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Der Israelit · 1870-12-21 · Heft 51 (21.12.1870) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 51 (21.12.1870)
Date
1870-12-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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SS9 Frankreich. Aus Paris ist einer hiesigen (Mainzer) Familie ein Brief per Ballonpost zugeganzen, dem wir die Mittheilung entnehmen, daß das frische Fleisch mit der Hälfte des December zu Ende gegangen ist, daß sich die religiösen Juden aber vielfach mit Pökelfleisch, Rauchfleisch, Würsten rc. reichlich vorgesehen haben. Amerika. New - Bork. Von den im Juli dahier angelangten 150 westrusstschen Israeliten wurden 20 in verschiedenen Plätzen der Vereinigten Staaten untergebracht, für die übrigen wurde in New-Z)ork selbst gesorgt. Feuilleton. Säen und Ernten. XXVIII. Bor dem Schwurgericht. - Folge mir, lieber Leser, in jenes ehrwürdige, alte Gebäude, in welches sich eine zahllose Menge drängt. Gensdarmen müssen die Ordnung aufrecht erhallen und die anstürmende Menge zurückweisen. Auch wir müssen unsere Eintrittskarten vorzeigen, um Einlaß zu erhalten. Das große Haus, in das wir treten, war einst ein Grafenschloß. Noch zeugen die überall angebrachten Wappenbilder von der Herrlichkeit des nunmehr erstorbenen Geschlechts, dessen Palast die neue Zeit der Gerechtigkeit zur Benutzung übergegeben hat. Im Saale des Schwurgerichts harren die Geschworenen der Ausloosung. Aus der Anklagebank sitzt der ehemalige Banquier Wilhelm von Wolfseck. Als Graf Biörnson gefallen, war der Arzt hinzugestürzt, den die Duellanten mitgebracht hatten. Er untersuchte die Wunde. „Todt," sagte er lautlos, „durch das Herz geschossen 1" „Fliehen Sie, Wolsseck!" rief Herr von Flamentin, „Sie werden sonst als Mörder verurtheilt!" Herr von Wolfseck war ganz gebrochen. Er ließ sich nach dem Wagen führen, der seiner harrte. Er wollte einsteigen; da fiel sein Blick noch einmal auf den todten Gegner, und die Worte desselben: „Ich müßte von hier entfliehen und dem Franzosen, dem d'Argenteil, das Feld räumen," klangen ihm in die Ohren. „Nein," sagte er, „ich will nicht fliehen, ich will mich dem Gerichte stellen." Alles Abrathen der Freunde war vergeblich. Wolfseck stellte sich dem Gerichte. Während einer langen Untersuchungshaft mußte er im Kerker schmachten. Er ward des Mordes angeklagt und vor daS Schwurgericht gewiesen; denn er hatte ja den Gegner, der seine Waffe weggeworfen, nicht im Duell getödtet. Am Tage nach seiner Verhaftung wurde ihm eine Dame gemeldet, die ihn zu sehen wünsche und dazu die Erlaubniß erlangt hatte. „Ha," rief er, „Aurora, kömmt sie endlich I" Er erhob sich, um ihr entgegenzueilen. Plötzlich blieb er wie erstarrt stehen; es war nicht Aurora, es war seine erste Gattin. Kalt wandte er sich um. „Wilhelm," rief Auguste, „Wilhelm, mein Gatte, Geliebter meiner Jugend!" „„Führen Sie diese Frau fort/ " sagte Wolfseck zu dem anwesenden Kerkermeister, „„ich habe mit dieser nichts zu reden, nicht mit ihr und nicht mit ihren Kindern."" Tief betrübt ging Auguste fort; aber auf Aurora wartete Wolfseck vergebens. Endlich schickte er zu ihr und ließ sie bitten, ihn zu besuch n. Sie kam mit ihrer Mutter. Kein Wort des Bedauerns oder des Mitleids hatten die beiden hochmüthigen Frauen für den unglücklichen Mann, der sie der Armuth, der sie einem glänzenden Elende entrissen hatte. Sie überhäuften ihn mit Vorwürfen, daß er den Ruf der Gattin compromittirt habe. Wolfseck verlangte, daß man den ersten Vertheidiger der Stadt, vr. Matthes, für seinen Procrß engagiren solle. Da rümpfte die alte Gräfin die Nase und meinte, der mache zu große Ansprüche; sie würde rathen, den vr. Berthold als Vertheidiger anzunehmen. *'r. Berthold aber war ein höchst mittelmäßiger Advocat, ein Schwätzer ohne Satt und Kraft. Jetzt riß endlich dem Gefangenen die Geduld. „FrauGräfin," sagteer, „Sie werden mich dazu t> eiben, einen gewissen Schenkungsact zu widerrufen!" Kaum hatte er das gesagt, so bereute er es auch schon. Mutter und Tochter maßen ihn mit Blicken voll Haß und Verachtung. „Komm, meine Tochter," sagte die Gräfin, „wir sind nicht dafür geboren, die Luft eines Gefängnisses für Mörder zu athmen. Und Sie, Herr Schwiegersohn, Sie sollen den gewünschten Vertheidiger haben. Hoffentlich wird er Ihnen die Freiheit und damit die Möglichkeit schaffen, jenen Schenkungsact zu widerrufen. Solange Sie aber in Criminaluntersuchung find, haben Sie nach unfern Landesgesetzen zu derartigen Dispositionen kein Recht."

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