Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1870)
- Date
- 1870-12-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XI. Jahrgang. Zweite Beilage z» Rr. 50 des Zsraelit. Zeitungsnachrichten und Correfpon denzen. Deutschland. Berlin, 8. Dec. Gestern früh kam eine jüdische Frau aus Eydtkuhnen mit vier kleinen Kindern auf dem Ostbahnhofe hier an und fand beim Aussteigen aus dem Wagen, daß eins ihrer Kinder, das drei Jahre alt, gestorben war. Die Frau wollte nach England zu ihrem Manne, mußte nun aber hier so lange sistirt bleiben, bis durch die Obduktion festgestellt, wodurch der Tod des Kindes erfolgt ist. Hamburg, 5. Dec. Frau Rosa Cohen, geb. Magnus, Wittwe des seligen Herrn Leopold Cohen, hat zum Andenken an ihren verstorbenen Ehemann eine Stiftung errichtet, welche den Zweck hat, Zöglinge des hiesigen Paulinen-Stifts nach Vollendung ihrer Schuljahre, während sie sich für einen Beruf oder ein Gewerbe vorbereiten, zu unterstützen. Als Grundkapital dieser Stiftung sind von Frau Leopold Cohen, Wittwe 3060 Speciesthlr. hergegeben. Ferner eingehende Gelder von Freunden des Zweckes dieser Stiftung werden je nach dem Wunsche der Gebenden entweder zur Vermehrung des Kapitals der Stiftung, oder zu sofortiger Verwendung dienen. — Durch eine derartige Stiftung wird einem langefühlten Bedürfnisse abgeholfen, und wäre nur zu wünschen, daß die zu gewährenden Unterstützungen nicht nur auf die Zöglinge des Paulinen-Stiftes beschränkt blieben. (Reform.) Hamburg. Vor der zweiten Prätur sollte der Kaufmann E. Wagner als Zeuge eidlich vernommen werden und zwar in Sachen des Vorstandes der israelischen Gemeinde in Wandsbeck gegen M. Hecht, wegen Zahlung eines Jahresbeitrags des Letzteren in die Gemeindekasse. Nachdem dem Zeugen der Eid verlesen worden war und er ihn nachsprechen sollte, setzte er plötzlich seinen Hut auf. Ueber die Ursache dieser Handlung befragt, wies Wagner darauf hin, daß nach dem jüdischen Gesetze nur mit bedecktem Haupte ein Eid geleistet werden dürfte. Der Prätor, Herr vr. Paelchau, machte den Zeugen darauf aufmerksam, daß er nicht nach dem jüdischen, sondern nach dem deutschen Gesetze schwöre und gebot ihm, den Hut abzunehmen. Der Zeuge leistete darauf unbedeckten Hauptes den Eid. (Reform.) Fe« i l l e t o «. -Ludwig Mcljch, ein Ehrenmitglied der deutschen Presse. *) Vor einigen Jahren erschienen in der „Voss. Ztg." Berichte aus Baden-Baden, die sich durch ihre üppige Sprache und den bekannten französisch-frivolen Duft, der sie durchwehten, auszeichneten. Ihr Verfasser war der als Maler, namentlich historischer Illustrationen, bekannnte Ludwig Pietsch, der seitdem ständiger Mitarbeiter der Voss. Zeit, geblieben ist. Seit jenen obengenannten Schilderungen des Lebens in Baden-Baden haben fast seine sämmtlichen Artikel in weilen Kreisen Aufsehen erregt, wenn auch aus verschiedenen Motiven. Gelegentlich einer von Mitgliedern der höchsten Gesellschaftskreise veranstalteten Dilettantenvorstellung verfaßte er eine so von überquellender Verehrung für die Geburtsaristokratie strotzende Recension, daß er mehrfache Reclamationen der unabhängigen Zeitungen hervorrief. Ebenso erregten seine Berichte über SubscriptionSbälle, Bazare und andere von höchster Stelle ausgehende Veranstaltungen durch die widerlichen Kriechereien gegen Alles, was von oben kommt, im Berliner Publikum lebhaften Widerwillen. Ob dieselben ihm persönlich genützt, weiß Schreiber dieses nicht, daß sie der Sache nicht genützt, steht fest. Seine Referate über die Berliner Kunstausstellung, seine Briefe von Suez her vermochten nur durch ihre leichte und frivole Schreibweise einen gewissen Theil der Leser zu ergötzen. Der größte Theil konnte an den zahlreichen pikanten Mittheilungen persönlicher Natur, bei dem Mangel objektiven Inhalts, keinen Gefallen finden. In Schriftffellerkreisen erinnert man sich vielleicht der Correspondenzen, welche Herr Pietsch über den diesjährigen frankfurter Journalistentag schrieb. Diese angenehmen Plaudereien ließen in liebenswürdigster Weise zwischen den Zeilen lesen, daß ihr Verfasser nicht nur von der Bedeutungslosigkeit der Presse, gegenüber den Regierungen überzeugt, sondern eigentlich damit zufrieden sei. Freilich war's ein ewiges Jronisiren, man sollte es eben nehmen können, wie man es wollte, wenn Steinitz Bismark nicht den Garaus macht und bei der Erinnerung an das Jahr 1848 grausige Bilder auftauchten. Trotzdem Herr Pietsch beim Berliner Publikum bereits ziemlich in Mißkredit gerathen war, sandte ihn dennoch die Redaktion der Vossischen Zeitung als Berichterstatter auf den Kriegsschauplatz — wohl *) Aus „Der literarische Verkehr."