Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1870)
- Date
- 1870-12-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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919 sehen Sie so gut aus! Ganz jugendlich sind Sie geworden, wie's einem jungen Ehemanne ziemt! Man sieht's Ihnen nicht an, daß Sie schon Kinder haben, die bald heirathen werden! Schade, daß Sie nicht mehr die Börse besuchen. Da hätten Sie einmal sehen sollen, welche Sensation die Verlobung Ihrer Fräulein Tochter gemacht hat!" Gern hätte sich Herr von Wolfseck von dem Schwätzer losgemacht: er liebte es nicht mehr, mit Juden zusammengesehen zu werden. Doch die letzten Worte Bernsteins erregten seine Aufmerksamkeit. „Die Verlobung meiner Tochter?" fragte er erstaunt. „„Wie, Sie wissen nicht? Da kann man ja das alte Sprichwort anwenden: „Meine Kinder machen Hochzeit, und ich weiß nichts davon." Ach, Herr von Wolfseck, Sie können Sich die Aufregung nicht vorstellen, die diese Verlobung verursacht hat! Gestern trat an der Börse Alles dagegen in den Hintergrund! Denken Sie Sich, Lombarden werden gestern von Frankfurt am Main um 5 Gulden bester gemeldet; es soll sich dort ein Consortium gebildet haben, um dies faule Papier zu poussiren — kaum daß Einer Notiz davon nimmt. Alles spricht von dieser Verlobung. Das schönste, liebenswürdigste, gebildetste, reichste Mädchen von ganz B., das eine Grafenkrone ausschlagen, und dieser Parvenü!"" „Welcher Parvenü?" „„Wie, Sie wissen noch gar Nichts? Nun, unser alter Freund, gegen den wir, Sie und ich, mit so schlechtem Erfolge intriguirt haben, Naphtcrli Ruhdorf, hat sich mit Ihrer Fräulein Tochter verlobt!"" Wolfseck stand wie versteinert da. Mühsam stieß er die Worte hervor: „Naphtali Ruhdorf!" „„Ja, ja, mein lieber Herr von Wolsseck, man erzählt sich noch mehr; man sagt, daß Ihr Sohn Moritz die Schwester seines künftigen Schwagers, Fräulein Adelheid Ruhdorf, heirathen wird. Machen diese Ruhdors's ein Glück!"" Wolfseck sah Bernstein groß an. „Mein Sohn Moritz," sagte er, „der ist ja in London!" „„Wie, Sie glücklicher Vater, Sie wissen nicht einmal, daß Ihr Sohn seit acht Tagen hier ist, daß er extra hierhergekommen, um die glänzende Partie zu vermitteln, die mein ehemaliger Ausläufer machen wird, daß er dabei die Gelegenheit für sich wahrgenommen, um Adelheid Ruhdorf. die wirklich ein hübsches Mädchen ist, an sich zu fesseln? Das Alles wissen Sie nicht?"" „Herr Bernstein, Sie treiben Scherz mit mir. Das kann ja nicht sein. Nie und nimmer werde ich das zugeben!" „„Aber Herr von Wolfseck, haben Sie denn nicht gerichtlich das Versprechen abgelegt, Sich jedes Einflusses auf das Geschick Ihrer Kinder zu begeben? Wenigstens wurde das allgemein erzählt."" „Ja, es ist so. O, diese Ruhdors's! Sollen diese Bettler ernten, was ich so mühsam ge säet habe? Sollen diese Menschen, die ich stets verachtet und gehaßt habe, die Erben meines Vermögens werden!" Herr von Wolsseck ballte wüthend seine Hände. Seine Augen traten aus ihren Höhlen, sein Mund bedeckte sich mit Schaum. Dann sank er ohnmächtig nieder. Vorübergehende halfen Herrn Bernstein den Ohnmächtigen in das nächste Haus tragen. Hier brachte man ihn wieder zu sich; aber er redete irre. Gn rasch herbeigerusener Arzt ließ den Kranken sofort in dessen Wohnung verbringen. Herr von Wolfseck verfiel in ein heftiges Fieber. In seinen Phantasten kehrte immer der eine Gedanke wieder, daß die Bettler, die Ruhdors's, sein Vermögen nicht erben dürsten. Die Gräfin Hohenlinden und ihre Tochter pflegten den Kranken auf's Sorgfältigste; er durfte noch nicht sterben. Zwar hatte er der zweiten Gattin für den Fall seines Todes 100,000 Thaler vermacht; allein das Vermögen des Herrn von Wolfseck belief sich, gering angeschlagen, aus eine Million und zweimalhunderttausend Thaler, und der ganze, ungeheure Rest wäre bei seinem jetzt eingetretenen Tode seinen Kindern zugefallen. Nein, das mußte erst geändert werden; dann, ja dann würde der Tod „des Juden" seiner schönen Gattin nicht unwillkommen sein. Vergebens bemühten sich Auguste und ihre Kinder, an das Krankenlager ihres Gatten und Vaters zu gelangen. Sie wurden auf's Strengste zurückgewiesen. Als das Fieber nachließ und Herr von Wolfseck fein Bewußtsein wieder erlangte, erkundigte er sich, ob seine Kinder nicht nach ihm gefragt hätten. „Es hat sich Niemand von der ganzen Sippschaft sehen lassen," log Gräfin Hohenlinden frech. „Es ist nothwendig, lieber Wolfseck," sagte Aurora, „daß Du Verfügungen über Dein Vermögen triffst. Der Gedanke daran war's, der Dich in Deinen Fieber-Phantasien am Meisten beunruhigte." „„Ja,"" entgegnete Wolfseck, „„es ist notbwendig, sehr nothwendig. Sobald es der Arzt gestattet, werde ich mit Dr. Brillmeier Rücksprache nehmen."" Auguste und ihre Kinder schmerzte es tief,, daß man sie vom Krankenlager des Mannes, der trotz Allem ihr Gatte und Vater war, ferngehalten hatte. Alle drei schrieben ihm herzliche Briefe, in welchen sie