Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1870)
- Date
- 1870-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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845 teten Zeitung dieses Schreiben zu veröffentlichen. Zum Voraus meinen innigsten Dank. Hochachtungsvoll und ergebenst zeichnet (L. S.) Arnoud Aron. Aus dem Odenwalde. V. Theil. Wir wollen heute mit unserm Rabbiner abrechnen. Wir fordern Sie, Herr vr. Julius Landsberger, vor das Forum der öffentlichen Meinung, um deren Gunst Sie und Ihre Gesinnungsgenossen sich so rastlos bewerben; vor dieser von Ihnen so gehätschelten und verzärtelten öffentlichen Meinung rechtfertigen Sie sich gegen die Beschuldigungen, welche gegen Sie vorliegen. Vertheidigen Sie sich vor den 107 Gemeinden Ihres Rabbinatsdistriktes, denen Sie geistiges Oberhaupt, also Musterbild von Gläubigkeit, Frömmigkeit, Redlichkeit und Geradheit sein sollten, denen Sie aber in der That durch Ihr Beispiel, ihr von den Vätern überkommene Religion, also irdisches und himmlisches Glück unbarmherzig entreißen. Sie leben von diesen Gemeinden, warum leben Sie nicht auch für dieselben? Vertheidigen Sie sich, wenn Sie geschehene und täglich geschehende über allem Zweifel erhabene Facta ungeschehen machen oder zu Ihren Gunsten deuten können! Werden Sie es aber nicht wagen, unserer Herausforderung gerecht zu werden, wird wie vor v i er Ja hren Ihr etwaiges Ehrgefühl auch jetzt Ihnen die Schamröthe nicht in die Wange treiben, nun, dann wird diese Handlungsweise den Ihnen überantworteten Gemeinden wenigstens die Scham ins Antlitz treten lassen, wird diese zur Einigkeit, zur Entschiedenheit, zur Hatkraft hindrängen. Auf euch aber, ihr Gemeinden, die ihr der Leitung eines solchen Rabbiners überantwortet seid, auf euch liegt die unabweisbare hochheilige Pflicht, das Thun und Treiben desselben einmal bei Licht zu prüfen und dem Resultat dieser Prüfung unverkürzt Rechnung zu tragen. Wenn der Hirt über die Sorge um sich, die für seine Schafe vergißt, sollten da nicht die Schafe einmal nach ihrem Hirten sich Umsehen? ijtp jtren nd.i O’jnn m ruft Jecheskel, dem schon vor 2200 Jahren der Gottesruf wird über die geistlichen Hirten, welche statt der Schafe sich selber weiden, zu Gericht zu sitzen. Und Jecheskel hat sein D'jn rn “new ‘wusn ’jn ’in, om«, hat seine feierliche Anklage gegen die pflichtvergessenen Hirten aller Zeiten erhoben. Sollten Sie sich, Herr Landrabbiner, gar nicht betroffen fühlen, wenn jene vorwurfsschweren Prvphetenworte Ihr Ohr berühren?! „Das Fett habt ihr gegessen, und in die Wolle euch gekleidet, das Lebensfrische habt ihr hingeschlachtet — aber die Schafe habt ihr nicht geweidet. Die Siechen habt ihr nicht gestärkt, und das Kranke nicht geheilt, und das Verwundete nicht verbunden, und das Versprengte nicht zurückgeführt und das Verlorene nicht aufgesucht, sondern mit Gewalt habt ihr Sie niedergehalten und mit Härte." (Jecheskel 34). — Können Sie dem angeführten Gotteswort Ihre Bewunderung versagen, wie es das Thun und Lassen gewisser Rabbinen so treu zeichnet? Sie beziehen aus den Gemeinden Ihres umfangreichen Distriktes einen ansehnlichen jährlichen Gehalt, zu dem noch eine mindestens ebenso große Summe von Rebeneinkünsten kommt. Was leisten Die dagegen? Nichts, entschieden Nichts, wenn ich von den wässerigen Predigten absehe, die ein Accidens des Orgel - Gottesdienstes in Ihrer Synagoge zu Darmstadt bilden. Der erste Gradmesser für die Fähigkeit, Religiosität und Berufstreue eines Rabbinen ist der Zustand der unter seiner Leitung stehenden Schulen. Unser Herr Rabbiner ignorirt diesen Punkt vollständig; derselbe besucht eine Kinderfchule höchstens dann, wenn ihn irgend ein Nebenverdienst, eine Hochzeit rc. an den betreffenden Ort führt, und er dann dem ihm gestellten Ansinnen, die Schule zu besuchen nicht mehr ausweichen kann. Doch auch noch ein andrer Fall, den mir neulich ein Gemeindevorsteher auseindersetzte, kann unfern Rabbiner veranlaffen, eine Schule zu besichtigen. Der Vorsteher einer, drei Wegstunden vo« Darmstadt entfernten Gemeinde klagte nämlich unlängst über di^' traurige Verkommenheit, in welcher die Gemeindeschule sich befände. Auf die Frage, ob sich denn der Landrabbiner gar nicht um die Schulangelegenheiten kümmre, erhielten wir folgende bezeichnende Antwort; „Ohne Anregung von Seiten der Gemeinde kümmert sich unser Rabbiner nicht um uns und unsere Schule; wenn wir aber eine Jnspicirung der letzteren wünschen, so wird uns dieser Wunsch erfüllt, aber das kostet Eilf Gulden; und soviel ist uns ein solcher Besuch nicht werth." Diese erste Pflicht eines Rabbiners läßt sich unser ehrwürdiger Herr Seelsorger also mit einer solchen Summe von einer ganz kleinen Gemeinde bezahlen, von einer Gemeinde, die doch ohnedies ihren jährlichen Beitrag zur Besoldung des Rabbiners liefert, die nun, wenn sie diese allererste vom Rabbiner zu leistende Pflicht fordert, deren Erfüllung mit einer so verbältnißmäßig bedeutende Surnme zahlen muß. Wir speciell können unserm Rabbiner nicht dankbar genug fein für die Vernachlässigung dieser seiner heiligsten Pflicht, denn seine etwaige Fürsorge würde den noch spärlich vorhandenen jüdischen Geist vollends aus der Schule verdrängen, und das Wirken der wenigen Lehrer lahm legen, die ihrem Lehrerberuf noch nach echt jüdischer Weise gerecht werden. Rühren Sie nur weiter meine Mesiasse — das sind die Kinder in der Schule — nicht an, treten Sie meinem Propheten — das sind deren Lehrer — nicht nahe. Ihr Gemeinden aber, ihr alten jüdische Gemeinden, die ihr eure Kinder zu Jehudim heranbilden wollt, bewacht sorg-