Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1870)
- Date
- 1870-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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863 Literarischer Bericht. Festrede, gehalten am N"tnn min nriDff 18. Oktober 1870 in der Synagoge der Adaß JiSroel in Berlin von Rabb. vr. Israel Hildesheimer. (Der ganze Erlös wird (ohne Abzug der Kostens dem deutschen Invalidenfond zugeführt.) Der vorstehende auf dem Titelblatte angegebene Zweck war der Grund, um defsentwillen der mit Recht hochgeehrte Redner den an ihn ergangenen Aufforderungen , seine religiösen Vorträge zu veröffentlichen, für diese Rede entsprach; und wir müssen ihm dafür den wärmsten Dank zollen, da diese Rede sowohl durch ihren Inhalt als durch die daran sich knüpfenden Betrachtungen dem jüdischen Leser einen höchst wohlchuenden Genuß bietet. Nachdem Herr Rabb. vr. Hildesheimer seinem Vortrage den höchst passenden Text aus der Hastara für (I. Kön. 8, 66) zu Grunde legte, wendete er in sehr geistvoller Weise die in V'rs angedeuleten charakteristischen Seiten des jüdischen Festes, an dem er seinen Vortrag hielt, auf die polit.schnationale Veranlassung desselben an, und die Durchführung dieses Thema's muß als eine von jedem Standpunkte aus höchst gelungene bezeichnet werden. Wir unterlassen, den Gedankengang dieser gelungenen Gelegenheitsrede hier zu skizziren, können aber die Bemerkung nicht unterdrücken, daß nicht bloß hinsichtlich ihres Inhaltes und ihrer Form, sondern auch hinsichtlich eines weit wichtigeren Umstandes diese Rede jedes jüdische Herz mit aufrichtiger Freude erfüllen muß. Daß nämlich in Berlin, in der Stadt, von der schon seit langer Zeit die dem Materialismus dienende Negation des wahren Judenthums ausging; in der Stadt, in der die Neologic fett Dezennien sich bemühte, die gesetzestreuen Juden als die Anhänger eines der Bildung, der Freibeit, dem Patriotismus feindlichen Muckerthums zu verdächtigen, sich eine Gemeinde unter der Leitung eines Mannes bildete, dessen ganze Persönlichkeit alle diese Denunziationen Lügen straft, daß in Berlin derselbe durch seine Hingebung für's Judenthum bewährte Mann, der dort einen den Anforderungen des Iudenthums entsprechenden Jugendunterrickt, eine Vertrauen verdienende nü’nttf, einen zuverlässigen Koscherfleischverkauf her stellte, Gelegenheit hatte, vor einer Irutn my einen Vortrag zu halten, der sowohl den Nichtjuden als den nichtjüdischen Juden in der ansprechendsten Weise zeigt, wie die völkerbewegenden Ereignisse von einem aus dem Boden des gesetzestreuen Judenthums stehenden Rabbiner aufgefaßt worden, wie Menschen- und Vaterlandsliebe eben zu den Anforderungen des alten, von den Reformhelten verlästerten Judenthums gehören; — daß in Berlin eben diese Rede von vr. Hildesheimer gehalten wurde, das ist es, was wir als einen unschätzbaren, dauernden Gewinn betrachten zu müssen glauben. n. Zeitungsnachrichten nnd Correfpondenzen. Deutschland. Aus dem Odenwalde. VI. Theil. Wir fahren in der Characterisirung der AmtSthätigkeit unseres Herrn Landrabbinen fort. Da kören wir von einer Seite: „Man mag gegen unfern Rabbiner sagen was man auch will, man mag seinem Privatleben Dieses oder Jenes zur Last legen, aber nach Außen bin wahrt er doch die Würde seines Berufes; er prüft die Schochtim gewissenhaft, er hält so sehr viel auf die Feierlichkeit bei Trauungen , und er ist vor Allem ein so hinreißender Prediger rc." Wir wollen diesen Einwänden gerecht werden, wir wollen sie prüfen. Die geschätzten Leser erkennen darin sofort jenes von unfern Reformbelden so gewissenhaft gepflegte Acher-System, das seinen eigenen Vertretern jeden Dispens von der Gesetzestreue ohne Anstand gewährt, den außerhalb des Ordens stehenden Laienbrüdern aber salbungsvoll ein oinn ]iO “iy zuruft. Blöden Augm kann eine solche Handlungsweise vielleicht als resignirende gnädig geübte Pietät gegen das alte unverfälschte Judenthum erscheinen, dem freien offnen Blick zeigt sich dieses bald nach rechts bald nach links manövrirende Gebühren als das, was es eigentlich ist. Herr vr. I. Landsberger, sagt man uns zu dessen Vertheidigung, prüft die Schocktim streng. Quidquid id est timeo Danaos, et dona fereotes. Man sieht nicht ein, daß diese Behauptung, wenn sie wahr wäre*), eine himmelschreiende Anklage enthielte. Wir wollen die Wahrheit dieser Behauptung, so unwahrscheinlich sie auch klingt, als über allem Zweifel erhaben hinnehmen, aber wir bitten um Berücksichtigung folgender Momente. Man hat von unserem Rabbiner öffentlich behauptet, daß derselbe in einer nichtjüdischen Restauration Fleischspeisen gegessen habe; zugestanden hat er nur, in solchen gekochte und gebackene Fische und dergleichen zu genießen. Kann man nun, so fragen wir jeden vorurtheilsfreien Juden, von einem Manne, der laut eigenem Geständniß sich leichtsinnig *) Was es mit der gewissenhaften Prüfung der Schochtim in D. für ein Bewandtniß hat, wissen wir aus so manchem Vorgänge zur Genüge. — Red.