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Der Israelit · 1870-11-30 · Heft 48 (30.11.1870) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 48 (30.11.1870)
Date
1870-11-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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883 Palais Dinge verhandelt, die auf diese Zukunft von nicht geringem Einflüsse sein sollten. Der Rechtsanwalt vr. Brillmeier hatte sich bei Frau von Wolfseck anmelden lassen und war von dieser empfangen worden. „Verehrte Frau," sagte der Advokat, die Brille abnehmend und die angelaufenen Gläser mit seinem Taschentuche trocknend, „ich habe Ihnen Mittheilungen sehr ernster Natur zu machen. Ihr Herr Gemahl, von der Wahrheit der christlichen Religion durchdrungen, hat den Entschluß gefaßt, diese Ucberzeugung durch den heiligen Akt der Taufe öffentlich zu bekennen. Er läßt Sie durch mich auffordern, als eine gute gehorsame Ehefrau diesem seinem Beispiele zu folgen und mit ihm zum Christenthume überzutreten." Auguste durchzuckte ein jäher Schmerz. So gleichgiltig war ihr der Gatte ihrer Jugend, der einst heißgeliebte Mann, nicht geworden, daß sie von solchem Entschlüsse mit Gleichmuts hätte hören können. „Herr Doktor," sagte sie, sich fassend, „Ihre Mittheilung ist allerdings sehr ernster Natur. Und warum läßt mein Mann so Wichtiges durch Sie mir mittheilen, warum spricht er nicht selbst mit mir darüber?" „ „Verzeihen Sie, gnädige Frau, es ist das nur der erste Theil meiner Sendung, quasi die Einleitung, eine bloße Form. Herr von Wolfseck weiß recht gut, daß Sie dem Iudenthume zu sebr anhängen, um seinem Wunsche Folge zu leisten; er ist von Ihrer Weigerung im Voraus überzeugt. Diese Weigerung vorausgesetzt, komme ich zum eigentlichen Kernpunkte des mir gewordenen Auftrages. Wenn nun Herr von Wolfseck Christ wird, Sie aber Jüdin bleiben, so wird ein eheliches Zusammenleben nicht gut mehr möglich sein. Herr von Wolfseck beantragt daher eine Scheidung. Er ist nach nnsern Staatsgesetzen vollkommen dazu berechtigt, und eine Anrufung der Gerichte würde einen zu seinen Gunsten lautenden Bescheid erzielen. Aber Herr von Wolfseck möchte nicht gern mit Ihnen prozesstren. Er läßt Sie daher bitten, freiwillig sich in die Scheidung zu finden und gütlich die Sache — nach beiderseitigem Uebereinkommen — abzuwickeln. Dagegen erbietet er sich, Ihnen in pecuniärer Beziehung die günstigsten Bedingungen zu stellen." " Auguste drängte gewaltsam die Thränen zurück, die Hervorbrechen wollten. „Herr Doktor," sagte sie, „ich will mit meinem Manne selbst über diese Angelegenheit reden." „ „Das wird nicht gut gehe«, gnädige Frau. Herr von Wolfseck hat mit aller Entschiedenheit erklärt, daß es ihm zu peinlich sei, mit Ihnen versönlich zu verhandeln. Weigern Sie sich, mir Ihre Einwilligung auszusprechen, so bin ich beauftragt, sofort die gerichtlichen Schritte einzuleiten." " „Sie werden begreifen, Herr Doktor, daß man in so wichtiger Angelegenheit so rasch einen Entschluß zu fassen nicht im Stande ist. Kommen Sie in drä Tagen wieder." Herr vr. Brillmeier verabschiedete sich. Als er gegangen war, ließ Auguste ihren Thränen freien Lauf. Dahin war es gekommen! Scheidung, Taufe! Und sie hatte diesen Mann einst geliebt! Q, wenn er nur mit ihr persönlich verkehren wollte — wie würde sie ihm zu Herzen reden! Allein, das war'S wohl gerade, was er fürchtete, und deshalb wollte er eine Unterredung vermeiden. Nach langem Hin- und Her-Ueberlegen beschloß Auguste, sich brieflich an ihren Gatten zu wenden. Sie schrieb: „Wilhelm! „Von all den Kränkungen, die Du mir in den 22 Jahren unserer Ehe zugefügt hast, ist die heutige die bitterste, die schmerzlichste. Doch nicht die mir zugesügte Kränkung zwingt mir die Feder in die Hand — nein, Gott ist mein Zeuge, nur Deinethälben schreibe ich heute an Dich. Wilhelm, ich habe Dich einst geliebt, ich habe Dir mehr geopfert als Du zu ermessen im Stande bist. Doch nicht für mich will ich reden. Du willst Dich von mir trennen! Sei es, so schmerzlich der Gedanke mir auch ist. Ach, ich hatte immer gehofft, Du würdest noch einmal Deine Jrrthümer erkennen und zu mir zurückkehren; die alte Innigkeit, die einst zwischen uns waltete — ich habe ihre Wiederkehr täglich herbeigesehnt, ich habe stündlich darum zu Gott gebetet. Jetzt willst Du die schwachen Bande zerreißen, die uns noch aneinanderbinden — ich will auch das ertragen. Du aber willst Dich taufen lasten, angeblich, weil Du von der Wahrheit des ChristenthumS überzeugt seiest. Wilhelm, Wilhelm, schämst Du Dich nicht, mir gegenüber so etwas behaupten zu lasten? Weiß ich denn nicht, wie Du über Religion im Allgemeinen und über das Christenthum im Besondern denkst? Ach, ich weiß es nur zu gut: Du willst Dich taufen lassen, um einen Vorwand zur Scheidung zu haben, um einen neuen Ehebund schließen zu können. Wilhelm, wenn das der Fall, so will ich in die Scheidung willigen, vorausgesetzt, daß Du versprichst, Dich nicht von Deinem Gotte durch einen öffentlichen und sobald nicht mehr zu widerrufenden Akt loszusagen. Aber ich weiß, Du wirst nicht darauf eingehen; denn eS ist Dir nicht so sehr darum zu thun, mich los zu werden, als Dich mit jener jungen, schönen Gräfin zu vermählen, die Dich zu fesseln verstanden hat. Und deßhalb ift's, daß ich Dir schreibe; ich will Dich bethörten und verblendeten Mann warnen. Du bist in die Schlingen einer Coquette gefallen, die nicht Dich, sondern Dein großes Vermögen erlangen will. Oeffne

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