Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1870)
- Date
- 1870-12-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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930 ihr Bedauern über seinen Unfall und darüber, daß es ihnen nicht vergönnt sei. ihn zu Pflegen, aussprachen. Gräfin Hohenlinden und ihre Tochter fingen die Briefe auf und warfen sie in den Kamin. AlS Herr von Wolfseck fo weit hergestellt war, daß er das Bett verlassen konnte, ließ er den Dr. Brillmeier zu sich kommen; feine Frau und ihre Mutier waren bei der Besprechung zugegen. „Lieber Doctor," sagte Herr von Wolfseck, „Sie wissen, welches Ereigniß mich auf's Krankenlager geworfen hat: ich möchte der Wiederkehr solcher trüber Zufälle Vorbeugen. Ick will meine Kinder enterben." „„Ja, verehrter Herr,"" entgegnete der Rechtskundige, „„das geht nach unfern Gesetzen so leicht nicht an. Den Pflichttheil können Sie jedem Kinde nicht entziehen."" „Und wieviel ist das?" „„Der Pflichttheil beträgt den dritten Theil des eigentlichen Erbes."" „So sollte ich diesen Ruhdorf's Viermalhunderttausend Thaler zukommen lassen? Nimmermehr; lieber werfe ich mein Geld zum Fenster hinaus. Wer will mich daran hindern?" „„Solange Sie leben, können Sie mit Ihrem Vermögen thun, was Sie wollen. Uber den Tod hinaus ist Ihr Dispositionsrecht begrenzt."" „„Ich wüßte ein Mittel,"" fuhr vr. Brillmeier zu reden fort, als Wolfsohn schwieg. „„Sie könnten, Herr von Wolfseck, eine „Schenkung unter Lebenden" in'S Werk setzen."" „Nein, nein," rief Wolsseck rasch, „ein Thor, wer Lei Lebzeiten das Seinige wegschenkt." „Aber, lieber Schwiegersohn," nahm Gräfin Hohenlinden das Wort, „wenn Sie einen Schenkungsact für Aurora aufsetzen ließen, waö wäre da zu fürchten? Es wäre ja nur zum Scheine; Sie blieben ja immer der Herr Ihres Eigenthums!" „„Nicht doch, liebe Mutter,"" sagte Aurora, „„veranlasse Wilhelm nicht zu einem Schritte, der ihn mit Besorgnissen erfüllen möchte. Sein theures Lebeu und seine kostbare Gesundheit sind das Erste, auf was unsere Sorge gerichtet sein muß. Mögen jene undankbaren Kinder dereinst Alles nehmen — was liegt daran, wenn Wilhelms Herz nur nicht mit Mißtrauen gegen uns erfüllt wird."" „Fern sei es von mir," entgegnete Wolfseck, „das geringste Mißtrauen gegen Dich, mein Engel, zu hegen; ich weiß, wie gut Du bist und wie sehr Du mich liebst. Allein, Du weißt, ich bin von Kindheit an gewöhnt als Kaufmann zu denken und jedes Für und Wider in Erwägung zu ziehen. Ich werde mir Ihren Rath, Herr Doctor, überlegen " Unterdeß war der Winter vorübergegangen. Der Frühling kam, und Moritz war noch immer in B. Das Gerücht hatte nicht gelogen; Adelheid Ruhdorf, die Gespielin seiner Kindheit, hatte Gefallen gefunden in seinen Augen, und in diesem Sinne hatte er zahlreiche Briefe an seine Pflegeeltern nach London geschrieben; diese aber halten ihren Besuch in B. in Aussicht gestellt, um selbst erst die künftige Gattin des jungen Mannes, den sie wie ihren eigenen Sohn liebten, kennen zu lernen. Nach dem Peßachfeste riß sich Herr Löwenhaupt von seinen Geschäften los und reiste mit seiner guten Lady nach B. Auch ihnen gefiel Adelheid sehr, und so wurde beschlossen, am Hochzeitsfeste Naphtalins und Wilhelminens, am 33. Tage in Omer, die Verlobung von Moritz und Adelheid zu feiern. Am 33. Tage in Omer, am 2. Mai, sahen sich Naphtali und Wilhelmine am Ziele ihrer Wünsche, das zu erreichen sie kaum erhofft hatten. Simon Ruhdorf mußte unablässig jenes Tages gedenken, an welchem Wolfsohn ihm das Legat aus der Wiener'schen Stiftung verweigert hatte. Und nun heirathete sein Sohn desselben Mannes Tochter! Welch wunderbare Fügung! Da störte ihn in seinen^Meditationen eine Rede des Herrn Löwenhaupt. „Ladies and Gentlemen!*)“ sagte er. „Drei haben Theil am Menschen, sagen unsere Weisen: Gott, Vater und Mutter. Aber an unserm Moritz haben vier Antheil, nämlich außer Gott und seiner verehrungswürdigen Mutter auch mj good lady and I. **) Run wollen wir noch einer Fünften Antheil an ihm gönnen, und diese Fünfte ist keine andere als lUisg Adelheid Ruhdorf, die ich von heute an als unseres lieben Pflegesohnes Braut proclamire." Ein nickt enden wollender Jubel folgte diesem Toaste; alle Anwesenden brachten den Betheiligten die heißesten Glückwünsche. Fast um dieselbe Zeit ließ Herr von Wolfseck einen notariellen Act aufsetzen, durch welchen er seine ganze bewegliche und unbewegliche Habe seiner Gemahlin Aurora, geborenen Gräfin von Hohenlinden, schenkte. Der Act wurde unterschrieben und besiegelt, und Herr von Wolsseck fühlte sich glücklich, nunmehr den verhaßten Ruhdorf's jedes Anrecht an seinem Vermögen entzogen zu haben. i(Siehe die Fortsetzung in der ersten Beilage.) *) Meine Damen^und Herren! **) Meine gute Frau und ich. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx:'scheu Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellprefsendruck von I. GottSleben in Mainz.