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Der Israelit · 1870-12-21 · Heft 51 (21.12.1870) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 51 (21.12.1870)
Date
1870-12-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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935 und wenn auch Alles verloren: Unabhängigkeit, Freiheit, staatlich-S Leben, Tempel, Opferdienst, Priesterweihe, Vaterland — die Thora ist uns gerettet, die schriftliche wie die mündliche, und Israel bleibt und wird erhalten trotz aller unsagbarer Verluste, trotz des Haffes und der Verfolgung der Völker alle! — Und welch' eine Anregung ist daraus hervorgegangen für die spätesten Zeiten! Die von den Tannalm, von Rabbi Iochanan ben Sackai, von Rabbi Akiba und seinen Genossen uns vorgezeichnete Bahn haben die Weisen Israels nie verlassen. Inwitten der furchtbarsten Leiden und entsetzlichsten Verfolgungen hatten sie nur das Eine vor Augen und im Sinne: die Thora zu erhalten. Als der Römer die Gebeine Israels zermalmte, da flüchtete sich die Thora-Kenntniß an die User des Enphrath und des Tigris. Als hier die Wuth des neupersischen Reiches sich gegen Israel richtete, da stürzte Gott die Sassaniden, und unter den Kalifen blühten die Hochschulen Iuda's wieder auf. Als die Kalifen im wahnsinnigen Haß gegen die Söhne Israels entbrannten, da erstand im fernen Westen, auf der schönen pyrenaischen Halbinsel neues Leben der jüdischen Wissenschaft. Als der Occident gegen den Orient zu völkervernichtenden Kriegen zog und der Fanatismus der Kreuzzügler zunächst die Juden vernichten wollte, selbst in dieser mit Strömen jüdischen Blutes in die Welt geschichte eingeschriebenen Epoche blühte die Wissenschaft in den am Meisten bedrohten Ländern, lebte und lehrte Raschi (Rabbi Schlomoh Jizch-kr), der große Lehrer Israels, gründete sein Enkel Rabbenu Jakob Tam, der fast selbst ein Opfer wüthender Kreuzfahrer geworden, die großen Tosaphisten- Schule, die noch heute uns eindringen lehrt in die Tiefen des Meeres des Talmud, starb einer der Tosaphisten, Rabbenu Jakob von Orleans, den Märtyrer-Tod zu London am Krönungstage des Richard Löwenherz. Und als die Verfolgungen schrecklicher und blutiger wurden, als England, Fraukreich, Spanien die Juden vertrieben und Deutschland die Juden mordete und den Ueberreft bis zur äußersten Erniedrigung niederdrückte, da öffnete sich in Polen ein Asyl, fand die Thora in jenen nordischen Ländern, die heute zu Rußland, Oesterreich und Preußen gegehören, eine gastliche Zufluchtsstätte: Rabbi Moscheh Jsserlis, Rabbi Salomo Lurja, Rabbi Salomo Ideles, Rabbi Sabbatai Cohen und noch so Viele, Viele sind die würdigen Nachfolger der Gaonim in Babylon und der Rischomm in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland geworden. So ward uns die Thora erhalten, herrlich und unversehrt, bis auf unser e Tage. Aber heute drohen uns noch größere Gefahren. Vorüber sind die Zeiten der Verfolgung und Bedrängung; dafür ist eine Zeit des Abfalls gekommen, die leider aus unserer eigenen Mille hervorgegangen. Mit der bürgerlüben und socialen Freiheit ist ^er Abfall vom heil'gen Gottesqesetze eingezogrn in Israels Reihen, wie wenn dieses Volk, das so oft Leben und Vermögen geopfert für Gott und seine Lehre, die Sonne der Freiheit und des Wohlergehens nicht ertragen könnte. Es ist eine Zeit, die man füglich als eine solche bezeichnen könnte, in der D'pns bw die Erniedrigung der Frommen, an der Tagesordnung ist. Di.' Sünde trägt frech das Haupt empor, die jüdische Familie wird entjüdischt, Sabbat und Feiertage scheinen vergessen, und für das Streben der GesetzeStreuen hat man nur Hohn und Spott; sogar die Synagogen, die Bethäuser Israels ttyo ttnpD, der Ersatz für das verlorene Heiligthum, werden in großen und kleinen Gemeinden in Theater und Concertsäle umwandelt, ohne Kenntniß der Gotteslehre wächst die Jugend heran, die jüdische Sittenreinheit und Keuschheit, einst von allen Völkern bewundert, droht verloren zu gehen; und wer für sich und die Seinen festhält an Gottes Gesetz, wird als ein Thor, als befangen in mittelalterlichen Vorurtheilen verschrieen, und wer es gar wagt, gegen die von der Kanzel verkündete Zuchtlosigkeit zu protestiren, wird durch öffentlichen Anschlag als seiner geistigen Fähigkeiten nicht mächtig bezeichnet! Aber Gott, der die Geschicke der Völker und Menschen lenkt, der Sich seit Jahrtausenden in der Geschichte Israels offenbart, der unsere Väter aus der Roth zur Freiheit führte, der in der Finsterniß der Griechenherrschast die Chanukah-Lichtlein leuchten ließ, er wird auch unser Geschlecht bv luiv niKEunn O’pns aus der Erniedrigung zur Erhebung führen. An uns ist es jedoch, der Erhebung würdig zu sein. Die erhabenen Ziele, für die zu leben wir berufen sind, sichern uns die Unvergäng'ichkeit. Bewahren wir nur unfern erhabensten Schatz, die Lehre unseres Gottes, für uns und unsere Kinder; erheben wir uns, ein Jeder für seine Person, seine Familie, seinen Kreis, zur Höhe des Bewußtseins, daß wir berufen sind, den Abfall zu überdauern und besseren, schöneren Zeiten entgegenzugehen, daß auch wir und unsere Zeitgenossen ein Glied sind in der großen Kette, die von Abraham bis zu dem von Gott zu sendenden Erlöser reichen wird, und seien wir thälig, diesem erhabenen Bewußtsein gemäß, unbekümmert um den Hohn der Sünder, emporblickend zu Gott, der uns berufen, Sein Volk zu sein und zu bleiben in Ewigkeit!

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