Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1870)
- Date
- 1870-12-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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899 Frühstückstische saßen, „Du nimmst Dir die Sache zu sehr zu Herzen. Ich kann mir wohl denken, wie betrübend es sür ein Kind ist, den Vater auf solchen Irrwegen zu sehen! Doch was willst Du? Schon damals, als Dein Vater Dich zur Taufe zwingen wollte, war er bereits abgefallen vom Gotte unserer Väter!" «Du hast wohl Recht, liebe Tante," antwortete Moritz, „allein die schreckliche Gewißheit ist denn doch schlimmer als ich es auszusprechen vermag. Es ist gerade so, wie wenn Jemand, den wir lieben, todtkrank ist. Wochenlang sieht man den Tod vor Augen, und dennoch gibt man sich der Hoffnung auf Wiedergenesung hin. Ist aber der Tod eingetreten und dadurch jede Hoffnung abgeschnitten, so ist die Trauer, der Schmerz so groß, daß man meint, ihn nicht ertragen zu können." „Wenn auch Dein Schmerz," sagte Herr Löwenhaupt, „ein gerechtfertigter ist, so hat doch jener beklagenswerthe Schritt Deines Vaters für Dich und Deine Schwester sein Gutes. Dein Vater hat sich dadurch jedes Anrechtes auf Euch begeben und darf nicht mehr hindernd, hemmend und Verderben bringend Euch entgegentreten." „Und," sagte Frau Löwenhaupt, den Gedanken ihres Mannes fortsetzend, „dieses Vorgehen Eures Vaters hat für Euch nichts Entehrendes, während sonst ein solcher Schritt auf die nächsten Angehörigen einen Makel wirft. Wer aber, wie Du, Deine Mutter und Deine Schwester so heldenmüthig sür ihren Glauben eingestanden, der wird von dem nicht berührt, was sonst für eine Schande in der Familie gilt. Euch gereicht es nur zur Ehre." „Es ist das," entgegnete Moritz, „ein trauriger Trost, aber doch immerhin ein Trost. Daß auch Andere Deine Auffassung, liebe Tante, theilen, möge Dir dieser Brief beweisen." Bei diesen Worten reichte er seiner Pflegemutter einen Brief, den er von Naphtali Ruhdorf erhalten hatte. „Ich bitte Dich, liebe Tante," sagte Moritz, „lies den Brief laut, damit auch der liebe Onkel mir seinen bewährten Rath ertheile." Frau Löwenhaupt las: „Mein geliebter Moritz! „Wohl darf ich voraussetzen, daß Du über die jüngsten Ereignisse ly der Heimath unterrichtet bist. Laß mich rasch über diesen peinlichen Punkt hinweggehen und laß mich gestehen, daß so sehr Ich die Sache an sich auch beklage, michdennvch die letzten Schritte des Herrn...von.Wolfseck mit. geheimer.Freude, erfüllt haben. Du staunst, geliebter Freund? Und doch ist dem so. Siehe, Herr von Wolfseck hat auf unssr jüdisches Gemeindeleben stets ungemein schädlich eingewirkt; jetzt, nachdem er sich von uns losgesazt, wird er nach dieser Seite hin nicht mehr schaden. Aber es ist noch etwas Anderes, was mir schwer wird, selbst Dir gegenüber au'zusprechen. Doch e8 muß fein ich weiß keinen andern Ausweg. Lieber Moritz, zürne mir nicht, wenn ich Dir gestehe, daß ich meine Augen zu Deiner Schwester erhebe und sie mir zum Weibe wünsche. Ich weiß, wie vermessen mein Wunsch ist. Ich, ein in Armuth ausgewachsener Knabe, strecke meine Hand aus nach einem Mädchen, das ich von Kindheit auf als hoch über mir stehend zu betrachten gewöhnt bin! Und doch, ich kann nicht anders. Schon vor Jahren habe ich mich bemüht, diese Neigung zu unterdrücken, allein sie ist stärker als ich — „stark wie der Tod ist die Liebe". Aber wie soll ich es beginnen, zum Ziele zu gelangen? Wenn Deine Mutter und Deine Schwester diesen vermessenen Antrag zurückwiesen, ich würde mich ob meiner Keckheit vor mir selber schämen. Deßhalb habe ich mich an Dich gewandt, lieber Freund! Sondire Du die Ansichten der Deinigen über diesen Punkt, und sind sie mir ungünstig, so wird Gott mich kräftigen, daß ich meines Gefühles Herr werden kann. Es wird einen schweren Kampf kosten; aber es wird gelingen. Und nun, geliebter Freund, erfülle recht bald meinen Wunsch. Deinen Nachrichten harrt in Sehnsucht entgegen B., 30. November 56.. Dein Naphtali. Herr Löwenhaupt hatte aufmerksam der Vorlesung deö Briefes zugehört; nachdem seine Frau dieselbe beendet, sagte er: „Ich meine, lieber Junge, Du schicktest diesen Brief in natura an Deine Mutter; der Brief spricht am Besten für den Absender." „„Und ich bin der Ansicht,"" entgegnete Frau Löwenhaupt, „„daß Moritz selbst hinüberreisi, um sich einerseits zu zerstreuen, und anderseits Mutter und Schwester zu trösten und aufzuheitern. Er hat jetzt von seinem Vater nichts mehr zu befürchten. Dann mag er auch persönlich seinem Freunde als Anwalt dienen."" „Ja, my dear wife, das ist wobl Alles recht, allein ich kann Moritz jetzt im Geschäfte nicht entbehren." „„Nun, Du wirst Dich ein wenig behelfen und da wird's schon gehen. Gib den andern jungen Leuten ein gutes Douceur, damit sie etwas länger im Comptoir arbeiten."" . „Was soll ich machen? ich muß mich wohl Deiner bessern Einsicht fügen, my good lady I Nun, meinetwegen, rüste Dich zur Abreise, Moritz!"