Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1870)
- Date
- 1870-11-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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M 3. (Pädagogische Beilage zu Rr. 46 des „Israelit".) JS 3. Blätter für Schule und Haus pädagogische prineipien nach dem Talmud, verglichen mit den Erlebnissen der Erziehungswissenschaft der Neuzeit. III. Ursprünglich sittliche Beschaffenheit der Kindesnatur. *** Die Frage nach der ursprünglichen sittlichen Beschaffenheit der Kindesnatur ist eine nicht unwichtige in Betreff der Erziehung. Es ist ganz etwas Anderes, ob der Erzieher in dem Kinde das von Natur unverdorbene Wesen erkennt, in welchem er das Gute zu entwickeln oder zu fördern, oder ob er es als von Natur verdorben, von Sünde belastet, ansieht, aus dem er das Sündige und Schlechte zu vertreiben habe, es stets hinweisend auf das besondere Gnadenmittel von Oben, das allein im Stande sei, es vom Uebel zu erlesen. Das Zudenthum war stets so glücklich , sich in dieser Beziehung nie in Verlegenheit zu befinden, es kennt keine Erbsünde, eS erkennt an jedem Menschen nicht allein das äußere Gepräge des Göttlichen (t6ü0, sondern auch die innere Gottähnlichkeit (rucn), es läßt jeden Menschen sprechen: „Die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein" (n&gu nt) rmnD *a nnw). Das Christenthum hingegen hat das Dogma von der Erbsünde ausgestellt, und wenn auch die meisten Pädagogen seit Rousseau sich von demselben losgesagt haben, so ist doch der Kampf zwischen chr. orthodoxer Theologie und vorgeschrittener Pädagogik bis heute noch nicht ausgetragen. Sehen wir vor allen Dingen, wie sich die Lösung dieser Frage in der Pädagogik gestaltet hat. Martin Georg Dursch, der Katholik, und Christian Palmer, der Protestant, drücken in der Gegenwart die Ansicht der katholischen und protestantischen Orthodoxie über die Erbsünde aus. Beide gehen von derselben in Betreff der Erziehung aus, beide betonen die Nvthwendigket eines besondern höheren Gnadenmittels zur Erziehung des durch den Sündenfall jetzt ursprünglich verderbten Menschen, nur mit dem Unterschiede, wie er in Karl Schmidt's Geschichte der Pädagogik entwickelt wird: „Endlich noch lehrt die katholische Kirche, daß die durch dm Sündensall verlorene ursprüngliche Gerechtigkeit (das Ebenbild Gottes) nicht zur menschlichen Natur wesentlich mitgehöre, sondern eine zu den natürlichen Anlagen des Menschen von Gott hinzuverliehene Gabe gewesen sei, während die protestantische sagt, daß die vollkommene Gerechtigkeit, Heiligkeit und Unsterblichkeit, in welcher der Mensch vor dem Falle zum göttlichen Ebenbilde geschaffen worden, eben seine ursprüngliche wahre Natur gewesen sei. Und indeß der Protestantismus lehrt, die menschliche Natur sei durch den Sündenfall so ganz und gar im innersten Kern verdorben, daß die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit und mit ihr alle Freiheit des Willens, alle Kraft zum Guten verloren worden und der Mensch durch sich selbst nur noch sündigen könne; auch die Folgen davon sich vom ersten Menschen auf seine Nachkommen in der Weise erstreckt hätten, daß dieselben in Folge eines angeborenen Hangs zum Bösen zu jeglichem Guten unfähig und damit der Verdammniß anheimgefallen seien: behauptet vielmehr der Katholizismus , die geistigen Kräfte des Menschen seien im Cündenfall nicht verloren gegangen, sondern nur so zerrüttet und verdorben worden, daß der freie Wille geschwächt und gebeugt und nicht mehr so wie bisher zum Guten fähig sei, so daß die bleibende Neigung zum Bösen nur causaliter, nicht aber formaliter Sünde ist." (S. 920.) Die philantropische Richtung in der Pädagogik, die durch Basedow angebahnt wurde. verwirft das Dogma der Erbsünde, sie erkennt den Menschen als von Natur gut und rein, die Kinderwelt ist der Stand der Unschuld, in welchem keine Spur einer böswilligen Richtung entdeckt werden kann. Eine Zwischenstufe zwischen diesen beiden Richtungen, der theologisch - dogmatischen und der philanthropischen, nehmen die Philosophen ein, die seit Kant die Pädagogik in Verbindung mit der speculativen Philosophie gebracht haben. In seiner nach seinem Tode erschienenen Pädagogik sagt Kant: „Der Mensch ist von Natur weder moralisch gut noch böse. Denn er ist von Natur gar kein moralisches Wesen. Man kann indeß sagen, daß er ursprünglich Anreize zu allen Lastern in sich habe, denn er hat Neigungen und Jnstincte, die ihn anregen, ob ihn gleich die Vernunft zum Gegentheil treibt." Hegel's Idee von der ursprünglich sittlichen Beschaffenheit der Kindernatur trifft so ziemlich mit der Kant's zusammen und wird von Karl Schmidt (a. a. O. S. 689) folgendermaßen formulirt: „Von Natur ist das Kind weder böse noch gut, daß es anfänglich weder vom Guten noch vom Bösen eine Erkenntniß hat. Diese unwissende Unschuld für ein Ideal zu halten und zu ihr sich zurückzusehnen, würde läppisch sein; dieselbe ist ohne Werth und von kurzer Dauer.