Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1870-11-16 · Heft 46 (16.11.1870) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 46 (16.11.1870)
Date
1870-11-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447447-2447492--08815-2464481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

848 erdenkliche Mühe, seine Ausstände einzucasstren, die seine Verbindlichkeiten um das Doppelte deckten — allein es gelang ihm nicht; das Geld schien Plötzlich vom Markte verschwunden. Naphtali lief von einem Freunde -zum Andern; Niemand konnte, Niemand wollte ihm helfen. Noch hatte er ein kleines Capital flüsstgs, um die zunächst fälligen Tratten einzulösen — was aber dann? Wolfsohn und Bernstein zogen fleißig Erkundigungen nach dem Stande von Naphtali'S Geschäfte ein, und rieben sich vergnügt die Hände, wenn sie von seinen Verlegenheiten hörten. Um diese Zeit las Moritz Wolfsohn seinen Pflegeeltern die ausführlichen Briefe vor, die er von Mutier und Schwester in Bezug auf die jüngsten Ereignisse erhalten hatte. Die beiden guten Leute nahmen den größten Antheil an dem Geschicke der Schwester des ihnen liebgewordenen Pflegesohnes. Sie hörten aufmerksam zu, und das war keine kleine Aufgabe, denn Auguste und Wilhelmine hatten wahre «Megilloth" geschrieben und nicht das Geringste unerwähnt gelassen. „Sag' einmal, Moritz," sagte Herr Löwenhaupt, „was kann Dein Vater damit gemeint haben', daß er sagte, er wolle die Ruhdorfs unschädlich machen?" „Ich habe auch schon darüber nachgedacht." antwortete Moritz, „ allein ich weiß es nicht, lieber Onkel." „Ich will es Euch sagen," nahm Frau Löwenhaupt das Wort. „Ich habe von B. Briefe empfangen, die mich Manches vermuthen lassen. Naphtali Ruhdorf ist ein junger Anfänger; sein Geschäft ruht noch auf schwachen Füßen. Herr von Wolfseck wird seinen Credit schädigen, wird ihn dadurch in Verlegenheiten bringen und ihn so ruiniren wollen." „Gott, was habe ich eine gescheide lady," rief Herr Löwenhaupt bewundernd aus, „so ist es, Du hast ganz recht, hast always right. Nein, dieser Scharfsinn, diese feine Beurtheilung!" Frau Löwenhaupt lächelte ihrem Manne zärtlich zu, wie sie das immer that, wenn er sie bewunderte. „Und wenn Du denn meinst, daß ich Recht habe, my dear man," sagte sie, „so müssen wir einer solchen Zntrigue Vorbeugen. Ich habe in der Zeitung gelesen, daß in B. eine böse Geld-Krisis ausgebrochen. Wer weiß, ob sich der junge Ruhdorf nicht jetzt schon in Verlegenheit befindet!" „Nein nein!" sagte Herr Löwenhaupt, den Kopf wiegend, „ich muß Dich wirklich bewundern! Diese Umsicht! An Dir ist ein Staatsmann verloren gegangen; Du wärest ein tüchtiger Minister, ein Feldherr geworden!" Frau Löwenhaupt lächelte wiederum ihrem Gatten zärtlich zu; dann sagte sie: „Was gedenkst Du also zu thun?" „Ich denke," sagte Herr Löwenhaupt bedächtig, „Moritz schreibt dem jungen Ruhdorf einen Brief in meinem Namen und bietet ihm meine Hilfe an." „Wäre es nicht bester," fragte Frau Löwenhaupt „Du ließest telegraphiren?" „Wenn Du meinst, my good lady!" und er gab Moritz den betreffendem Auftrag. Naphtali's Verlegenheiten hatten den höchsten Grad erreicht; er hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben, das drohende Unglück abzuwenden; es war ihm nicht gelungen. Seine Feinde triumphirten. Naphtali befand sich bei seinem Vater, diesem sein Herz ausschüttend. Vergeblich bemühte sich der alte Ruhdorf, seinen Sohn zu trösten. „Härme Dich nicht Naphtali," sagte er, „es ist ein unverschuldetes Unglück. Es wird Dir gelingen, noch Alles abzuwick.ln, und die Welt wird erkennen, daß Dir Nichts zur Last fällt. Vor Gott bist Du schuldlos, und das ist die Hauptsache." Als Naphtal Etwas entgegnen wollte, trat der Telegrapben-Bote ein und brachte ein Telegramm. Naphtali öffnete das Couvert und las zu seinem größten Erstaunen: „Habe für Sie heute beim hiesigen Rothschild Credit bis Höhe 10,000 L. St. eröffnet. Löwenhaupt." Naphtali las wieder und wieder; er traute seinem Auge nicht. „Vater," rief er dann, „ich bin gerettet!" Simon Ruhdorf nahm seinem Sohne das Telegramm aus der Hand; nachdem er es gelesen, erhob er sich und sprach andächtig. „Boruch Hatauw Wehametiw! Gelobt sei der Allgütige, der Gutes erweist." So sehr sich Naphtali auch freute, daß es ihm nunmehr ein Leichtes war, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, so beschäftigte ihn doch das wahrhaft räthselhaste Telegramm nicht wenig, bis am dritten Tage ein Brief von Moritz Aufklärung brachte. Als Löwenhaupt einen Brief voll glühender Dankesergießungen von Naphtali erhielt, als er las, wie das Telegramm gerade zur rechten Zeit gekommen, da rief er bewundkrnd aus: „Das war meiner Frau guter Gedanke, zu telegraphiren! Nün, was ich eine Frau habe! Ich sage es ja immer: My good lady lias always right. Und Frau Löwenhaupt lächelte ihm zärtlich zu, den einmal unverbesserlichen Sprachschnitzer gerne überhörend. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.