Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1870)
- Date
- 1870-11-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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867 Feuilleton Säe» und Krnten. XXIII. Aurora von Hohenlinden. Wenn Gott wohlgefällig behütet die Wege eines Mannes, so müssen auch die Feinde desselben gerade durch die ihm in den Weg gelegten Hindernisse zu seinem Glücke beitragen, indem Alles, was sie gegen den Angeseindeten erdenken und ins Werk setzen, in das gerade Gegentheil sich verkehrt. Diese Ersahruna mußten Wolfsohn und Bernstein machen. Naphtali Ruhdorf ging aus seiner bedrohten Lage gekräftigt hervor, und sein Geschäft nahm in Folge des ihm in London eröffneten Credits einen großen Aufschwung. Die beiden Ehrenmänner, die ihn zu vernichten gedacht hatten, vergingen fast vor Neid, Aerger und Zorn; sie sahen ein, daß es künftighin vergebens sein würde, gegen Naphtali Etwas zu unternehmen und gaben den Gedanken daran auf. Wostsohns ganze Wuth wandte sich gegen seine eigenen Familien-Angehörigen, gegen seine Frau und seine Kinder; er wollt? sich an ihnen in empfindlicher Weise rächen und vermied eö einstweilen, mit Frau und Tochter zusammenzukommen. Er speiste im adeligen Club und ließ sich seine Privatzimmer in seinem Palaste weitab von den Gemächern seiner Frau und seiner Tochter einrichten. „Lieber Freund," sagte eines Tages der Freiherr von Flamentin, ein guter Bekannter Wolfsohns, zu diesem, „ich begreife, daß Sie den Ihrigen zürnen, die sich so widerspenstig gegen Sie benommen haben; allein ich würde an Ihrer Stelle ein so unangenehmes Familienleben nicht länger ertragen; ich würde die Fesseln sprengen, die mich an ein widerwilliges Weib, an aufrührerische Kinder banden." „„Sie haben vollkommen Recht, mein lieber Baron, ich trage mich schon lange mit diesem Gedanken. Allein, was habe ich davon, wenn ich dann ganz allein stehe? Sehen Sie, ich bin von langer Zeit her an das Familienleben gewöhnt; ich bin zum Hagestolzen verdorben."" „Aber, Bester, Sie sind im Ganzen noch ein jugendlicher Mann, kräftig und gesund, haben noch kein graues Haar! Trennen Sie Sich von Ihrem widerwilligen Weibe und schließen Sie eine» neuen Ehebund!" „»Ja, lieber Freund, das hat seine Schwierigkeiten."" „Was, Schwierigkeiten! Wenn erst einmal die Dame gefunden ist, die Ihnen gefällt — nachher ebnet sich Alles von selbst. Kommen Sie mit mir. Ich führe Sie in ein Haus, wo sie vielleicht finden werden, was Ihnen paßt." Der zuvorkommende Freund führte Herrn von Wolfseck im Hause der Gräfin Hohenlinden ein. Gräfin Hohenlinden war Wittwe. Noch vor kurzer Zeit hatte sie mit ihrem Gatten und ihrer Tochter Aurora ein schönes Schloß am Rhein bewohnt. Gäste auf Gäste hatten das Schloß besucht, Feste auf Feste waren dort gefeiert worden, deren Mittelpuntt und Königin Comtesse Aurora gewesen. Die Eltern hatten die einzige Tochter vergöttert, vornehme Fremde von nah und fern, hatten sich um die Hand der schönen, geistvollen Comtess? beworben. Diese hatte lange gewählt, zu lange; denn plötzlich starb der alte Graf. Die Güter, Lehnsgüter, gingen an einen Seitenverwandten der männlichen Linie über, und für Frau und Tochter blieb nichts als eine Apanage, die es kaum gestattete, standesgemäß zu leben. Man begriff nicht, wie Graf von Hohenlinden so leichtsinnig gewirchschaftet und für Frau und Tochter nicht besser gesorgt hatte; allein die Welt wußte nicht, daß der schwache Mann ganz unter der Herrschaft seiner Damen gestanden, die eine verschwendungövolle Pracht über Alles liebten. Oft harte der alte Graf die Nothwendigkeit zu sparen und für die Zukunft zu sorgen, den Seinen vorgelegt; aber wie die Mutter im Mährchen der Tochter sagt: „Schneide Dir nur die Zehe ab^, die nickt in den Schuh hnreinpaßt! Wenn Du erst Königin bist, so brauchst'Du nicht mehr zu Fuß zu gehen" — also hatte die Gräfin Hohenlinden sich und die Ihren stets damit vertröstet, daß Comtesse Aurora sich in glänzender Weise verheirathen würde und dann keines Erbtheils bedürfe. Aber Graf Hohenlinden war zu früh, war plötzlich gestorben. Als dann die Verhältnisse der gräflichen Familie bekannt wurden, verschwanden auf einmal alle Freier. Jetzt war die Gräfin mit ihrer Tochter nach der Residenz gezogen, um hier womöglich den alten Glanz und die alte Herrlichkeit zurückzuerobern. In der That fehlte es in der Residenz der jungen Gräfin an Bewunderern nicht; aber diese waren meistens nicht so situirt, daß sie vor den Augen Aurora's Gnade gefunden hätten. „Kein Freier darf sich nahen, der nicht mindestens in eigener, reichausgestatteter Equipage vorzufahren im Stande ist," — das waren der Gräfin höchsteigene Worte. Allein derartige Freier fanden sich nicht. Gräfin Hohenlinden und ihre Tochter waren im höchsten Grade unzufrieden und unmuthig. Sie, die gewohnt waren, in Pracht und Fülle zu leben, deren ganzes Leben sich bisher zu einem fortlaufenden Festtage gestaltet hatte, mußten sich jetzt einschränken, konnten nicht einmal die Einladungen zu den Hof-