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Der Israelit · 1870-11-16 · Heft 46 (16.11.1870) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 46 (16.11.1870)
Date
1870-11-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
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858 Bald thut sich im Kinde der Eigenwille und das Böse hervor " Wie gesagt, die rationelle Pädagogik, die ihre Basis in der Psychologie hat, verwirft das Dogma der Erbsünde und hat sich damit der jüdischen Wahrheit genähert. Der Lehrsatz der Erbsünde schließt den freien Willen der Menschen aus. Trefflich spricht sich Diestenveg in dieser Beziehung aus. In seinem Tagebucke (herausgeg. von E. Langenberg, Frkft. a M. 1870) notirt er unterm 3. Febr. 1819: „In Elberfeld keine Predigten über Pflichten, Nothwendigkeit des Lebens zur Besserung, Nichts davon; sondern ein Predigen des Hasses gegen die Tugend, Freiheit des Willens, Moral, Philosophie. Sie freuen sich über ihre Sünden und ibre Sündhaftigkeit und danken Gott dafür, denn g r che sie sei die Bedingung der Begnadigung. — Wem der Gnadenstand geschenkt, der gehöre einmal Gott an und könne aus dieser Gnade durch keine Sünde wieder heraussallen." (§. 11.) Unter einem andern Datum berichtet er über eine Wochenpredigt, die G. D. Krummacker am 15. Marz 1820 gehalten; derselbe predigte, daß Alles, was der Mensch thue, um Gott näher zu kommen, vergeblich sei; „hier helfe weder gute Werke, noch Reue und Buße, noch Gebet, noch sonst was Gott müsse das Alles erst durch den heiligen Geist in einem Menschen erwecken, ohne welches der Mensch zu nichts fähig sei. Erwecke Gott nicht das Dankgesühl im Menschen, so könne er auch nicht danken u. s. w." Diesen Absurditäten gegenüber, denen der Prediger den fast an Blasphemie streifenden Gedanken beifügte, daß man insofern sich eigentlich seiner Sünden freuen können, als Einem durch dieselben f< ar werde, daß die ihm gewordene Begnadigung nicht seinem Verdienste zuzuschreiben sei, macht Diesterweg die treffende Bemerkung: „Die Pädagogik und alle praktisch wirkenden Menschen werden dieses Ohnmachtsfysiem nickt aufkommen lassen. Sonst wäre .s besser, den ganten lieben Tag im Bette zu liegen und zu dämmern/' (S. 40.) Nun basirt aber die ganze jüdische Anschauung von dem Verhältniß des Menschen zu Gott ans dem Prireip d'S freien Willens und muß daher dis Vorstellung von der natürlichen Anlage des Menschen dem nahe kowmen, was wir oben als philosophische bezeichnet baben. Wir werden sehen, daß dasjenige, was in dieser Begehung von der vorgeschrittenen W-ssenschaft jetzt erkannt worden ist, was im tansendjäbrigen Geisteskampfe errungen und in der Gegenwart als Lehrsatz angesehen wird, was Fichte als Unterscheidung zwischen alter und neuer Pädagogik gelehrt, *) daß dieses bei den Juden schon in al¬ 'H „Die alle Erstehung fußte aut die abgeschmackte Ueberzeugung, daß der Mensch als Sünder geboren fei; ter Zeit als Wahrheit erkannt und anerkannt war. Eine Grundlehre des Iudenthums ist: Des Menschen Wille ist frei, sein Thun und Lassen ist sein eiqenstens Eigenthum. „Siehe, ich lege dir heute vor Segen und Flucht (Deut. 11, 26.) „Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse". Ich rufe heute gegen euch zu Zeugen Himmel und Erde: Leben und Tod habe ich dir vorgelegt, Segen und Fluch; erwähle das Leben, daß du lebest, du und deine Nachkommen!" (Das. 30, 15. 19) Im Anschluß an diese Worte leien wir im Midrasch: R. Eleasar sagte: Von dem Augenblick an, daß Gott dstses Wort am Sinai ausgesprochen, kommt aus dem Munde des Höchsten nicht^mehr das Böse und das Gute, sondern das Böse kommt von selbst über den Missethäter, wie das Gute von selbst über den Gerechten kommt; R. Chaggi sagte: Nicht allein, — so ist das Gotteswort zu verstehen — daß ich zwei Wege (zur freien Wahl) euch freigestellt habe, ich habe euch auch Anleitung gegeben, indem ich euch zugeruren habe: Erwähle das Leben?" Das Princip der Willenssreibeit des Menschen liegt in diesen Worten klar ausgesprochen: von Gott kommt insofern nicht das Gut- und Böse, als der Mensch die Folge für seine Handlungen selbst verschuldet, ist ihm ja die Wahl^ zwischen gut und schlecht, zwischen Rechtthnn und kündigen freigestellt, dock Gott, der das Beste des Mensäen will, muntert ibn noch besonders zum Guten aus. Daß bei der Willensfreiheit das Streben liack dem Guten aus die besondere Unterstützung Gottes hoffen darf, finden wir auch im folgenden talmuschenLehrsatz ansgedrückt: „Werrein, d. b tugendhaft, werden will, findet Unterstützung (von Seiten Gottes), wer nick verunreinigen, d. h. sündigen, will, laßt man seiner Wege gehen" (Ioma 38 6.) Das Streben nach dem Guten wird gefördert, da': nach dem Schlechten nicht gehindert, weil sonst der freie Wille beschränkt sein würde Tief poetisch aber ist jene Talmudstele, die sich über die freie Selbstbestimmnng des Menschen also vernehmen läßt: ..Soll ein Mensch entstehen, so steigt der Engel des Menschwerdens vor Gott auf und fragt: Dieser Menschenkeim, was soll aus ihm werden, ein Reicher oder ein Armer, ein Weiser oder ein Thor? Ob aber Frommer oder ein Frevler? fragt der Engel nicht, denn, wenn auch alles göttliche Bestimmung ist, gut oder schlecht zu werden, liegt in des Menschen Hand. (Nidda 10 b; vgst Berachoth 33 b.) Ist nun aber der Mensch vollständig Herr seiner Handlungen, und kann er erst gut und schlecht durck seine Thaten werden, so kann mithin das Kind von Natur weder gut noch böse sein: es liegen vielmehr sowohl die neue Erziehung erkennt, daß gerade im Wohlgefallen am Guten die Wurzel des menschlichen Lebens liege."

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