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Der Israelit · 1870-12-07 · Heft 49 (7.12.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 49 (7.12.1870)
Date
1870-12-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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SOD Moritz umarmte stürmisch die Pflegeeltern. Es war sein innigster Wunsch, /Mutter und Schwester jetzt wieder zu sehen; aber in Rücksicht auf das Geschäft hatte er nicht gewagt, diesen Wunsch auszusprechen. Noch am selben Abende reiste Moritz mit dem Courierzuge nach Dover. Mit Windeseile fliegt die Wagenreihe dem Meere zu. Die 63 englischen Meilen legt der Couri^rzug ohne auch nur ein einziges Mal anzuhalten, in l3/4 Stunden zurück. Die blühenden Städte und Dörfer der Grafschaft Kent, die lachenden Landschaften, die prachtvollen Villen, die zahlreichen Heerden, die Kirchthürme und Schlösser scheinen an dem Reisenden wie im Sturm vorüberzufliegen. Von all Dem sah Moritz nichts; aber wenn auch nicht der dicke Nebel. der die Nacht stockstnster machte, jeden Ausblick verhindert hätte, er hätte doch nichts davon gesehen. Seine Gedanken weilten in der Heimath, bei Mutter und Schwester und dem leider für immer von den Seinen getrennten Vater. Wie im Traume kam Moritz in Dover an und bestieg das Dampsboot, das ihn über den schmalen Meeresarm noch dem Festlande bringen sollte. Das Boot war ziemlich leer, und Raum genug war zum Schlafen da;. allein Moritz konnte nicht schlafen. Trotz Sturm und Regen blieb er auf dem Verdecke, mit Sehnsucht den Leuchtthürmen der belgischen Küste entgegenschauend. Ohne Unfall kam das Schiff in Ostende an, das jetzt, im Winter, öde und verlassen dalag. Bald führte ihn der Schnellzug quer durch Belgien, uns als er in Verviers die Grenze überschritt , da hätte er hinausspringen und die vaterländische Erde küssen mögen. Wie köstlich schlugen die deutsche Laute an sein Ohr, da der Steuerbeamte ihn fragte, ob er m seinem Handgepäcks steuerbare Sachen habe. Nein, er hatte keine, weder in seiner Reisetasche , noch in seinem Koffer. Jetzt fiel es ihm erst ein, daß er für Mutter und Schwester von der großen Weltstadt hätte etwas mitbringen sollen; doch er brachte sich selber mit — das war sicher den Geliebten mehr als Alles. Doch lassen wir Moritz allein weiter reisen; gehen wir nach B. — wir reiten in Gedanken ja doch schneller als der schnellste Courierzug. Es ist der Nachmittag eines heitern, kalten Decembertages. Frau Wyljsohn und ihre Tochter, die eben zu Mittag gegessen haben, sind im Begriff , sich zu einem Spaziergange zu rüsten. Da wird ihnen ein fremder Herr gemeldet, der Grüße aus London bringe. Er wird natürlich sogleich vorgelassen. Moritz tritt ein; er erkennt augenblicklich die Mutter wieder, die er seit zehn Jahren nicht gesehen; aber die schöne junge Dame, die neben ihr steht, das muß wohl Wilhelmine sein; erkannt hätte er sie nicht. Moritz bezwingt seine Aufwallung; er fühlt das Auge der Mutter forschend auf sich ruhen; etwas Bekanntes muß ihr aus seiner Erscheinung entgegentreten. „Habe ich die Ehre," fragt er. Aber beim Tone seiner Stfmme stürzt ihm Frau Wolfsohn mit ausgebreiten Armen entgegen. „„Moritz,"" ruft sie, „„mein Kind, mein Herzenssohn l"" Und Moritz wirft sich an das treue Mutterherz und Beide weinen laut. Es währt lange, bis Auguste den Wiedergefundenen losläßt, um ihn auch die Schwester umarmen zu lassen. Da sitzen sie nun beisammen, drei glückliche Menschen! Aber eine trübe Wolke verhüllt bald die Sonne ihres Glückes; es ist der Gedanke an den für sie verlorenen Vater und Gatten! Am andern Tage ging Moritz, um seinen Freund Naphiali Ruhdors aufzusuchen. Er traf ihn nicht zu Hause; eine junge Dame empfing ihn. „Ich bedaure," sagte diese, „daß mein Bruder nicht zu Hause ist." „„Ihr Bruder?"" fragte Moritz erstaunt, „„Sie sind . . .? „Ich heiße Adelheid Ruhdors." „„Sie, Sie sind die kleine Adelheid? Nicht möglich!"" „Und mit wem habe ich die Ehre?" „„Ich heiße Moritz Wolfsohn."" „Moritz. Moritz!" rief Adelheid, in die Hände klatschend. „O, seien Sie herzlich willkommen in B.! Wie werden sie sich Alle freuen. meine Eltern und Geschwister! Und fo unerwartet!" Und jubelnd lief sie davon, und bald eilten sie Alle herbei, Simon und Leah, Rabbi Auser und Martha, um den lieben Gast zu begrüßen. Auch Naphtali kehrte nach Hause zurück, und die Freunde lagen sich in den Armen. „Niemand hat Dich erwartet," sagte Naphtali, „da Du schriebest, Du könnest jetzt nicht abkommen." „„So war es auch"" entgegnete Moritz, seinen Freund schelmisch anblickend, „„allein ein gewisser Brief veranlaßte die Tante, mir Urlaub zu erwirken."" Naphtali erröthete. Rasch legte er seine Hand auf des Freundes Mund und hinderte ihn, weiter zu reden. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'scheu Hofbuchhrmdlung. — Damps-Schnellpressendruck von Z. Gottsleben in Mainz.

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