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Der Israelit · 1870-11-09 · Heft 45 (9.11.1870) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 45 (9.11.1870)
Date
1870-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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823 wußtsein, daß ich dieselbe unter solch schrecklichen Verhältnissen werde zubringen müssen, machte auf mich einen sehr schmerzlichen Eindruck. Während ich sonst diesen herrlichen Festen, wo man dem himmlischen Vater so recht nahe zu sein glaubt, mit der größten Freude entgegensah, ängstete mich der Gedanke, den Dbiy mn dp in unjüdlscher Weise verleben zu müssen. Cs war vorher mein alltägliches Gebet zu Gott dem Allmächtigen, mir doch mit irgend einer Gelegenheit die Gnade zu erweisen, die D’ioijn D'v' in einer jüdischen Gemeinde zuzubringen. Und siehe da, mein Gebet wurde erhört. Trotzdem wir während dieser Zeit fortwährend im Bivouak auf Vorposten waren, erhielten wir die Erlaubniß, am 2. Tage 'n'-> und am Dmern dp nach Versailles zu gehen und dort dem Gottesdienste anzuwohnen. Aber welche Enttäuschung wurde mir zu Theil, als ich dieses Glück genießen wollte! Ich wurde (ebenso viele andere Soldaten, die in Versailles in Garnison lagen oder dorthin gekommen waren) mit der größten Kälte und Theilnahmlosigkeit von unseren Glaubensgenossen empfangen. Jeder warf uns mißtrauische und verächtliche Blicke zu. Der Gottesdienst wurde von dem dortigen Prediger in nur wenig angemessener Weise geleitet. Unsere schönen Piutim, diese poetischen Meisterwerke, welche in richtiger Form, wie ich es von Hause aus gewöhnt bin, vorgetragen, ihre Wirkung selbst auf das verstockteste Gemüth nicht verfehlen, wurden hier im wahren Sinne des Wortes von den Vorbetern hergeleiert. Wir Soldaten sahen uns gegenseitig an und fragen einander: „Sind wir hier wirklich in einem Gotteshause?" Wir blieben jedoch in Ermangelung eines besseren Ortes, Jeder für sich betend und die Umgebung unbeachtet lassend. Trotz dieser hier allgemein herrschenden Rohheit hatten wir doch noch am 'r'» Abend nach beendigtem Gottesdienst eine Einladung zu Tisch erwartet, damit uns dadurch Gelegenheit geboten würde, an diesem Tage izo zu speisen. Aber Keiner regte sich. Ja, Einige von uns, die dieses Ersuchen mit der begleitenden Bemerkung stellten, daß sie gern Alles bezahlen wollten, wurden unter leeren Ausreden abschläglich beschieden. Die Leute zeigten, daß sie keinen Funken von Bruderliebe, von Gastfreundschaft besitzen, welche im großen Ganzen uns Juden doch angeboren ist und welche wir doch förmlich mit der Muttermilch einsaugen. Unmöglich ist es mir, Ihnen den Schmerz zu beschreiben, den wir Alle empfanden, als wir 'd'» Abend in einem christlichen Local „frühstücken" mußten. Während aus der Heimath, beispielsweise aus Posen, die Nachricht einging, daß die französischen jüdischen Gefangenen wie Brüder dort ausgenommen, und dort auf Kosten der Gemeinde während der Festtage iwd gespeist wurden, wurden wir hier mit der größten Rücksichtslosigkeit behandelt. Jedem von uns war es klar, daß die Franzosen noch lernen müssen, wie sie sich als Juden zu betragen und in welcher Weise sie Glaubensgenossen , die sich in solcher Lage befinden, entgegen zu kommen haben. M. H. aus G. (Nachbemerkung der Redaction: Wir haben im Vorstehenden der berechtigten Klage des Herrn M. H. Ausdruck gegeben; allein, es läßt sich Vieles zur Entschuldigung der französischen Israeliten Vorbringen. Wir sind fest überzeugt, daß, wenn HerrH. in friedlichen Zeiten nach Versailles gekommen wäre, er bei den dortigen Israeliten eine gastliche Aufnahme gefunden hält.'. Tausende deutscher Israeliten haben ehedem in Frankreich die größten Wohlthaten genosien. Das dürfen wir nicht vergessen. Die Franzosen befinden sich gegenwärtig im Elende, in der Verzweiflung. Und wer weiß, in welche Stellung sich die Israeliten zu Versailles ihren Mitbürgern gegenüber gebracht, wenn sie „Preußen" Gastfreundschaft gewährt hätten! In so aufgeregten Zeiten ist Alles zu befürchten. Aber alles Dies rechtfertigt die Versailler Israeliten keinesweges; sie hätten vor Allem ihrer Bruderpflicht genügen sollen.) Zeitungsnachrichten und Corresppn- -enzen Deutschland. Mainz, 4. Nov. Seitdem die „Jsr. Wochenschrift", bekanntlich das Organ des Breslauer Seminars, existirt, ergeht sie sich in kleinlichen Nergeleien gegen uns, wozu der Anlaß oftmals bei den Haaren herbeigezogen wird. In der jüngsten Nummer finden wir eine Behauptung, die näher zu bezeichnen uns der Anstand verbietet. Wir wollen sie zum Ergötzen unserer Leser hierhersetzen. Die „Jsr. Wochenschrift" schreibt: „Im Uebertreiben der Zahl der jüd. Soldaten ist dagegen der „Israelit" besonders stark. Er hat dieselbe zuerst auf 30,000 angegeben, neuerdings aber dkfiliren in seinen Spalten gar 75,000 Juden vorbei! Ein wahres Bar bar Chana Stückchen!" Unsere Leser wissen am Besten, daß nur von vornherein die Zahl der isr. Soldaten in sämmtlichen deutschen Heeren auf 10 bis 15,000 angegeben, und daß wir auch das lediglich als Vermuthung ausgesprochen haben, da genaue statistische Angaben darüber nicht existiren. Mainz, 4. Nov. Nach uns zugehenden Mittheilungen beruht der Bericht der politischen Blätter von 52 in Wittenberg internirten isr. Kriegsgefange-

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