die Achtung nicht nur seiner Standesgenossen, sondern aller Ehrenmänner verscherzt. Sie, meine Herrm Geschworenen, sind Ehrenmänner; wollen Sie den Angeklagten ob eines Verfahrens, ob eines TodtschlagS im Zustande der Nothwehr verurtheilen, wiewohl Sie — ich bin besten gewiß — in ähnlicher Lage geradeso gehandelt hätten?" Die Geschworenen zogen sich in ihr BerathungSzimmer zurück. Nach kurzer Abwesenheit kamen sie wieder. Der Obmann verkündete, daß die Geschworenen mit elf Stimmen gegen eine den Angeklagten für „Nichtschuldig" erklärten. Das Publikum begrüßte den Wahrspruch mit einem stürmischen Applaus; der Präsident des Gerichtshofes verfügte die sofortige Freilassung des Angeklagten. Herr von Wolfseck drückte seinem Vertheidiger die Hand. Dann ließ er sich eine Droschke holen und fuhr nach Hause. Allein er fand das Haus leer. Die Dienerschaft war entlassen. Die Gräfin Hohenlinden und ihre Tochter waren in Begleitung des Marquis d'Argenteil abgereist. Diese Mittheilung machte dem zu Tode erschreckten Gatten der Kaufmann Bernstein, welcher das Haus sammt Mobiliar von der Eigenthümerin, Frau Aurora von Wolfseck, um einen billigen Preis erstanden hatte. Aurora war mit dem Marquis entflohen; hatte alle Besitzthümer Wolfsecks zu Gelde gemacht und dieses mit sich genommen. Herr von Wolfseck war ein Bettler. Als er diese Nachrichten vernahm, lachte er laut auf. „Ha, ha," rief er, „was ich gesäet habe mein Leben lang, ich ernte eS jetzt. Der Mamon, dem ich meinen Glauben und meine Familie geopfert, er verläßt mich nun! Ha, ha, ha!" Er lachte und lackte, immerfort, bis er ohnmächtig zusammenstürzte. Der rasch herbeigeholte Arzt erklärte, daß den Unglücklichen ein Schlaganfall getroffen. Aber wohin sollte man ihn bringen? „Tragt ihn in's Hospital!" rief Bernstein, den ehemaligen Freund theilnahmlos betrachtend. „Nein," rief in diesem Augenblicke Auguste Wolfsohn, die herbeigeeilt war, als sie von der Flucht Aurora's gehört hatte, „bringt ihn in meine Wohnung!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage». »erantrvortliche Redaction: Dt. Lehmann. — Verlag der Le Ro naschen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpreffendruck von I. Gott sieben in Mainz.