Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1870)
- Date
- 1870-11-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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828 rer Majestät auch nicht die Vorzüge des JudenIhumS rühmen. Geruhen Eure Majestät nur, mir zu gestatten, daß ich es versuche, soweit ich schwaches, unwissendes Weib es vermag, darzulegen, warum eS uns Juden erste und heiligste Pflicht ist, in der Treue für den Glauben der Väter zu beharren."" „Reden Sie, Madame, reden Sie ohne Scheu! Ich bin begierig, eine solche Auseinandersetzung zu vernehmen." „„Erlauben mir Eure Majestät zunächst an eine gemeinsame Grundlage zu erinnern. Unsere Väter, mit denen Gott wandelte und sich ihnen offenbarte — sie werden auch von den Christen verehrt; die Offenbarung aus Sinai wird auch vom Christenthume anerkannt. Aus der Mitte der Nationen hat sich Gott ein kleines Volk erkoren, das er zum Träger Seines Namens, zum Vollzieher Seiner Gebote machte. Diese Gebote umfassen das ganze Leben des Juden in Gottgeweihten Gedanken, Worten und Thaten. Namentlich Thaten sind es, welche die Religion Israels bestehlt und die unser Leben erfüllen von der Geburt an bis zum Grabe. Ein solches Leben zu führen ist der großen Menge der Menschen nicht möglich; aber die Familie Jakobs hat Gott zu einer priesterlichen gestaltet; sie soll durch reines Leben, durch edles Thun, durch gute Sitte den Namen Gottes heiligen auf Erden. Ihre Mission ist noch lange nichts erfüllt, und was heute der gebildetsten Nationen Glück und Seligkeit ausmacht, verdanken sie einzig einigen wenigen Vlüthen, die ihnen vom großen Lebensbaume des Judenthums zugekommen. O, Majestät, der Erfüllung unserer großen Aufgabe unbeirrt fortzuleben, dafür uns und unsere Kinder zu erhalten , ist uns heiligste Pflicht. Wir haben diese Pflicht erfüllt unter den Veriolgungen und den Bedrückungen feindlich gesinnter Völker. Nicht das Schwert und nicht der Scheiterhaufen, nicht der Haß und nicht die Verachtung konnten uns zu Abtrünnigen machen! Und jetzt, da gerechte Fürsten uns die Sonne ihrer Gnade leuchten lassen, da wohlgesinnte, gebildete Völker uns alle Freiheit gestatten — jetzt sollten wir die heilige Sache verlassen und verrathen, für die unsere Voreltern so unaussprechlich gelitten haben?"" „Sie sprechen da, Madame, eine harte Anklage gegen Ihren Gatten aus; Sie stempeln seine Handlungsweise zum feigen Verrath." „„Daß dem so ist, Majestät, das zerreißt mir das Herz."" „Wie kömmt es denn, daß Sie und Ihr Herr Gemahl so verschieden über eine und dieselbe Sache denken?" „„Majestät, große Kämpfe durchziehen auch das Judenthum, Spaltungen hervorrufend im Schooße der Gemeinden, ja, der Familien."" „Ja, ja, ich habe davon gehört; habe aber die Sache bisher ganz anders aufgefaßt. Doch genug davon; ich erkenne jetzt, daß nicht Eigensinn und Hartnäckigkeit die Triebfedern der gesetzestreuen Juden sind; ich weiß jetzt, daß Sie nicht in unberechtigter Weise sich der Taufe Ihrer Kinder widersetzen." „„Majestät, Dank, unendlichen Dank für dieses huldvolle Wort!"" „Was aber verlangen Sie von mir, Madame, was soll ich für Sie thun?" „„Mein Mann will meine Tochter gewaltsam nach Kloster Günderode entfuhren, um sie dort taufen zu lassen. Ich bitte, ich beschwöre Eure Majestät, verbieten Sie ihm jede gewaltsame Maßregel!"" „Gut, das sofl geschehen." ,,„O, Majestät, empfangen Sie meinen heißesten Dank. Meine Kinder und ich, wir werden bis an das Ende unserer Tage für das Glück und das Heil unseres geliebten Königs zum Allerbarmer flehen.!" " Auguste sprach das mit so großer Innigkeit, daß der König sich abwandte, um seine Rührung zu verbergen. Er winkte mit der Hand, und d e Audienz war beendet. Noch an demselben Tage erhielt Herr von Wolfseck ein Schreiben aus dem Cabinet des Königs, in welchem ihm kundgethan wurde, daß Seine Majestät nicht möchte, daß Fräulein von Wolfseck irgendwie zum Glaubenswechsel und zur Heirath mit dem Grafen vonRicneck gezwungen werde; ferner würde es Seiner Majestät nicht angenebm sein, daß besagtes Fräulein nach Günderode verbracht werde; die Gewissensfreibeit sei ein so kostbares, unantastbares Gut, daß Seine Majestät einen jeden Schein vermeiden wolle, wie wenn mit Allerhöchftderer Bewilligung irgend ein Zwang verübt werden würde. Wer beschreibt Wolfsohnö Ueberraschung, Aerger, Zorn beim Empfange dieses Schreibens! Als er gar erfuhr, daß feine Frau beim Könige gewesen, von diesem Anfangs mit Vorwürfen belastet, spater aber huldvoll entlassen sei, da fühlte er förmlichen Haß gegen Frau und Kinder. Er beschloß, sich in empfindlicher Weise zu rächen. Graf Walther von Rieneck hatte in der Aussicht auf die „gute Partie" neue Schulden gemacht. Nachdem diese „gute Partie" zu Nichte geworden, entzog er sich der Verfolgung seiner Gläubiger durch die Flucht nach Amerika. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronxi'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.