Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1870)
- Date
- 1870-12-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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925 fiebert und in B. seine Tage zu beschließen. Frau Löwenhaupt hatte Nichts dagegen einzuwenden, da Moritz gern immer in der Nähe seiner Mutter bleiben wollte und sie sich unmöglich hätte entschließen können, sich von dem geliebten Pflegesohn zu trennen. Die Hochzeit war bis zur völligen Uebersiedlung nach Deutschland verschoben, und Adelheid mußte sich einstweilen mit den schönen Geschenken und den noch schöneren Briefen begnügen, die ihr der Bräutigam von London in regelmäßiger Wiederkehr schickte. In dem Hause des Herrn von Wolfseck war in diesem halben Jahre vieles anders geworden. Seitdem er seine ganze Habe der hochgeborenen Gattin geschenkt, hatte diese sowohl wie deren Mutter einen ganz andern Ton gegen ihn angenommen. Nur zu oft mußte er es hören, daß er kein geborener Edelmann sei. Wenn er es wagte, gegen die alle Grenzen überschreitende Verschwendung der beiden Damen zu protestiren, da wurde ihm vorgeworfen, daß seine Wiege in einem elenden Iudenhause gestanden, daß er von edelmännischer Art und Weise nichts verstehe. In den Salons der Frau von Wolfseck sammelte sich die Elite der Gesellschaft, die feinsten und nobelsten jungen Herrn der Residenz; Feste folgten auf Feste, deren Königin Aurora war, während der alternde, grämliche, niedergeborene Gatte immer mehr zur Seite geschoben wurde. Schmerzlich hatte Wolfseck oft genug die übereilte Schenkung bereut. Gern hätte er sie rückgängig gemacht, was die Gesetze allerdings bei eclatanten Beweisen von Undankbarkeit gestatteten. Aber diese waren nicht vorhanden. Die Geringschätzung, die ihn die hochgeborene Gattin und deren Mutter, nur zu oft empfinden ließen, waren vor dem Gesetze nicht genügend, um das Geschehene zu widerrufen. Aber wenn das Gesetz es auch gestattet hätte, so hätte doch Wolfseck es nie gewagt, in solcher Weise derGattin entgegen zu treten. Er, der einst der sanften Auguste gegenüber den Tyrannen gespielt hatte, war ganz unter die Herrschaft der hochfahrenden Aurora gebannt, während die alte Gräfin nicht genug die Undankbarkeit des Schwiegersohnes zu rügen wußte, der das Opfer nicht zu begreifen schien, das eine Gräfin Hohenlinden gebracht, indem sie sich Herabgelasien, einen Juden zu heirathen. Wolfseck fing an, sich sehr unbehaglich zu fühlen; doch eS sollte noch schlimmer kommen. Von all den jungen Cavalierxn, welche Aurora umschwärmten, erfreuten sich namentlich zwei Ausländer der besondern Gunst des coquetten Weibes, ein schwedischer Graf Hendrik Biörnsen, und ein Franzose, der Marquis Anatole d'Argenteil. Aurora war eine sehr geschickte Reiterin. Wolfsohn war ein sehr ungelenker Reiter; er hatte diese Kunst erst in späteren Jahren erlernt und saß in einer Haltung zu Pferde, wie wenn er vor seinem Schreibpulte säße; er konnte daher seine elegante Gattin auf deren Spazierritten nicht begleiten; es was das auch nicht nöthig; nie fehlte es ihr an Begleitung; umschwärmt von jungen Cavalieren auf feurigen Rosien, ritt Frau von Wolfseck durch die belebten Promenaden der Stadt oder den besuchtesten Orten in der Umgegend zu. Vergebens bat Wolfseck seine Gemahlin, von diesem Vergnügen, an dem er nicht Theil nehmen konnte, abzulasien; Aurora und ihre Mutter hatten nur höhnische Antworten für ihn. Zu allem dem kam noch, daß Spott und Hohn dm geplagten Ehemann bis ins adelige Casino verfolgten, so daß er sich fast ganz isolirte und auf dem besten Wege war, ein Hypochonder zu werdm. Eines Abends saß Wolfseck unbeachtet in einer Ecke des Lesesaales im adeligen Casino. Er hatte nach langer Zeit einmal „laSemaine financiere"*), dereinst seine Lieblingslecture, zur Hand genommen und sich in deren Artikel vertieft, als die Thüre geräuschvoll aufgerissen wurde und Graf Biörnsen eintrat. „Eine Flasche Champagner!" rief er dem Kellner zu. „Nun, Biörnsen/ sagte einer der anwesenden Herren, „Sie scheinen ja heute besonders vergnügt zu sein." „„Ich habe auch Ursache dazu,"" entgegnete der Graf, „„endlich bin ich am Ziele! Die schöne WolfSeck, oder wie sie sich lieber nmnen hört, die schöne Hohenlinden."" „Bst, bst! " riefen die Anwesenden, auf WolfSeck deutend. Dieser hatte sich erhoben. Kreideweiß im Gesichte und vor Zorn zitternd ging er auf Biörnsen zu. „Mein Herr," sagteer, „was berechtigt Sie, den Namen meiner Gattin in solcher Weise hier zu nennen?" B'örnsen schwieg verlegen. „Mein Herr Graf," fuhr Wolfseck zu reden fort, „vollenden Sie den unterbrochenen Satz, wenn Sie eia Mann von Ehre sind . . ." Jetzt brach der Zorn des Grafen loS. „Jude," rief er, „was berechtigt Dich von meiner Ehre zu reden? Meine Vorfahren waren souveräne Herren ihres Landes, als die Deinigen mit alten Kleidern handelten!" Wüthend, stürzte er auf Wolfseck loS; er hätte ihn geschlagen, wenn ihn die Andern nicht gehalten hätten. „Herr," sagte Wolfseck, „ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen!" Am andern Morgen überbrachte Herr von Fla- *) Das finanzielle Wochenblatt, eine sehr gediegene, in Paris erscheinende Zeitschrift.