Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1870)
- Date
- 1870-11-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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868. bällen annehmen, mußten sich sogar manche Entbeh- I rungen aoflegen, um sich zu gewissen Zeiten nur standesgemäß präsentiren zu können. Herr von Flarnentin, ein guter Freund auS besseren Zeiten, einst aus Schloß Hohenlinden ein oft und gern gesehener Gast, war in der Residenz der Vei traute der beiden Damen geworden. Gegen ihn allein gaben sie ihrem Unmuth Ausdruck. „Rnn," sagte Aurora e>nes Tages zn dem bejahrten Freunde, „ich ertrage dies Leben nicht länger; tch möchte sterben." „Dazu, Comtesse," entgegnete Herr vonFlamentin, „dazu sind Sie zu schön, zu jung. Haben Sie Geduld, Sie werden schon wieder in die Lage kommen, Ihr Leben zu genießen." „„Nein, ich verzweifle schier!"" „Thuen Sie das nicht, schöne Gräfin! J-cher Mensch ist seines Glückes Schmied. Versuchen wir das ibrige zu schmieden. Verbinden wir uns zu diesem Zwecke; Sie sollen an mir einen treuen Verbündeten haben." „Sie haben gewiß etwas in petto," sagte die alte Gräfin, „sonst würden Sie nicht so zuversichtlich sprechen." „Vielleicht," entgegnete Flameniin, „doch reden wir von Etwas Anderem. Haben Sie schon gehört, daß Graf Rienrck glücklich in Amerika angekommcn ist? Es sind Brüse hkerhergelangt, die von ihm berichten." „„Und wie geht's ihm dort?"" „.Ganz eigenibümlich. Denken Sie, der Sohn des Pastors Krämer, der als Ingenieur in Amerüa lebt, fährt den Mississippi auf einem Dampfbote hinunter. Er geht in den Mascbin «raum hinab und knüpft eine Unterhaltung mit dem Heizer an, und dieser Heizer ist Niemand anders als Graf Rieneck!" „„Graf Rieneck Heizer auf einem Damptbete! Gehen Sie, das klingt zu unwahrscheinlich!"" „Und dennoch ist cs wahr! Nach den mannigfachsten Abenteuern — er war nacheinander Fechtmeister, Sprachlehrer, Schauspieler mußte er diese chevalereske Hantierung ergreifen, um nicht zu verhungern." „..Um des Himmels willen, m welcher Zeit leben wir doch! Aurora, wie schrecklich! Ein Graf Rieneck wird von einer Jüdin verschmäht und lebt jetzt als Heizer auf einem Mississippi-Bote!"" „Ja, hätte die Jüdin ihn genommen — er wäre jetzt ein gemachter Mann. Dieser Herr von Wolsseck soll mehr als eine Million besitzen!" „„Eine Million! Was macht das wohl in jährlicher Re-te?"" „Gut angelegt bringt eine Million ein jährliches Einkommen von fünfzig tausend Tbal.rn und darüber!" „»Fünfzigtausend Thaler jährlich! DaS laste ich mir gefallen — das ist ein Einkommen, das sich hören läßt! Dafür kann man Alles haben, was das Herz nur begehrt ohne zu fürchten, sein Vermögen zu schrnä-! lern. Fünfziglausend Thaler jährlich! Und mein seliger Mann klagte über Verschwendung, trenn wir in einem Jahre zehn, oder gar zwölftausend Thalern verausgabt hatten!"" „„Hören Sie, Flamentin,"" sagte Comtesse Aurora, „ich glaube, ich könnte mich entschließen um eines solchen Einkommens halber einen Juden zu heirathen." „Topp, Gräfin Aurora, ich halte Sie beim Wort. Für jetzt bitte ich um Erlaubniß, mewen Freund, den Herrn von Wolfseck, bei Ihnen einführen zu dürfen." Die Erlaubniß wurde erlheilt, und wir haben bereits oben erzäblt, daß Herr von Flamentin davon Gebrauch machte. Die beiden Freunde wurden aufs Zuvorkommendste empfangen. Gräfin Aurora kehrte ihre ganze Liebenswürdigkeit heraus. Ihr Geist und ivre Schönheit sesstlten Wolfsobn vollständig. Er WMde ein täglicher Gast im Hause der Gräfin von Hohenlinden Nach einigen Wochen nahm ihn die Gräfin bei Seite „Herr von Wolfsrck," sagte sw, „ein so angenehmer, lieber Gast S^e auch mir und meiner Tochter sind, so muß ich Sie zu meinem größten Leidwesen dringend bitten, Ihre Besuche bei uns einzustellen. Sie bringen uns in daS Gerede der Leute Wir haben aus dem Schiffbruche des Lebens fast nichts gerettet als unfern guten Ruf - Sie begreifen, daß auf diesen kein Makel fallen darr." „„Gnädigste Gräfin.'"' entgegnte Wolfsohn, „„ick begreife Ihre Rücksichten; ich werde vorläufig meine Besuche einsiellen. Aber ich werde die Fesseln zu lösen wissen, die mich gegenwärtig noch binden. Darf ick dann hoffen, Sie und Gräfin Aurora meinen heißesten Wünschen geneigt zu finden?"" „Sie wissen, wie sehr ich Sie achte und verehre, Herr von Wolfseck. Und weine Tochter? Nun, schreiben Sie ihr — da werden Sie ihre Meinung erfahrn." Und Wolfsobn schrieb; die Antwort der jungen Gräfin enthielt zwar keine birecte Zusage — alle n, sie ließ den bethorten Mann die Erfüllungseiner Wünsche hoffen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redactwn: Or. Lehmann. — Vertag der Le Ronx ,ch n Vosbuchhandirmg. — Damps-Schneüpressendruck ron I. Gottsleben m Mainz.