Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1870)
- Date
- 1870-11-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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847 tali's blüthe und gewann eine Mets größere Ausdehnung; Simon Ruhdorf führte seinem Sohne die Bücher, während Leah und ihre Töchter, die der durch eine Anzahl Commis und Lehrlinge, welche Kost und Logis im Hause hatten, groß gewordenen Haushaltung vorstanden. Martha war unterdeß eine glückliche Braut geworden. Rabbi Auser Rosenstock, dem eö, nachdem er so lange in Deutschland gelebt hatte, in Polen nicht mehr gefiel, war mit Bewilligung seiner Eltern nach B. zurückgekehrt. Mit einem kleinen Capitale, das er von einem Bruder seiner Mutter geerbt, hatte er in B. ein Geschäft etablirt, das stch des besten Gedeihens erfreute; dann hatte er um Martha angehalten, und diese war jetzt seine Braut; die Hochzeit stand nahe bevor. Nicht so günstig hatten sich die Verhältnisse der israelitischen Gemeinde entwickelt; nachdem derselben ein Reformrabbiner octroyirt und der Separat-Goitesdienst der Orthodoxen polizeilich war verhindert worden, gerieth Alles in Stockung. Die Kinder wuchsen ohne Unterricht auf, die Jünglinge und Jungfrauen wendeten sich vom jüdischen Gesetze ab, von Sabbat zu Sabbat wurden mehr Läden und Geschäfte geöffnet; die alten, frommen Gemeindenglieder, die noch bessere Zeiten gesehen halten, seufzten und jammerten und weinten über den Verfall; allein eine Besserung wußten sie nicht herbeizuführen. Da übernahm es Naphtali in Verbindung mit seinem Schwager, nach dem Vorgänge anderer Städte, eine orthodoxe Separat-Gemeinde zu gründen. Von den niedern Behörden abschlägig beschieden, schleppte sich die Angelegenheit von Instanz zu Instanz, bis endlich auch das Ministerium, in welchem noch immer Ministerial-Rath Vieregg waltete, abschlägigen Bescheid ertheilte. Da wandte sich Naphtali in einer Jmmediat-E ngabe an den König. Dieselbe ging an das königliche Cabinet und wurde vom Cabinetsrath dem Könige mit dem Bemerken unterbreitet, daß Seine Majestät unmöglich eine Sache sanctioniren könne, wechevon allen Instanzen als schädlich und unzulässig bezeichnet sei. Schon wollte der König in diesem Sinne entscheiden; da wurde er an das Lager seines erkrankten Sohnes gerufen; er verschob die Entscheidung. Unterdeß hatte Frau von Wolfseck die oben dargestellte Audienz, und als nun dem Könige wiederum das Gesuch von Naphtali Ruhdorf und Genossen vvrgelegt wurde, da war sein Interesse für die Angelegenheit rege geworden. Er las die von Naphtali verfaßte Denkschrift aufmerksam durch und fand darin Alles bestätigt, was ihm Auguste von Wolsseck so eindringlich vorgestellt hatte. Ohne Zögern ertheilte er darauf die Genehmigung zur Constituirung einer ortdodox-israelitischen Gemeinde zu B. Der Jubel und die Freude, die vieler königliche Entschluß unter den gesetzestreuen Israeliten B.'s verbreitete, sind kaum zu beschreiben. Sofort ging man an die Ausführung. Man miethete ein Loccä zur Abhaltung eines Gottesdienstes nach altherkömmlicher Weise; man berief einen Rabbinen von streng-orthodoxer Gesinnung; man richtete eine Religionsschule ein, in welcher erwachsene Knaben und Mädchen erst noch Hebrarschlesen lernten; man ordnete die Schechitah und stellte die halbverfallene Mikwah wieder her. Ein ganz neuer Geist erwachte, und statt der Indolenz und der Gleichgiltigkeit begann des regste religiöse Leben zu erblühen. Es konnte jedoch nicht fehlen, daß dies neuerwachte Leben auch die Gegenpartei aus ihrem Schlafe weckte. Männer, die ihr ganzes Leben lang daran gearbeitet hatten, das orthodoxe Judenthum zu vernichten, die es in B. schon fast erstorben gewähnt hatten, sahen dies jugendlich frische Treiben, dies Wiederinslebenrufen der von ihnen perhorrescirten, alten Institutionen mit nicht kleinem Jngrimme. Namentlich wurmte das Alles Wolfsohn gar sehr. Seiner Autorität entzog sich jetzt ein großer Theil der Gemeinde, über die er seit vielen Jahren in unbeschränkter Willkür geherrscht hatte! Dazu kam noch sein persönlicher Haß gegen die Ruhdorfs. In diesem Punkte fand er einen Genossen in dem zweiten Vorsteher Bernstein, der eS Naphtali nicht vergeben konnte, daß er ihn einst gezwungen hatte als rechtlicher Mann zu handeln. Die beiden edlen Gesinnungsgenossen schwuren, der Schlange, wie sie sich ausdrückten, den Kopf zu zertreten, Naphtali Ruhdorf unschädlich zu machen. Ein ganzes Gewebe von Tücke und Schlechtigkeit umgab bald den arglosen Naphtali. Durch Sendlinge von Wolfsohn und Bernstein wurden ihm die lockendsten Geschäftsanträge gemacht, wurde ihm behufs der Ausführung ein unumbeschränkter Credit eröffnet. Naphtali lehnte zwar Manches ab, allein aus Vieles ging er ein, und da sich Alles zu seinem Vvrtheile bald entwickelte, so gewann er Vertrauen zu den Emissären seiner Feinde; er ging größere Verbindlichkeiten ein, als ihm seine Verhältnisse erlaubten. Um diese Zeit trübte stch der politische Horizont und ernste Verwickelungen standen in Aussicht. Solche Verwickelungen wirken zunächst lähmend auf Handel und Wandel. Das Vertrauen schwindet, das Capital zieht sich zurück, und wehe dem Kaufmanne, der in solchen Zeiten großen Verbindlichkeiten nachzukommen hat l Die Forderungen, die an ihn gestellt werden, muß er befriedigen, während seine Äusstände äußerst schwierig einzutreiben sind. In welche Verlegenheit gerieth Naphtali, als ihm plötzlich von seinen falschen Geschäftsfreunden, die bisher so außerordentlich entgegenkommend gegen ihn gewesen waren, der Credit gekündigt wurde! Da half kein Bitten, kein Flehen! Naphtali gab sich alle nur