Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1870)
- Date
- 1870-12-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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927 umzusehen. Ich finde richtig ein jüdisches Haus. Ein alter Mann und seine Tochter, allem Anscheine nach in bedürftigen Verhältnissen, sind die einzigen Bewohner in dem zerstörten Gebäude; da war nichts mehr zu helfen und ich hielt mich auch nicht lange auf, fragte nach anderen Glaubensgenossen und stolperte weiter in das bezeichnete Haus. Hier traf ich ein junges Ehepaar, das meinen Besuch scheinbar viel ängstlicher entgegennahm, als dazu bei der schon argen Verwüstung im Innern des Hauses Ursache vorhanden war. Nachdem ich mich als Glaubensgenossen zu erkennen gegeben hatte, wurden die guten Leute zutraulicher. Ich rieth ihnen, sich einige Verwundete iu'S Haus zu nehmen, indem sie alödann die Genfer Flagge vor jedem unliebsamen Besuche schütze. Hierauf verabschiedete ich mich, nachdem mir die braven Leute ein Stück Rauchfleisch mitgegeben hatten. Hier erfuhr ich, daß nur noch eine dritte jüdische Familie im Dorfe anwesend sei, deren Wohnung mir bezeichnet wurde. Levi Schack, den Besitzer einer Brauerei, hatte ich noch aufzusuchen. Im Hause und in dem geräumigen Hofe war Alles noch viel ärger demolirt, als bei den früher besuchten Glaubensgenossen. Wahrscheinlich hatten meine durstigen Kameraden hier noch mehr Bier gesucht, als sie gefunden. Es muß sehr schlimm zugegangen sein, denn von der ganzen Familie des Besitzers war Niemand zu sehen. Ich fragte in der Nachbarschaft und erfuhr, daß am Nachmittag Herr Schack noch im Hofe gesehen worden sei. Da, wie gesagt, im Hause und in den Höfen Alles leer war, stellte ich meine Recherchen im Keller an. Ich drängte und zwängte mich zwischen und hinter die großen Stückfässer, zu deren leichtern Bewältigung mir allerdings meine Kameraden, die dieselben früher, obwohl in anderer Absicht, aufgesucht hatten, behilflich gewesen , um die armen Leute zu erspähen. Als alles Suchen vergeblich war, versuchte ich ein anderes Mittel, indem ich den Hausherrn bei seinem Namen „Levi'' rief. Als ich einige Male gerufen hatte, öffnete sich Plötzlich ein kleines Thürchen in einer Ecke, welches ich früh r nicht bemerkt hatte. Ein alter, ehrwürdigrr Graukops blickte durch die kleine Oeffnung, verschwand aber eben so schnell hinter dem Thürchen, als er meine Uniform gewahrte und meinen Säbel klirren hörte. Ich rief jedoch nochmals und sagte, daß ich ein Iehndi sei und keineswegs die Absicht habe, ihm Leids zuzufügen. Dies half. Die Pforte öffnete sich abermals und der alte Schack lud mich ein, näher zu treten. Ich kroch durch die enge Ocffnung und hätte hell auflachen mögen bei dem Anblick, der sich mir darbot, wenn nicht mit dem Komischen das Tragische der ganzen Situation zu nahe verbunden gewesen. Da lag in einem engen Winkel, der allerdings ein sicheres Versteck war, die ganze Schack'sche Familie, der alte Großvater, die jungen Eheleute und die armen kleinen Kinder in banger Er-' Wartung der Dinge, die nach dem vielen Schrecklichen noch kommen könnten. Ich wurde auch hier rasch bekannt mit den Leuten, es gelang mir, sie zu beruhigen mit der Versicherung, daß das Schlimmste für sie vorüber sei. Nachdem wir uns eine Zeit lang von diesem und jenem unterhalten haben, entfernte ich mich mit dem Versprechen, nochmals vorzukommen. Ich suchte unser Bivouak auf, wo meine Kameraden gerade mit dem Abkochen beschäftigt waren. Ich braute für die durstige Bierbrauerfamilie einen echten Kaffee und brachte, was ich erübrigen konnte, meinen armen Freunden im Keller. Ich kann Dir die Freude nickt beschreiben, die ich den armen Leutchen bereitete und auch ich war froh, den Beängstigten frischen Muth eingeflößt zu haben. Verschweigen darf ich es aber nicht, ich beging jenen Abend den Anachronismus am obschon Tags darauf war, im Keller n^nan zu machen. Spater fiel mir erst ein, daß ich dazu noch- 24 Stunden Zeit gehabt hätte. Ich will eS nicht untersuchen, wer von uns damals der größte pxn Op war, oder ob die grenzenlose Aufregung der jüngsten Tage unS außer Ordnung gebracht hatte. Genug, es war so. Meine späteren Erfahrungen dürften die Leser des „Israelit" wenig interessiren. In Sedan lagen wir 10 Tage; ich konnte aber auch dort nicht mit .einheimischen Iehudim verkehren. ru^n: ritt ich Vedetten. Eine freie Stunde benutzte ich, um hier im Feindeslande, die mörderische Waffe in der Hand, zum Lenker der Weltgeschichte um ein Jahr, deö Friedens zu beten. Die Pariser waren einfältig genug, fortwährend zu kanonieren, was uns, resp. mich, so lange nicht genirte, bis endlich eine unverschämte Granate daher sauste und das Thor der Scheune, in welche ich mich zurückgezogen, im Krepiren zertrümmerte. Dennoch betete ich erst inline ^did n'rsn und suchte alsdann meine Escadron wieder auf. tied qv> war ich vom Dienste dispensirt und lag ruhig auf Schloß Goubert, welches unserem alten Bekannten, dem Herzog von Magenta, gehören soll, und gar nicht übel eingericktet ist. niaiD dachte ich in Paris zu feiern; allein Gott wollte eS anders. Jetzt liegen wir hier in NoAsnt is Rotrou, wo ich seit Luneville die erste jüdische Frau mit einem Seidenbändchen auf dem Kopfe gesehen habe. Wie D» weißt, bin ich nicht mehr bei meiner Escadron, sondern als Ordonnanz zum 94. Infanterie-Regiment abcommandirt. Seit wenigen Tagen ist Alles, auj. dem Qui vive, denn die Franzosen machen allem ^Anscheine nach die letzten verzweifelten Anstrengungen,