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Der Israelit · 1870-11-30 · Heft 48 (30.11.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 48 (30.11.1870)
Date
1870-11-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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884 doch Deine Augen, Du bist doch sonst ein verständiger, ruhig überlegender, Alles berechnender Mann. WaS soll diese schöne, geistvolle, junge, vielgehuldigte Dame veranlassen, Dich, einen nicht mehr jugendlichen Monn, einen Kaufmann, einen Juden — denn Jude wirst Du trotz der Taufe in den Augen der Christen bleiben — all den hochadeligen, schönen, jungen, christlichen Bewerbern vorzuziehen, wenn nicht Dein Geld schwer in die Waagschale fiele? Darum laß Dich nicht bkthörer! Was Du Böses ge säet hast diese vielen Jahre hindurch, Du würdest die Früchte davon ernten in solchem Chebunde. Laß Dir rathen, Wilhelm, gehe nicht blindlings Deinem Verderben entgegen! Ich habe einmal gehört, daß tief im Herzen eines jeden Israeliten der Gedanke an den alleinigen Gott schlummert, und daß nur die Leidenschaft diesen Gedanken nicht aufkommen läßt, wenn der Mensch sündigt. Wilhelm, noch b st Du mein Gatte — laß mich jenen schlummernden Funken der Liebe zu unserm Gotte in Dir wach rufen zu Deinem eigenen Heile. Dich lockt die Sünde in reizender Gestalt — folge ihr nicht! Trotzdem daß Du an mir so vielfach gesündigt hast, bin ich bereit, mein Herzblut für Dich hinzugeben! Nun gut, verstoße mich, renne Du aber nicht blindlings in's Verderben. Deine tief bekümmerte Gattin August e." Als Wolfsohn diesen Brief empfangen und gelesen hatte, wurde er in seinem Entschlüsse wankend; so liefen Eindruck machte die Sprache der Wahrheit auf ihn. Er machte einen Spaziergang im Freien, um ruhig zu überlegen. Da begegneten ihm Gräfin Aurora und ihre Mutter. Die junge Gräfin, die durch Baron von Flammentin von dem einleitenden Schritte des Dr. Brillmeier gehört hatte, erwiderte Wolfsohns Gruß mit einem glückverheißenden Lächeln. Da schwanden alle seine Bedenken. Er ging nach §aus und zerriß Augustens Brief in viele kleine tücke. Nach drei Tagen kam Dr. Brillmeier wieder zu Frau von Wolfseck, um mit ihr wegen der vorzunehmenden Scheidung zu verhandeln. Auguste stellte keine andere Bedingung, als daß sich Wolfsohn jedes Einflusses auf das Geschick seiner Kinder begebe. Man kam ferner überein, daß von einer religiösen Scheidung (Get) abgesehen werde. Auguste erklärte, daß sie sich nicht wieder verheirathen wolle; im Gegentheile, sie wünsche sich religiös noch an Wolfsohn gebunden zu erachten, da sie trotz Allem die Hoffnung noch nicht verloren, ihn zum Glauben seiner Väter zurückkehren zu sehen. So wurde denn die gerichtliche Scheidung vollzogen, nachdem Herr von Wolfseck seiner bisherigen Gattin außer ihrem eigenen Vermögen noch eine bedeutende Summe, groß genug, um anständig davon zu leben, hatte auszahlen lassen — Auguste verließ mit ihrer Tochter das Wolfseck'sche Palais und miethete sich eine Wohnung. Vom Tage ihrer Scheidung an ließ sie sich nicht mehr „Frau von Wolfseck" nennen. „Ich will," sagte Frau Wolfsohn, „diese adelige Bezeichnung nicht mehr hören; sie hat meinen unglücklichen Mann in's Verderben geführt." Herr von Wolfseck aber fühlte sich durchaus nicht unglücklich. Nachdem die Taufe in aller Stille vollzogen war, wurde das Verlobungsfest in großer Pracht gefeiert, dem bald darauf die Vermählung folgte. Nun drängte ein Fest das andere. Herr von Wolfseck sowie dessen junge Frau und deren Mutter schwammen in einem Meere von Vergnügungen. Der erste Wermuthstropfen fiel in den Kelchder Freuden, als bei einem der Hoffeste der König zu Herrn von Wolfseck sagte: „Gut, daß Sie Ihr Geschäft aufgegeben haben, mein lieber Wolfseck!" „„Und weßhalb, Majestät?"" „Weil sich Ihr kaufmännisches Urtheil getrübt zu haben scheint." „„Darf ich fragen, was Eure Majestät zu dieser Bemerkung veranlaßt?"" „Nun ja — Sie haben einen Diamant weggeworfen und sich einen böhmischen Stein dafür eingetauscht!" Lachend ging der König weiter; Herr von Wolfseck blieb betroffen stehen. Was hatte der König damit sagen wollen? Da klopfte ihm Baron Flammentin auf die Schulter. „Nehmen Sie Sich's nicht zu Herzen, Wolfseck," sagte er. „Ich habe gehört, was Seine Majestät eben zu Ihnen gesagt haben. Der König hat seit lange eine Abneigung gegen die Hohenlinden, noch von jener Zeit her, da Ihre Schwiegermutter Ehrendame der Königin war, und dies Gefühl hat er, wie es scheint, auch auf die Tochter übertragen; Ihre erste Frau dagegen hat es verstanden, bei jener Audienz ihn sehr für sich einzunehmen." Und Wolfseck nahm sich's nicht zu Herzen. Was kümmerte ihn das Urihell des Königs? Er war glücklich im Besitze einer Frau, die alle Welt bewunderte, im Verkehre mit einer Gesellschaft, welche die vornehmste war in Stadt und Land. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'fchen Hofbuchhandlung. — Dmnpf-Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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